Berliner Türme
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05.11.2014

Historiker zur Situation der Kirchen nach der Wiedervereinigung "Volkskirchliche Strukturen sind verloren"

Während der friedlichen Revolution waren Kirchen in der DDR ein wichtiger Ort des Protestes. Nach der Wende sind die Kirchen in den neuen Bundesländern aber leer. Thomas Großbölting erklärt im domradio.de-Interview, warum.  

domradio.de: Wie schaffte es die SED, die Kirchen für die Menschen in der DDR unattraktiv zu machen?

Prof. Thomas Großbölting, Universität Münster: Das kann man relativ genau verfolgen, indem man auf einige statistische Daten schaut. Also wann beginnen die Menschen, ihre Kinder nicht mehr taufen zu lassen, wann verlässt man auch offensiv die Kirchen. Dann sieht man doch, dass insbesondere in der zweiten Hälfte der 50er Jahre, als viele Christinnen und Christen in eine Entscheidung gezwungen wurden, die Jugendweihe als das staatliche Substitut für Firmung und Konfirmation zu akzeptieren oder eben der Kirche den Rücken zu kehren. Als man in diese Situation gezwungen wurde, brachen ganz grundlegende volkskirchliche Strukturen zusammen, so dass wir dann in den 60er und 70er Jahren beobachten können, wie tatsächlich die Zahl der Kirchenmitglieder, aber auch die Beteiligung an Gottesdiensten, an Sakralpraxis usw., stark zurückgegangen ist.

domradio.de: Trotzdem muss man sagen, dass der Anteil der Kirchen an der Wende nicht unwichtig war, wenn man vor allem daran denkt, wie viele Menschen in den Kirchen Halt gesucht haben, zum Beispiel in der Nikolaikirche in Leipzig. Wie kann man das dann erklären?

Großbölting: Der Anteil der Kirchen war ein ganz wichtiger. Ich glaube, dass insbesondere die größere evangelische Kirche als die einzig relativ freie Institution innerhalb der SED-Diktatur Räume und Möglichkeiten geboten hat, um eigenen Willen zu artikulieren und für diese Demonstrationen entsprechend zu werben. In dem Moment waren die Kirchen in vielerlei Hinsicht eine Art von Container, in dem sich der allgemeine Protest hat artikulieren können. Viele derjenigen, die in Kirchendiensten gearbeitet haben, als Pfarrerinnen oder Pfarrer oder auch in der Verwaltung, haben ja genau diesen Weg gesucht in eine alternative kirchliche Öffentlichkeit hinein. Sie haben ein Theologiestudium begonnen, nicht immer nur unbedingt aus eigener Glaubensüberzeugung, sondern auch weil man dort eine Alternative zu den staatlichen Universitäten, zu den staatlichen Vorgaben entsprechend, sah.

domradio.de: Warum haben die Kirchen es nach der Wende so schwer?

Großbölting: Nach der friedlichen Revolution war die Illusion da, dass diejenigen, die in die Kirchen geströmt waren, um dort politisch zu demonstrieren, eben auch eine persönliche Glaubenshaltung damit verbunden hätten. Wenn man tatsächlich eher darauf schaut, dass diese Kirchenräume eben als Container gedient haben, wo dieser Protest sich artikulieren konnte, dann erklärt sich rasch, warum nach 1990 die entsprechenden Hoffnungen schnell zerstoben sind. Dass nämlich diejenigen, die die Kirchen brauchten, um ihren Protest zu artikulieren, später dann nicht als Gläubige in die Gemeinden strömten.

domradio.de: Bischof Ipolt aus Görlitz meint, dass es nach der Wiedervereinigung für die Kirchen nicht leichter geworden sei: "Früher wußte man genau, wo der Feind des Glaubens saß. In der heutigen pluralen Gesellschaft wissen viele nicht mehr so genau, was dem Glauben schadet und was dem Aufbau der Gemeinde dient". Was sagen Sie dazu?

Großbölting: Ich glaube, dass man diese Haltung sehr gut erklären kann. Daraus spricht eins zu eins das Konzept der kleinen Herde, das insbesondere die katholische Kirche in der DDR verfolgt hat. Die Idee ist gewesen, man zieht sich auf sich selbst zurück, versucht auf diese Art und Weise dem Staat möglich wenig Angriffsfläche zu bieten und diejenigen zusammenzuhalten,  die in irgendeiner Art und Weise sich zu diesem Glauben weiter bekennen zu wollen. Ich glaube nicht, dass dieses Modell für eine pluralistische demokratische Gesellschaft wie die unsere, oder wie der des wiedervereinigten Deutschland seit den 1990er Jahren, in irgendeiner Art und Weise erfolgsversprechend ist. Es wird kritisch diskutiert, ob es die richtige Strategie schon zu DDR-Zeiten war, aber ich glaube, dass es insbesondere nach der Wiedervereinigung eigentlich eine verfehlte Haltung ist.

domradio.de: Wie kann man es trotzdem schaffen, die Menschen, die ja den Glauben wirklich verloren haben in DDR-Zeiten, wieder an sich binden zu können?

Großbölting: Ich bin mir nicht sicher, ob man das prinzipiell schaffen kann. Die Entwicklung im Westen spricht eigentlich auch dagegen. Man wird davon ausgehen müssen, dass die volkskirchlichen Strukturen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern eigentlich verloren sind. Man wird gucken müssen, wo man tatsächlich missionarische Aufbrüche schafft in dem Sinne, dass man durch die eigene Botschaft und das eigene Handeln überzeugt und damit eben neu soziale Zusammenhänge stiftet, die nicht mehr nur darauf aus sind, die alten volkskirchlichen Strukturen entweder zu halten, wie im Westen, oder doch wiederherzustellen, wie im Osten.

domradio.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Matthias Friebe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

 

(dr)

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