In Köln: Rabbi Jaron Engelmayer
In Köln: Rabbi Jaron Engelmayer

Jaron Engelmayer ist der Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln, die mit fast 5.000 Mitgliedern zu den größten Gemeinden Deutschlands zählt. Rabbiner Engelmayer ist Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands.

07.02.2013

Rabbiner Jaron Engelmayer zu Kölner Karneval und Purim-Fest "Hinterher finden die Leute schon nach Hause"

Während in Köln die Jecken los sind, bereitet sich die jüdische Gemeinde der Stadt auf ein ganz ähnliches Fest vor: Purim. Der Kölner Rabbiner Jaron Engelmayer über Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Feste.

 KNA: Herr Rabbiner Engelmayer, Purim gilt als eines der fröhlichsten Feste im Judentum. Was ist der Anlass der Feier?

Engelmayer: An Purim feiern die Juden die Rettung ihrer Vorfahren vor der Vernichtung im damaligen Perserreich. Das biblische Buch Esther berichtet, dass der persische Minister Haman alle Juden in Persien umbringen wollte. Doch die jüdische Königsgattin Esther rettete das Volk. Für uns ist es ein Wunder, dass sie in dieser bedrohlichen Zeit am Persischen Hof lebte. Wir glauben, es war göttliche Fügung.

KNA: Hat dieses Fest in Deutschland vor dem Hintergrund der NS-Zeit eine besondere Bedeutung?

Engelmayer: Eigentlich nicht. In der Esther-Geschichte wurde die Vernichtung der jüdischen Diaspora verhindert. In Deutschland und Europa hat die Vernichtung tatsächlich stattgefunden. Eine Parallele lässt sich vielleicht doch finden: An Purim feiern wir das Überleben des jüdischen Volkes, und heute können wir sogar in Deutschland feststellen, dass die Absicht des Nationalsozialismus sich nicht verwirklicht hat - jüdisches Leben ist aus Deutschland nicht verschwunden, sondern existiert und blüht auf.

KNA: Wie genau wird dieses Fest gefeiert?

Engelmayer: In einem Gottesdienst wird die Esther-Geschichte vorgelesen, der wichtigste, sinngebende Teil des Festes. Zudem gibt es ein Festmahl mit Brot, Wein, Fisch oder Fleisch. Außerdem schenken die Juden sich an diesem Tag gegenseitig mindestens zwei essbare Dinge, etwa die Haman-Taschen, ein süßes Gebäck. Und die Juden sind aufgerufen, an diesem Tag ärmeren Menschen Geld zu schenken.

KNA: Was sollen diese Geschenke ausdrücken?

Engelmayer: Die Essens- und Geldgeschenke sind ein Zeichen der Liebe und Freundschaft der Juden untereinander. Und man will sicher gehen, dass alle Juden mitfeiern können. In der jüdischen Gemeinde Köln etwa haben junge Erwachsene beim Purimfest des vergangenen Jahres rund 100 Senioren in ganz Köln zu Hause besucht und ihnen Essensgeschenke gemacht. Für derlei karitative Aktionen wurde in der Gemeinde eigens eine Institution gegründet. An drei Feiertagen im Jahr, nämlich Purim, Neujahr und Chanukka, machen Freiwillige den Hilfsbedürftigen eine Freude.

KNA: Gibt es auch Verkleidungen wie beim Karneval?

Engelmayer: Verkleiden tun sich an Purim eher die Kinder. Klassischerweise tragen sie die Helden-Kostüme aus der Purim-Geschichte und spielen sie nach. Viele verkleiden sich auch als Piraten oder Spiderman, wie alle anderen Kinder an Karneval auch. Die meisten Erwachsenen kleiden sich dezenter, sie tragen vielleicht mal einen witzigen Hut. Insgesamt sind sie viel weniger verkleidet als die Erwachsenen beim Kölner Karneval.

KNA: Stimmt es, dass der Talmud vorschreibt, an Purim ordentlich Wein zu trinken?

Engelmayer: Im Talmud heißt es, an Purim solle jeder so viel Wein trinken, bis er nicht mehr unterscheiden kann zwischen 'Verflucht sei Haman' und 'Gelobt sei Mordechai'. Das ist der Cousin und Adoptivvater von Esther, der sich weigerte, vor Haman niederzuknien. Bei der Interpretation dieser Textstelle scheiden sich die Geister.

Es könnte heißen, man solle mehr trinken als üblicherweise, also ein, zwei Gläser Wein mehr. Es könnte aber auch heißen, man solle so viel trinken, dass man am Ende nicht mehr weiß, was man tut. Nach dem gemeinsamen Fest in unserer Gemeinde jedenfalls finden die Leute schon noch ihren Weg nach Hause.

KNA: Feiern die Mitglieder der jüdischen Synagogen-Gemeinde Köln denn auch Karneval?

Engelmayer: In der Tat, einige Mitglieder feiern regelmäßig Karneval mit. Das jüdische Altenheim in der Kölner Ottostraße etwa hat schon drei Mal vom Kölner Dreigestirn Besuch bekommen. Bei ihrem Zusammentreffen 2007 pflanzten die Repräsentanten des Kölner Karnevals im Garten des Altenheims ein Apfelbäumchen. Heute trägt der Baum Früchte.

 Das Interview führte Claudia Zeisel.

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