25.02.2013

Etikettenschwindel nun auch bei Bio-Eiern "Wie Rohlinge einer Eierindustrie"

Lebensmittelskandale galore: Im domradio.de-Interview spricht sich Dr. Rainer Hagencord, katholischer Pfarrer und Leiter des Instituts für theologische Zoologie, dafür aus, dass die Politik ebenso wie Verbraucher stärker in die Verantwortung genommen werden.

domradio.de: Hat Sie das überrascht, dass da wieder unappetitliche Details aus der Eierbranche bekannt geworden sind?

Hagencord: Inzwischen überrascht mich eigentlich so eine Nachricht gar nicht mehr, denn wenn ich die Aktion – auch jetzt konkret zu werden - der Landwirtschaftsministerin angucke, auch der letzten Jahre wo es um Lebensmittelskandale ging, dann erlebe ich da immer ein Ausweichen, ein Aufstellen neuer Kriterienkataloge aber niemals ein Hinweis auf das System. Und das System der Tierhaltung ist ja das im Hintergrund stehende Problem, das mir immer mehr deutlich wird.

domradio.de: Wie ist denn das System, was dahinter steht?

Hagencord: Zugespitzt werden hier Hühner, Puten, Schweine, Rinder wie Rohlinge einer bestimmten Fleisch-, Eier- und Milchindustrie gehalten, unabhängig davon ob diese Tiere vielleicht eine Gefühlswelt haben, soziale Kompetenz, sogar Anfänge von Bewusstsein. Sie werden eingezwängt in Systeme um uns möglichst billige Lebensmittel zu verschaffen.

domradio.de.: Und um möglicherweise auch dem der diese Lebensmittel auf den Markt bringt, auch Profit zu bringen?

Hagencord: Das ist der andere Punkt und da setzt auch die zweite Kritik an, dass die Wege ja inzwischen völlig undurchsichtig sind. Das ist beim Pferdefleisch deutlich geworden. Da haben ja wahrscheinlich alle Hörer und Hörerinnen mitbekommen, dass da über Rumänien und Zypern und Luxemburg und den Niederlande also die Fleischlieferanten ihre Wege gefunden haben und hinter all dem steht ja, wie sie es auch angedeutet haben Profitmaximierung. Also wenn uns da auch die Lebensmittelindustrie weismachen will ‚es ginge ihr um unsere Gesundheit‘ ist das auch ein Etikettenschwindel. Und zwar der allergrößte Etikettenschwindel. Es geht hier um Profitmaximierung vor allem der Fleisch- und jetzt in diesem Fall auch Eierindustrie. Von der Pharmaindustrie, die ja hinter all dem auch nochmal steht und gigantische Summen verdient an Antibiotika mal ganz zu schweigen.

domradio.de: Wenn man jetzt diese aktuellen Skandale nimmt, die ja durchaus überhaupt nicht die ersten ihrer Art sind. Also Stichwort Dioxin in einem Ei oder Gammelfleisch. Wie kann das sein, dass sich offenbar mit all diesen Skandalen immer nichts wirklich geändert hat?

Hagencord: Also ein Schlüssel liegt sicherlich in der Politik und da haben wir es gerade in Gestalt von Frau Aigner eher mit einer Fleisch- und Lebensmittelindustrieschutzministerin zu tun, die also den Lobbys gehorcht und eben nicht das Verbraucherwohl im Blick hat. Der zweite Schlüssel liegt bei den Verbrauchern und Verbraucherinnen, die ja immer mal wieder ein fast pathologisches Verhalten an den Tag legen. Fragen sie die Leute vor dem Supermarkt ‚Sind sie gegen Massentierhaltung?‘, sagen ihnen 98 Prozent ‚Ja!‘. Fragt man die gleichen, warum sie denn hinterher genau dieses Fleisch und diese Eier aus der Billigproduktion gekauft haben, dann schütteln die wahrscheinlich wieder mal mit dem Kopf und sagen ‚Ja, es ist halt so billig‘. Also die beiden Schlüssel sind sicherlich nochmal ganz genauer anzuschauen.

domradio.de: Sie haben die Politik und Frau Aigner erwähnt. Frau Aigner sagt ja, dass es einfach wichtig ist die bestehenden Vorgaben, dass die Kontrollen ordentlich stattfinden.

Hagencord: Da stimme ich ihr ja auch voll zu. Nochmal, ich traue einer Verbraucherschutzministerin zu oder ich würde das sogar von ihr erwarten - zumal sie ja ein C im Namen ihrer Partei führt - mal auf die Hintergründe hinzuweisen, auch mal was von der Haltung der Menschen, die dann die Tiere so und so halten und sie auch mal zu bitten von der Haltung zu sprechen. Und auch mal einzuwirken, sowohl auf die Produzenten und Produzentinnen der Lebensmittel als auch auf die Verbraucher und Verbraucherinnen. Also da komme ich jetzt als Theologe und Christ daher, der sagt ‚Wir leben im christlichen Abendland‘ und die grundliegenden Fragen ‚Wie verstehen wir uns als Menschen und welches Verständnis haben wir von den Tieren und der Natur?‘, die liegen doch oben auf und die müssen doch  ganz neu bedacht und besprochen werden angesichts der ökologischen Katastrophe in der wir uns befinden und in der Tiere eben behandelt werden wie Rohlinge einer bestimmten Industrie.

domradio.de: Wir haben eben gesagt, die meisten Menschen befürworten ökologische und tierfreundliche Haltung und kaufen dann doch die billigen Produkte. Es gibt aber ja auch Menschen, die zahlen jetzt auch sehr bewusst 10 Cent mehr pro Ei, gerade bei Eiern hat sich das ja sehr geändert. Jetzt zahle ich mehr, habe da  Bio und Freilandhaltung und am Ende ist doch alles wieder nur Etikettenschwindel. Was raten Sie denn den Käufern, was können die denn tun?

Hagencord: Ja, da bin ich dann tatsächlich auch ein bisschen ratlos. Was mir einfällt ist – ich denke jetzt nochmal als Mann der Kirche – auf die Netzwerke zu bauen. Es gibt in allen Pfarrgemeinden Arbeitskreise zur Bewahrung der Schöpfung. Hier können sich doch die Menschen mal kundig machen, wo sind in ihrer Gemeinde Landwirte und Landwirtinnen, denen man bei der Arbeit zuschauen kann. Wo man weiß wie die Tiere gehalten werden. Mit denen kann man verhandeln, da kann man Kooperationen eingehen mit den Pfarrgemeinden und auch als einzelne Christen und Christinnen hier dem Netzwerk auch der Kirchen zu vertrauen. Wer nicht kirchlich organisiert ist, kann ja mal in den Kegelclub oder in den Sportverein reinschauen, wo kann sich da mal jemand kundig machen und genau hinfahren, hinschauen wie die Tiere gehalten werden, wie die Eier produziert werden um dann dieses Netzwerk stark zu machen.

domradio.de: Im Grunde genommen mein Plädoyer einen Bauen um die Ecke zu suchen, wo ich selber gucken kann.

Hagencord: Ich glaube an das Prinzip Regionalität und zudem auch nochmal saisonial, wo wir dann ja von Gemüse und Obst sprechen. Das sind nachhaltige Weisen, um unsere Lebensmittel in guter Weise zu erzeugen und auch mit gutem Gewissen essen zu können.

domradio.de: Was glauben Sie, was kommt als nächstes?

Hagencord: Ich glaube ja weiterhin, dass die Fleischindustrie das größte Problem ist und etwas sarkastisch gesagt, irgendwann wird dann eben doch ein Stück Rattenfleisch gefunden werden oder doch das Stück Hund aus China, - und vielleicht wird spätestens dann mal den Leuten aufgehen, was für ein System sie da unterstützen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

 

(DR)

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