Jüdische Siedler in Ostjerusalem
Jüdische Siedler in Ostjerusalem
Autofahrer raste in Haltestelle
Autofahrer raste in Haltestelle

23.10.2014

Jerusalemer Medien spekulieren über "leise Intifada" Nach Angriff an Haltestelle

Der Anschlag in Jerusalem offenbart: Israel steht Einzeltätern beinahe machtlos gegenüber. Die Antwort des jüdischen Staates ist erhöhte Polizeipräsenz. Ein Mann war mit einem Auto in Menschen an einer Haltestelle gerast.

Das Auto fährt die Straße entlang, der Verkehr fließt. Plötzlich schert es aus, biegt nach rechts ab. Ohne zu bremsen rast der Wagen über den Bordstein der Haltestelle. Rammt die Menschen, die am Bahnsteig auf die einfahrende Straßenbahn warten. Er stoppt nicht, als er die ersten Passanten überrollt, offenbar gibt er sogar Gas. Fährt weiter, den ganzen Bahnsteig entlang. Wer dort steht, wird von ihm erfasst. So zeigt es ein Video der Verkehrsüberwachung, das von dem mutmaßlichen Angriff in Jerusalem im Internet kursiert. Mehrere Menschen wurden am Mittwochabend verletzt, ein drei Monate altes Baby getötet.

Polizei spricht nur zögerlich von Terror-Anschlag

Die Polizei nennt die Tat nur zögerlich einen Terror-Anschlag - zu gewaltig ist der Begriff, zu viele Ängste schürt er. Terror, das klingt nach den Selbstmordattentaten der Jahrtausendwende, als Palästinenser sich in Bussen und an Kreuzungen in die Luft sprengten und oft Dutzende Menschen mit sich in den Tod rissen. Die israelischen Medien sind weniger vorsichtig. Am Tag nach dem Angriff schreibt die Nachrichtenseite "ynet" von einer "leisen Intifada", einem schleichenden Palästinenseraufstand.

Dabei schwelt es in Jerusalem seit Monaten. Mitte Juni wurden drei israelische Jugendliche im Westjordanland entführt, Ende des Monats fand man ihre Leichen. Wenige Tage danach war ein palästinensischer Teenager aus Ostjerusalem tot. Drei jüdische Israelis haben den Mord mittlerweile gestanden. Die Polizei geht davon aus, dass der Palästinenser aus Rache sterben musste. Die jüdischen Nationalisten hatten ihn bei lebendigem Leib angezündet.

Die Krawalle dauern nach Gaza-Krieg an

Als der Mord bekannt wurde, flogen in Jerusalem Pflastersteine und Brandflaschen, Reifen brannten. Es gab Verletzte, Festnahmen, der Gaza-Krieg begann. Mit der Waffenruhe Ende August, so hofften viele, würde wieder Ruhe einkehren. Doch die Krawalle gingen weiter.

Während der jüdischen Feiertage verbarrikadierten sich Palästinenser in der Al-Aksa-Moschee und attackierten die Sicherheitskräfte. Die Polizei beschränkte den Zugang zum Tempelberg - und Hunderte Palästinenser demonstrierten dagegen. Als Anfang der Woche neun jüdische Familien in Wohnungen im Stadtteil Silwan in Ostjerusalem einzogen, bewarfen Palästinenser ihr Haus nur Stunden später mit Steinen und Brandflaschen. Auch im Westjordanland kam es zu Protesten. Israels Sicherheitskräfte antworten auch mit scharfer Munition. Vergangene Woche wurde ein 13-jähriger von einem Soldaten erschossen.

Hardliner fordert mehr Siedlungsbau

Israel wusste um die Gefahren, die eine derart aufgeheizte Stimmung mit sich bringt. Erst im August hatte ein Baggerfahrer in Jerusalem einen Bus gerammt und einen Israeli getötet. Die Polizei versuchte zu beruhigen, versprach, die Sicherheit zu erhöhen. Einem Bericht der Zeitung "Haaretz" zufolge kündigte Jerusalems Polizeichef an, die Stadt mit Polizeikräften "zu fluten".

Doch in Wahrheit können Israels Sicherheitsbehörden derartige Anschläge kaum verhindern. Sprengstoffanschläge wie in der Vergangenheit bedürfen einer Vorbereitung. Der israelische Geheimdienst versucht mit allen Mitteln, derartige Vorgänge frühzeitig zu entdecken. Aber ein Einzeltäter, der sein Auto als Waffe benutzt und die Tat nicht ankündigt, ist kaum aufzuhalten.

Israelische Hardliner sehen in der Tat ein Signal an die jüdische Bevölkerung Israels. Nicht die Verzweiflung treibe die Palästinenser an, sagte Wirtschaftsminister Naftali Bennett. "Im Gegenteil, die sind von Hoffnung getrieben und der Aussicht, uns von hier zu vertreiben." Es sei wichtig, nicht nachzugeben, ein Zeichen zu setzten, sagte Bennett. Und weiter Siedlungen zu bauen, in Ostjerusalem und dem Westjordanland.

Alexandra Rojkov
(dpa)

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