Neuer Führer zur Tier- und Pflanzenwelt des Kölner Doms
Kreuzerhöhung
Rabenkrähen auf dem Chorkreuz des Doms

22.08.2014

Neuer Führer zur Tier- und Pflanzenwelt des Kölner Doms Es kreucht und fleucht

Erstmals sind Flora und Fauna im und am Kölner Dom eingehend untersucht und beschrieben worden. Der neue Führer "Die Ökologie des Kölner Doms" ist kein biologisches Fachbuch, sondern eine spannende Lektüre für alle.

Wann sie endlich die Domfassaden putzen lassen wolle, ist Barbara Schock-Werner oft gefragt worden. "Dabei ist das doch kein Dreck, sondern Biobewuchs", stellt die frühere Kölner Dombaumeisterin klar. Auch deshalb wäre ihr eine Sandstrahlreinigung, wie sie an der Pariser Kathedrale Notre Dame schon zweimal vorgenommen wurde, nie in den Sinn gekommen. Denn das schade nicht nur der Bausubstanz, sondern auch den dort lebenden Organismen.

Dass es in und an Deutschlands bekanntester Sehenswürdigkeit auch über die täglich rund 25.000 Besucher hinaus jede Menge Leben gibt, weist jetzt der neue Führer "Die Ökologie des Kölner Doms" nach, der am Freitag in Köln vorgestellt wurde. Auf 60 Seiten beschreiben die beiden Biologiedidaktiker Iris Günthner und Bodo P. Kremer die zahllosen Tier- und Pflanzenarten, die in den Fugen, auf den Dächern, unter dem Grabungsareal und im Gebälk der rund 800 Jahre alten Kathedrale hausen. Da geht es weniger um die vielzitierte Kirchenmaus, die laut Schock-Werner Sebastian heißt und fast einmal die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright aus den Schuhen gehauen hätte. Oder die ungeliebten Tauben, deren Menge in den letzten Jahren von über 260 auf unter 100 Paare reduziert werden konnte.

Wolfsspinnen, Mäuse, Möwe, Turmfalken

Das gotische Wahrzeichen von Köln ist laut Domökologin Günthner Heimat von Insekten über Wolfsspinnen bis zu Mäusen, Möwen, Turmfalken, Ringeltauben, Hausrotschwänzen, Zwergfledermäusen, Krähen und einer Schleiereule. Diese habe allerdings noch niemand zu Gesicht bekommen, "nur ihr Gewölle haben wir auf der 20-Meter-Ebene gefunden". Weiter gebe es mikroskopisch kleine Bakterien, niedere Gewächse bis hin zu Blühpflanzen wie Flieder, Sträuchern und kleinen Bäumen. Entsprechend dem Klima zeigten sich an der Nordfassade vor allem Moose und Farne, die es feucht mögen.

"Der Dom ist ein 157 Meter hoher Felsen, an dem Dutzende Tier- und Pflanzenarten leben", sagt die Autorin unter Verweis auf die beiden Domtürme. Die Kölnerin forscht seit 14 Jahren zum Thema, unter anderem, weil so viele Menschen keine Ahnung hätten, was für ein Biotop der Dom sei, wie sie bei Befragungen herausfand.

1.000 Tonnen Biomasse

Auch seien für die "farbenfrohe Patina" am Dom nicht etwa Rußpartikel von den am Kölner Hauptbahnhof verkehrenden Dampfloks verantwortlich. "Totaler Quatsch!", so die Wissenschaftlerin. "Das sind chlorophyllhaltige Pflanzen, die wie wir Menschen Pigmente entwickeln und Sauerstoff produzieren." Insgesamt weist das Weltkulturerbe laut Schätzungen rund 1.000 Tonnen Biomasse auf. Die "tolerante Haltung", die am Dom laut Schock-Werner immer gegenüber der Natur in jeder Form geherrscht habe, hält auch der Hausherr, Domdechant Robert Kleine, für angesagt. Der Dom mit seinen über 50 Gesteinsarten aus jahrmillionenalter Erdgeschichte sei Siedlungsstätte für Lebewesen aller Art, wie sie schon die biblische Schöpfungsgeschichte erwähnt habe. Hier könnten Natur und Denkmalschutz ohne weiteres Hand in Hand gehen.

Entsprechend widmet sich ein breiter Teil des Heftes auch den Stein oder Farbe gewordenen Tieren und Pflanzen im Dom. Und auch da wuselt es ganz schön in dem altehrwürdigen Gotteshaus: Unter den kunsthistorischen Darstellungen sind etwa Bären, Affen oder Hirschkäfer sowie Weinlaub, Akelei und Beifußblätter. Die Broschüre ist laut Domdechant Kleine kein biologisches Fachbuch, sondern spannende Lektüre für alle Interessierten. Gleichwohl bietet der laut Herausgeberangaben weltweit einzige Führer dieser Art auch Schaubilder, Tabellen und tiefgehende Information zu Entstehung, Herkunft und weiteren Forschungen von Flora und Fauna. Die Publikation wurde durch die Nordrhein-Westfalen-Stiftung und den Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz gefördert.

Unterdessen wachsen an der Kathedrale sogar wieder Flechten. "Zum Glück", sagt Barbara Schock-Werner. "Das ist ein Zeichen, dass der saure Regen deutlich nachgelassen hat", so die Architektin und Denkmalpflegerin. "Jetzt wird der Dom grün!"

Sabine Kleyboldt
(KNA)

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