Religiös motivierte Beschneidung: Religionsfreiheit vor Recht auf Unversehrtheit?
Religiös motivierte Beschneidung: Religionsfreiheit vor Recht auf Unversehrtheit?

25.07.2012

Politikwissenschaftler Heiner Bielefeldt über Religionskritik "Die Beschneidungsdebatte prägt ein verächtlicher Ton"

Die Debatte um jüdische und muslimische Beschneidungen bedeutet für den UN-Sonderberichterstatter über Religionsfreiheit, Heiner Bielefeldt, eine Zäsur: Erstmals finde ein verächtlicher Grundton gegenüber Religionen breitere Resonanz. Im Interview warnt der Politikwissenschaftler am Mittwoch in Erlangen vor Respektlosigkeit gegenüber Religionen.

KNA: Herr Professor Bielefeldt, wie bewerten Sie die aktuellen Diskussionen um die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jungen?
Bielefeldt: Dass eine emotional geführte Debatte stattfindet, kann nicht überraschen, weil es um wichtige Fragen geht: Kinderrechte, Elternrechte sowie die Religionsfreiheit. Erschreckend sind aber das Ausmaß an Polarisierung, kulturkämpferischer Aufheizung und der sehr aggressiv verächtliche, ausgrenzende Ton, in dem über Religion geredet wird. Wir erleben gerade eine neue Bruchlinie in der deutschen Gesellschaft. Das macht mir Sorgen.

KNA: Wo sehen Sie die Grenzen legitimer Kritik und Reformforderungen an Religionen überschritten?
Bielefeldt: Wenn es um Meinungsäußerungen geht, ist - wenn man von Extremfällen wie Volksverhetzung absieht - in juristischer Betrachtung bei uns fast alles möglich. Die Schwelle für strafrechtliche Eingriffe in die Meinungsfreiheit ist hoch und muss auch ganz hoch bleiben. Aber für eine Gesprächskultur sind Slogans wie "Glaubst Du noch, oder denkst Du schon?" oder der zynische Rat mit Blick auf die hygienischen Folgen der Beschneidung, einfach öfter mal zu duschen, sehr befremdlich und schädlich.

KNA: Dürfen Außenstehende die Religionen nicht dazu auffordern, sich zu modernisieren und alte Traditionen zu überprüfen?
Bielefeldt: Reformen hat es innerhalb der Religionen immer gegeben. Veränderungen dürfen auch von außen thematisiert und angeregt werden. Aber im herrischen Ton mit dem Strafrecht zu drohen, ist kein geeignetes Mittel, um interne Debatten voranzubringen. Das ist vielmehr Ausdruck von Respektlosigkeit.

KNA: Was sagt die Beschneidungsdebatte über den Umgang mit jüdischem Leben in Deutschland?
Bielefeldt: Wir erleben gerade eine Zäsur: Verächtliche, aggressive Religionskritik traf bislang vor allem Muslime. Ich dachte noch vor kurzem, dass gegenüber dem Judentum die Kritik behutsamer sei. Das erlebe ich jetzt anders. Der ätzende, verächtliche Grundton findet breite Resonanz und trifft die Religionen insgesamt.

KNA: Kinderärzte haben sich nach dem Urteil zu Wort gemeldet und warnen vor Komplikationen und kindlichen Traumata infolge von Beschneidung. Was heißt das für eine gesetzliche Neuregelung?
Bielefeldt: Es gibt medizinisch verschiedene Einschätzungen, die sich teils widersprechen. Ich bin kein Mediziner und kann und will das nicht beurteilen. Wichtig ist, dass die Gesichtspunkte zum Schutz des Kindes klar zur Sprache kommen. Wir müssen schauen, wie wir alle Argumente zusammenbringen. Soweit ich weiß, hat der Kinderrechtsausschuss der UNO, der für die Umsetzung der UNO-Kinderrechtskonvention verantwortlich ist, die Praxis der Knabenbeschneidung als solche bislang nicht öffentlich kritisiert, wohl aber angemessene medizinische Bedingungen dafür gefordert

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