Kreuzweg durch die Via Dolorosa
Kreuzweg durch die Via Dolorosa

14.04.2017

Karfreitags-Gedränge auf der "Via Dolorosa" Der "Schmerzensweg" durch die Altstadt

Für viele Millionen Katholiken gehört der Kreuzweg traditionell zum Karfreitag. Besonders eindrucksvoll sind die 14 Stationen am Originalschauplatz. Ein Gang durch die "Via Dolorosa" lässt niemanden kalt.

Sie ist ein Kernstück des christlichen Glaubens: die Geschichte der Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Nirgendwo wird sie so greifbar wie am überlieferten Ort ihres Geschehens: der "Via Dolorosa", dem Weg, den Jesus nach biblischer Überlieferung vor seiner Kreuzigung durch die Altstadt von Jerusalem genommen hat.

Besser gesagt - nacht mittelalterlicher Tradition. Denn historisch ist der Verlauf der Via Dolorosa, wie er seit dem Mittelalter gegangen wird, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Wahrscheinlicher ist, dass Jesus von Südwesten her über den Zionsberg zum Ort der heutigen Grabeskirche zog, sagt etwa der evangelische Chefarchäologe im Heiligen Land, Dieter Vieweger.

Tausende Pilger säumen die Straße

Ob historisch oder nicht - die Via Dolorosa zieht Pilgergruppen an: täglich, wöchentlich freitags zu einer besonderen Prozession im Gedenken an Jesu letzten Weg und vor allem einmal im Jahr an Karfreitag. Tausende Pilger drücken sich dann entlang der 14. Stationen des Kreuzwegs, der in der Grabeskirche endet. Viele von ihnen tragen Kreuze mit sich, manche laden sich gar ein Holzkreuz in realistischer Größe auf. Vermietet werden sie seit Generationen von einer muslimischen Familie. Hier und da sieht man eine Dornenkrone auf einem gläubigen Haupt, manchmal einen Pilger im römischen Gewand.

Ins Gebet vertieft sind viele. "Eigentlich könnten wir jeden Tag hierher kommen", sagt der in Jerusalem geborene Christ Francis Hallac. Doch Hallac kommt mit der ganzen Familie zum Karfreitag, denn dieser Tag sei "im Jahr einmalig, nicht nur wegen der Menschen, die aus aller Welt kommen, um den Weg gemeinsam zu gehen". "Dem Kreuz nachfolgen", darauf komme es an diesem Tag an, "denn Jesus starb für uns alle".

Besonders die Prozession habe sie angezogen, sagt auch Melanie Koller aus der Schweiz. Ein Kreuztattoo ziert ihren Oberarm; religiöse Hintergründe habe dies aber ebenso wenig wie ihr Besuch in Jerusalem ausgerechnet über Ostern. "Trotzdem ist es spannend, das hier zu erleben, und ob historisch oder nicht, es hat einen eigenen Wert als Symbol!"

"Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm!", dröhnt es aus dem leicht scheppernden Lautsprecher, den ein Franziskaner geschultert hat. Die Stelle, an der in römischer Zeit die Festung Antonia stand, ist heute der Innenhof der muslimischen Mädchenschule Omariya. Außerhalb der Prozessionszeiten ist die erste Station für Besucher geschlossen. Es folgen eine Meditation und Gebete, dann setzt sich die Menge in Bewegung, allen voran die Franziskaner. Seit dem Mittelalter führen traditionell die "Hüter der heiligen Stätten" im Heiligen Land den Kreuzweg an.

"Die Erfahrung von Ostern erleben"

"Es ist sehr besonders zu erleben, wie Jesus all diese Menschen aus der ganzen Welt anzieht", sagt Rinaldo Stecanela Frei. Der brasilianische Priester ist zum sechsten Mal in Jerusalem, diesmal aber kam er, "um die Erfahrung von Ostern hier zu erleben". An den historischen Stätten seines Glaubens zu sein, ist ihm wichtig: "Es hilft mir, die Bibel neu zu lesen."

Die entsprechende Bibelpassage gefolgt von Meditation und Gebeten: Station für Station wiederholt sich die Szene, drängen sich die Menschen durch die Jerusalemer Altstadt, werden die großen Kreuze von Schulter zu Schulter gereicht. Auf der Kreuzung vor dem Österreichischen Hospiz, kurz vor der dritten Station, die durch eine kleine Kapelle der armenischen Katholiken markiert wird, prallen die Welten Jerusalems aufeinander.

Während die Christen sich von Nordost nach Südwest, aus der Richtung Ölberg hin zur Grabeskirche bewegen, strömen Muslime in süd-nördlicher Richtung von den Freitagsgebeten auf dem Haram Al-Scharif. Wenig später kommen mehr und mehr jüdische Beter in entgegengesetzter Richtung - auf dem Weg zur Klagemauer.

Die Konzentration der drei abrahamitischen Religionen wird greifbar; das ohnehin hohe Aufgebot israelischer Sicherheitskräfte ist hier besonders hoch. Daniel Griswald genießt das inklusive Gefühl: "Wir fühlen alle um uns herum, es ist ein universelles Fest, und die gemeinsame Freude vermittelt internationale Verbundenheit", sagt der Sohn eines protestantischen Vaters und einer katholischen Mutter, der mit seiner jüdischen Freundin in Haifa lebt.

Vorbei an Souvenirs und Gewürzen

Jesus fällt zum ersten Mal, heißt es in der christlichen Tradition. Biblische Berichte gibt es dazu ebenso wenig wie zur Begegnung Jesu mit seiner Mutter, derer an der benachbarten vierten Station, ebenfalls auf armenisch-katholischen Grund, gedacht wird. Die Prozession bewegt sich zur Hauptmarktstraße und schiebt sich vorbei an Souvenirs und Gewürzen auf das Dach der Grabeskirche. Die neunte Station ist zugleich Rückgabestelle der geliehenen Kreuze. Die letzten fünf Stationen des Kreuzwegs sind in der Grabeskirche selbst.

Die Kirchen und Kapellen gehören den verschiedenen katholischen Konfessionen. Den Ort jedoch, an dem Jesus nach biblischer Überlieferung am Kreuz starb, begraben wurde und auferstand, teilen sich die Katholiken mit Griechen, Syrern, Äthiopiern, Kopten und Armeniern. Die besonderen Regelungen, die die Spannung aus diesem Miteinander nehmen sollen, führen dabei auch zu Kuriositäten. So wurde etwa die im Zweiten Vatikanischen Konzil erreichte liturgische Neuordnung der Kar- und Osterfeiern nur bedingt übernommen.

Und so feiern die Katholiken bereits am frühen Morgen die Karfreitagsliturgie. Die Prozession, die an den Leidensweg Jesu bis zum Ort seines Sterbens erinnert, folgt erst danach. Die Osternacht wird dafür schon karsamstagsfrüh gefeiert - allen Zeitzonen zum Trotz dürfte somit die erste Ostermesse auf dem Erdkreis immer in Jerusalem gefeiert werden.

Andrea Krogmann
(KNA)

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