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22.10.2014

Theologe zieht Bilanz über ISAF-Einsatz in Afghanistan "Nur sehr kleine Fortschritte"

Es kann noch bis zu zwei Generationen dauern, bis in Afghanistan stabile politische Verhältnisse herrschen. Zu dieser Einschätzung kommt der Theologe Heinz-Gerhard Justenhoven bei der Konferenz der Militärgeistlichen. 

domradio.de: Hat sich die Situation durch den Einsatz der ISAF- Schutztruppe in Afghanistan rückblickend verbessert oder verschlechtert?

Heinz-Gerhard Justenhoven (Institut für Theologie und Frieden): Ich glaube, es lohnt sich, mal einen Rückblick zu halten, wo Afghanistan im Jahr 2001 gestanden hat, bevor der Einsatz begonnen hat. Wir haben ein Land vorgefunden, das nicht nur physisch zerstört war, sondern auch die komplette Infrastruktur. Durch den über 25 Jahre dauernden  Bürgerkrieg ist nicht nur ein traditionelles Wissen verloren gegangen, es hat auch eine kulturelle und moralische Verwüstung stattgefunden. Ein solches Land, das vorher schon zu einem der ärmsten Länder der Welt gehörte, wieder aufzubauen, das braucht sehr, sehr viel Zeit. Nach 12 Jahren sind wir zwar schon einen deutlichen Schritt weiter, stehen aber noch sehr am Anfang.

domradio.de: Ein großes Problem im heutigen Afghanistan sind Korruption und Klientelismus. Politiker bauen Prachtbauten, während die Menschen Not leiden. Das schürt Hass. Hat der Westen da nicht versagt, was das Prinzip Rechtsstaat angeht?

Justenhoven: Wir haben in der Tat hier ein großes Problem und sind Teil dieses Problems. Es hat damit zu tun, dass Afghanistan es bis heute nicht geschafft hat, eine selbsttragende Struktur zu entwickeln. Das heißt eine ökonomische Grundlage, die genügend Steuern geriert, aus denen heraus der Staat sich finanzieren kann. Durch das Geld, das von externen Geldgebern kommt, ist die Regierung nicht darauf angewiesen, Zustimmung von der Bevölkerung zu erhalten, sondern sie wird durch Gelder von außen stabilisiert. Das hat dazu geführt, dass die Orientierung nicht auf das Wohl der Bevölkerung führt, sondern letztlich auf das, was die internationale Gemeinschaft will. Dies in Kombination mit der grassierenden Korruption ist eines der größten Probleme in Afghanistan. Aber die Frage, wie man dieses Problem lösen kann, darauf gibt es keine leichte und schnelle Antwort.

domradio.de: Inwiefern spielt diese mangelhafte Regierungsführung den Taliban in die Hände?

Justenhoven: Sie ist natürlich Wasser auf die Mühlen, das ist klar. Diese Art des Verhaltens wird offenkundig auch von der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert. Sie sehen auf der einen Seite, wie sich eine kleine politische Elite die Taschen vollsteckt, und auf der anderen Seite leiden die Menschen Not. Afghanistan ist auch heute noch eines der absolut ärmsten Länder der Welt. Was wir versuchen und weiterhin versuchen müssen, ist eine Kombination aus Rechtsstaatlichkeit aufbauen, einen ökonomischen Aufbau, eine Sicherheitslage gewährleisten und eine selbsttragende, politische Struktur in Gang zu kriegen. Aber nochmal, das ist in 12 Jahren nicht zu schaffen. Das ist ein Prozess, der über ein bis zwei Generationen geht. Diese Geduld werden wir aufbringen müssen, ansonsten fällt das Land wieder zurück.

domradio.de: Welche Rückschlüsse kann die Bundeswehr, kann Deutschland, aus dem ISAF-Einsatz in Afghanistan lernen, im Hinblick auf die Konflikte im Irak und in Syrien?

Justenhoven: Wir müssen als erstes bescheidener in der Definition der Ziele werden. Wir haben uns 2001 in dem Petersberger Prozess vorgenommen, einen Staat komplett aufzubauen und haben die Standards sehr hoch angesetzt, Stichwort Rechtsstaatlichkeit. Das muss auch das Ziel sein. Man muss sich aber auch im Klaren sein, dass dies nicht kurzfristig erreichbar ist. Damit haben wir natürlich immense Erwartungen geweckt, vor allen Dingen bei einer westlich-orientierten urbanen Elite. Diesen Menschen müssen wir heute sagen, dass es wesentlich länger dauern wird und dass in ihrer Lebenszeit vielleicht kleine Fortschritte, aber eben nur sehr kleine, möglich sind.

domradio.de: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Aurelia Rütters.

(dr)

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