Weltweite Bedrohung durch den Klimawandel
Weltweite Bedrohung durch den Klimawandel
Der Weltklimarat in Kopenhagen
Der Weltklimarat in Kopenhagen

03.11.2014

"Brot für die Welt" zum Weltklimabericht "Es drohen Kriege um Ressourcen"

Der Weltklimarat hat seinen Bericht veröffentlicht. Sabine Minninger, Referentin für Klima- und Energiepolitik beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt, erklärt im domradio.de-Interview, warum der mal wieder so bedrohlich ausfällt.

domradio.de: Alarm und Hoffnung. Kann man das so zusammenfassen?

Minninger: Ja, das ist, glaub ich, eine gute Zusammenfassung dieses zusammenfassenden Berichts. So heißt er auch. Das ist der Synthesebericht des Weltklimaberichts, der in Kopenhagen vereinbart worden ist. Das heißt, es ist die Zusammenfassung von drei Teilberichten, die in den letzten Monaten vorgestellt und auch von den Vertragsstaaten abgestimmt und abgenommen worden sind.

domradio.de: Ein großes Thema war, wie so oft, die Klimaerwähnung. Es wird immer über das so genannte Zwei-Grad-Ziel gesprochen. Wie groß sind denn die Gefahren für uns Menschen hier auf der Erde, wenn es bei diesen zwei Grad, die man hofft einhalten zu können, bleibt? Und was, wenn es dann doch darüber hinaus geht?

Minninger: Der Bericht zeigt ja sehr deutlich auf, wieviel CO2 wir noch verbraten dürfen, um unterhalb des Zwei-Grad-Ziels zu bleiben. Ziel ist auch ein falsches Wort. Wir wollen ja nicht das Zwei-Grad-Ziel erreichen, sondern eben darunter bleiben. Damit haben wir ein CO2-freundliches Budget verteilt bekommen. Das war schon mal eine große wissenschaftliche Erkenntnis, dass wir noch etwa 1000 Gigatonnen haben, oder anders ausgedrückt: wenn wir so weiterleben wie bisher, also so einen ungesunden Lebensstil pflegen, dann ist dieses Budget in den nächsten 30 Jahren aufgebraucht. Dabei soll es doch eigentlich für die Zukunft der Menschen zur Verfügung stehen. Das heißt, wir müssen jetzt auf der Stelle umschwenken, damit wir eben diese zwei Grad nicht überschreiten. Denn keiner weiß, wie wir leben werden, wenn wir - so sieht es im Augenblick aus - bis Ende des Jahrhunderts in einer vier Grad wärmeren Welt leben. Hier kann sich keiner ausmalen, was das bedeuten wird.

domradio.de: Es heißt, man kann noch nicht absehen, welche Klimafolgen das haben könnte, wie gefährlich das Leben dann möglicherweise sein könnte.

Minninger: Doch. Es gibt hier schon einige Aufschlüsse, aber es werden natürlich dann Kettenreaktionen in Gang gesetzt und das menschliche Verhalten ist ja in der Hinsicht auch nicht wirklich vorhersehbar. Wir wissen, einige Landstriche wird es dann nicht mehr geben oder sie werden dann nicht mehr bewohnbar sein. Was wird das bedeuten? Man kann also mit kriegerischen Auseinandersetzungen um Ressourcen und Land rechnen. Das sagt der Bericht auch aus. Er geht davon aus, dass es Kriege geben wird, um Zugang zu finden zum Beispiel zu Wasser.

domradio.de: Deswegen gibt es ja diese Anstrengungen, um einen besseren Klimaschutz, um die Energiewende voranzubringen. Die Bundesregierung sieht sich ein bisschen als Vorreiter beim Umwelt- und Klimaschutz. Sehen Sie das auch so angesichts dieses Berichts?

Minninger: Nein, Deutschland hat die Vorreiterrolle im Klimaschutz abgegeben. Wir waren Vorreiter, weil wir weltweit als erste die Energiewende, auch mit so einem Begriff, eingeläutet haben. Aber hier ist von Vorreiterrolle keine Rede mehr, im Gegenteil: Die Kohle erfährt eine Renaissance in Deutschland, in einer beispiellosen Art und Weise. Wer sich Klimaschützer nennen will, der darf nicht in dieser Art und Weise agieren. Hier muss man die Bundesregierung kritisieren. Wir brauchen einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kohleverstromung.

domradio.de: Weil sonst was passiert? Das CO2-Ziel ist dann nicht mehr zu erreichen?

Minninger: Doch, das Zwei-Grad-Ziel können wir noch einhalten. Technisch ist es möglich, es fehlt nur am politischen Willen. Ich zähl hier auf die breite gesellschaftliche Zustimmung in Deutschland. Wir haben es auch geschafft, die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Dafür war eine Katastrophe wie Fukushima leider nötig. Ich hoffe, wir müssen nicht auf eine Klimakatastrophe warten bis die deutsche Bevölkerung Druck ausübt auf die politischen Entscheidungsträger, bis es hier wirklich zu einem Umdenken kommt und man eben aus der Kohleverstromung aussteigt. Technisch gesehen ist es kein Problem. Sogar zeitlich gesehen geht es noch ziemlich gut, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Ein bisschen schwieriger wird es werden, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, was für Viele, gerade die ärmsten Länder dieser Erde, dringend und überlebensnotwendig wäre. Aber selbst das würde gehen, wenn man das nutzt, was wir jetzt schon an technischem Know-how haben. Die erneuerbaren Energien sind da. Wenn man die im großen Stil ausbaut und das auch nutzt und vernünftig einsetzt, ist noch alles möglich. 

domradio.de: Das sind Ihre Forderungen an die deutsche Politik. Sie haben aber auch schon die Gesellschaft angesprochen. Inwieweit sind wir alle, jeder Einzelne, angesprochen, beim Klimaschutz mitzuwirken? Was können wir tun?

Minninger: Das kam beim Bericht auch ganz deutlich raus und Ban Ki Moon hat es auch nochmal angesprochen in der Abschlusspressekonferenz. Es gibt ein paar Punkte, die müssen geändert werden. Zum Beispiel die Landnutzung, die Landwirtschaft, Energieeffizienz, der Ausstieg aus der Kohle, das Setzen auf nachhaltige Technologien. Der letzte Punkt, der genannt wurde: Die Änderung von Lebensstilfragen. Hier ist jeder Einzelne gefragt. Ist es en vogue, dass man am Wochenende für einen Tag nach Mailand fliegt, um shoppen zu gehen, und abends wieder zurück, weil die Billigflieger das gerade für einen Euro anbieten, dann sollte man vielleicht darauf verzichten, wenn es nicht dringend notwendig ist. Oder indem man bestimmte Lebensstilfragen einfach einer eigenen Klimaprüfung zu unterziehen. Brauche ich das? Muss ich das? Ehrlich gesagt, es bedeutet auch keine große Einschränkung - das Fliegen ist jetzt eines der größeren Themen - aber ob man zum Beispiel einen grünen Stromanbieter wählt, statt einen Stromanbieter, der nur auf fossile Energieträger setzt, das hat mich eigentlich nur das Ausfüllen eines kleinen Formulars gekostet. Das war keine große Anstrengung.

Das Gespräch führte Matthias Friebe.

(dr)

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