Statue an der Heiligen Stiege in Rom: Judas küsst Jesus
Statue an der Heiligen Stiege in Rom: Judas küsst Jesus

13.04.2017

Theologen und Künstler interpretieren Judas immer wieder neu Verräter oder tragische Gestalt?

Judas bietet Stoff zum Nachdenken. Ist er der Verräter des Jesus von Nazareth, wie ihn die Bibel zeichnet? Oder war er ein loyaler Freund - so stellte ihn der vor kurzem veröffentlichte Film "Der Fall Judas" vor.

Er galt als Verräter schlechthin. Begriffe wie "Judas-Lohn" und "Judas-Kuss" sind sprichwörtlich geworden. "Wer war ihr Judas?" titelte im Frühjahr 2005 eine Zeitung, nachdem ein unbekannter SPD-Abgeordneter Heide Simonis seine Stimme bei der Wahl zur Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein versagte.

Schon die vier Evangelien zeichneten den Apostel Judas Iskariot, der Jesus verriet, in zunehmend düsteren Farben und lieferten damit auch eine Blaupause für jahrhundertelangen kirchlichen Antijudaismus. Die alten Bilder haben sich tief eingeprägt: Rembrandt zeigt Judas, wie er seine Silberstücke wegwirft. Dante lässt ihn in seiner "Göttlichen Komödie" in Satans Maul im untersten Kreis der Hölle schmachten.

Historisch kaum rekonstruierbar

Und was für Judas galt, wurde auf alle Juden übertragen: Das Klischeebild vom Juden, der schachert und durch unsaubere Machenschaften auffällt, erwies sich als tödliches Erbe für Millionen. Schon Papst Gelasius (492-496) hat diese Beziehung hergestellt, weil "Judas, der Teufelsgehilfe, seinen verruchten Namen dem ganzen Judenvolk vererbt hat".

Wer der historische Judas wirklich war, lässt sich kaum rekonstruieren. Zu widersprüchlich ist das Bild, das die vier Evangelisten in den 22 Textstellen zeichnen, in denen sie ihn namentlich erwähnen. Einigermaßen sicher ist, dass Judas nicht aus Galiläa stammte, sondern dass der Name auf eine Herkunft aus Judäa deutet. Übereinstimmend berichten die Evangelien auch, dass Jesus ihn fast bis zuletzt im Kreis seiner Apostel behielt.

"Je später ein Evangelium geschrieben wurde, desto negativer das Bild von Judas", hat der Chicagoer Neutestamentler Hans-Josef Klauck festgestellt. Beim ältesten Evangelium nach Markus kommt Judas noch am besten weg: Drei Mal betont Markus, dass Judas "einer der Zwölf" war. Auch gilt er nicht wie bei Lukas als "Verräter", sondern als Werkzeug Gottes. Anders als Matthäus und Johannes unterstellt Markus ihm auch keine Geldgier als Motiv. Er berichtet auch nichts vom Ende des Judas.

Bei Matthäus erhängt sich der Übeltäter aus Reue; in der Apostelgeschichte bricht sein Leib nach einem Sturz auseinander - ein Zeichen des Strafgerichts Gottes. Am härtesten zeichnet das Johannes-Evangelium den Judas: Er wird als "Sohn des Verderbens" beschrieben, von dem der Teufel Besitz ergreift.

Heute ein wohlwollenderer Blick

Trotz dieses harten Schuldspruchs: Heutige Theologen, Künstler und Schriftsteller sehen den Apostel mit mehr Wohlwollen. In Walter Jens' 1975 erschienenem Buch "Der Fall Judas" fordert ein verzweifelter Judas seine Rehabilitation: Er sei nicht ein Verräter, sondern ein fester Posten in Gottes Rechnung. Eric-Emmanuel Schmitt macht Judas in seinem 2005 erschienenen Roman "Das Evangelium nach Pilatus" sogar zum Lieblingsjünger. Jesus selbst habe ihn schließlich zum Verrat aufgefordert und ihn zum Werkzeug der Erlösung gemacht.

Ein ähnliches Bild zeichnet auch das sogenannte Judas-Evangelium, eine Schrift, die wahrscheinlich Mitte des zweiten Jahrhunderts in einer gnostischen Sekte verfasst wurde, bis in die 1970er Jahre als verschollen galt und bei ihrer Veröffentlichung im Jahr 2006 für Aufsehen sorgte. Allerdings gibt es Streit um die Übersetzung und Interpretation: Neuere Übersetzungen lassen Zweifel aufkommen, ob Judas wirklich als engster Freund Jesu dargestellt werde.

Politisch argumentiert der britische Bestsellerautor und Politiker Jeffrey Howard Archer in seinem Buch "Das Evangelium nach Judas, von Benjamin Iskariot". Bei Archer liefert Judas Jesus nicht aus Geldgier an die Schergen des Hohen Rates aus, sondern wegen "enttäuschter messianischer Erwartungen".

Noch weiter geht der kürzlich auf ARTE gezeigte Spielfilm "Der Fall Judas" des Regisseurs Rabah Ameur-Zaimeche. Im Werk des französisch-algerischen Filmemachers gibt es gar keinen Verrat:

"Judas war zu lange die symbolische Figur des Antisemitismus", sagt der Regisseur. Judas bleibt ein glühender Anhänger des galiläischen Rabbis; er nennt ihn "Sohn des Lichts". Jesus seinerseits dankt seinem "Bruder", als Judas den nach 40 Fastentagen völlig entkräfteten Freund auf den Schultern aus der öden Steinwüste zum Jordan schleppt.

Christoph Arens
(KNA)

Sonderseite zur DBK-Vollversammlung

Die deutschen Bischöfen treffen sich ab Montag in Fulda: Themen sind u.a. die neue Missbrauchsstudie und der Weltjugendtag in Panama.

Live: Vollversammlung der Bischofskonferenz

Gottesdienste und Pressekonferenzen im Live-Stream!

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Aktuell: Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs.

DOMRADIO.DE auch auf Alexa

Gottesdienste, Nachrichten und das Evangelium – jetzt täglich auch auf Ihrem Echo und Echo Show!

DOMRADIO in Berlin und Brandenburg

Ab sofort auf DAB+ auch in Berlin und Brandenburg: Das Kölner DOMRADIO!

Mit Willibert in die Heilige Stadt

Im November 2019 ist es soweit: Erkunden Sie das ehrwürdige Rom auf dieser Pilgereise mit dem Rom-Kenner Willibert Pauels, Karnevalsfreunden und DOMRADIO.DE Besuchern auch bekannt als "ne Bergische Jung"!

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 24.09.
06:00 - 06:30 Uhr

DOMRADIO Morgenimpuls

06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

  • Eröffnung der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda
  • Aachener Dom feiert 40 Jahre Weltkulturerbe
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Michaelstag in Banneux
  • Auftakt DBK-Konferenz in Fulda
  • Zerwürfnis in der Ostkirche
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Michaelstag in Banneux
  • Auftakt DBK-Konferenz in Fulda
  • Zerwürfnis in der Ostkirche
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Vatikan schließt Vertrag mit China
  • Faire Woche: BDKJ für kritischen Konsum
  • Misereor: Fluchtursachen bekämpfen statt Grenzen dicht machen!
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Vatikan schließt Vertrag mit China
  • Faire Woche: BDKJ für kritischen Konsum
  • Misereor: Fluchtursachen bekämpfen statt Grenzen dicht machen!
19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Programmtipps

  • Dom zu Fulda von oben
    25.09.2018 07:30
    Gottesdienst

    Herbst-Vollversammlung der Deu...

  • Matthäusevangelium
    25.09.2018 07:50
    Evangelium

    Mt 19,27–29

  • Augsburger Religions- und Landfriede
    25.09.2018 09:10
    Anno Domini

    Augsburger Religions- und Land...

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Empfangsanleitung zum Ausdrucken

Gemeinsam für das Mehr im Menschen

Berufungspastoral im Erzbistum Köln: Dein Platz in Kirche und Welt.

Das ganze Leben

Hilfsangebote der Kirche im Erzbistum Köln.

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Weihbischof Schwaderlapp beantwortet Glaubensfragen