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Rom statt Jerusalem: Das "Studienjahr" muss umziehen
Pater Nikodemus Schnabel
Pater Nikodemus Schnabel
Benediktinerabtei in Jerusalem
Die Dormitio-Abtei auf dem Jerusalemer Zionsberg

06.11.2020

Benediktiner Schnabel über das ökumenische Studienjahr "Oft visionärer als deutsche Fakultäten"

In Jerusalem zu studieren, ist für Theologiestudierende ein absolutes Highlight. Wegen der Corona-Pandemie muss das theologische Studienjahr der Benediktinerabtei Dormitio in Jerusalem jedoch von dort nach Rom umziehen.

KNA: Eigentlich erkunden sie Israel und Palästina vom Norden Galiläas bis in den südlichsten Zipfel des Negev: Junge Frauen und Männer können seit beinahe 50 Jahren zwei Semester im "Theologischen Studienjahr" in Jerusalem verbringen. Angegliedert ist das Programm an die deutschsprachige Benediktinerabtei Dormitio. Nun hat der aktuelle 47. Jahrgang coronabedingt in Rom begonnen. Seit 1973 kommen junge Theologinnen und Theologen für ein zweisemestriges Studium auf den Jerusalemer Zionsberg. Stellen die Studierenden heute andere Fragen als früher?

Pater Nikodemus Schnabel (Benediktiner): Unser Studienjahr ist in einem positiven Wandel. Man muss das Gute bewahren, aber man muss sich auch für neue Impulse öffnen.

Die Kernbasis jedoch ist und bleibt: die Bibel studieren im Land der Bibel. Der biblische Schwerpunkt, vor allem auch in Kombination mit der Archäologie, ist unsere Grundmelodie. Gleichzeitig verändern sich die Obertöne. Zu Beginn des Studienjahrs war das vor allem, auch aus der deutschen Geschichte heraus, die Beschäftigung mit dem Judentum.

Die ist ergänzt worden, zum Beispiel durch den zunehmenden Fokus auf den Islam. Mittlerweile kommen verstärkt die säkularen Anfragen hinzu.

KNA: Wie sehen diese säkularen Anfragen aus?

Schnabel: Wir werden als Religion eben auch politisch angefragt. Warum ist Theologie eine Wissenschaft, was macht sie an den Universitäten? Was ist der gesellschaftliche Mehrwert von Theologie? Theologie wird zunehmend mit außerkirchlicher Perspektive studiert. Wie werden wir als Theologen sprachfähig angesichts einer säkularen Gesellschaft? Da hat das Studienjahr eine Vorreiterrolle.

KNA: Woran machen Sie das fest?

Schnabel: Auch wenn das Studienjahr bald 50 Jahre alt ist, ist es allein aufgrund seiner Zusammensetzung avantgardistisch. Im gesamten deutschen Sprachraum wird Theologie immer noch fein säuberlich zwischen Protestanten und Katholiken getrennt studiert. Im Studienjahr studieren christliche Konfessionen seit Jahrzehnten gemeinsam und leben in einer ökumenischen Lerngemeinschaft. Das macht das Studium nicht einfacher, aber es macht das Studium intensiver. Es gibt viel mehr positive Reibung.

KNA: Haben die deutschen Fakultäten hier Aufholbedarf?

Schnabel: Ja, absolut. Zu einem christlichen Theologiestudium gehört zentral das Judentum dazu. Ebenso muss man sich mit dem Islam und den Ostkirchen beschäftigen. Vieles von dem, was das Studienjahr seit Jahrzehnten macht, ist an den Fakultäten größtenteils bis heute nicht abgebildet. Das sind aber doch die entscheidenden Themen. Da ist das Studienjahr oft visionärer als es die deutschen Fakultäten sind. Es ist auch insofern visionär, weil hier Räume geschaffen werden, in denen man lernt, über den Glauben zu sprechen. Das fördert Sensibilität, das fördert wahrzunehmen, dass Menschen unterschiedliche Zugänge zum Glauben haben.

KNA: Wie wirken sich diese Gesprächsräume, die in Jerusalem eröffnet werden, auf die Studierenden aus?

Schnabel: Menschen werden vom Studienjahr verändert, manchmal wechseln sie sogar ihre Konfessions- oder Religionszugehörigkeit oder werden Atheisten. Es gibt Studentinnen und Studenten wie mich, die danach ins Kloster gehen, was sie sich vorher niemals hätten vorstellen können - und umgekehrt. Ein Studienjahr, aus dem die Leute so herausgehen wie sie hineingekommen sind, ist eine vertane Chance.

Mein Anliegen ist es, dass unsere Studierenden sich nicht nur geistig-intellektuell, sondern auch geistlich, also in ihrer Persönlichkeit weiterentwickeln.

KNA: Welche Chancen bietet das Programm dabei, die anderswo in dieser Form schwer zu realisieren sind?

Schnabel: Ein gutes Studienjahr macht die Menschen unfähig, die Welt in 90 Sekunden zu erklären, und es macht die Menschen sensibel für die Komplexität der Theologie. Nach dem Studienjahr kann man Ökumene nicht mehr ohne die Ostkirchen denken, oder das Christentum ohne Judentum und Islam. Diese vielen Perspektiven führen aus Tunneldiskussionen heraus und machen nach vielen Seiten hin sprachfähig. Sie legen den Grundstein zur Neugierde, Neugierde auf die Komplexität dessen, was eigentlich Theologie, was Glaube, was Welt ist.

KNA: Theologie studieren liegt nicht unbedingt im Trend, die Studierendenzahlen gehen insbesondere in der Volltheologie stark zurück. Was bedeutet das für das Programm?

Schnabel: Die Bewerberzahlen sind nicht mehr im dreistelligen Bereich wie sie es ganz früher waren, aber sie sind immer noch gut. Und eine Senkung der Bewerbungsvoraussetzungen kann für uns nicht die Lösung sein, denn das Studienjahr ist nun einmal ein Exzellenz-Programm. Wir müssen unser Programm attraktiv und kreativ halten und weiterhin auf die Qualität achten. Dann kommen die Studierenden automatisch. Unsere Ehemaligen sind da die beste Werbung. Mir fällt auf Anhieb niemand ein, der sagen würde, das Studienjahr war ein verlorenes Jahr.

KNA: Aufgrund der Corona-Pandemie findet das Programm aktuell nicht in Jerusalem, sondern vorerst an der Hochschule Sant' Anselmo in Rom statt, an der das Studienjahr angebunden ist. Welche Perspektiven eröffnet dieser Ortswechsel?

Schnabel: Rom ist eine Stadt, in der Religion überpräsent ist, in der sich der Heilige Stuhl befindet. In Rom politisiert sich Religion.

Und dann ist da auf der anderen Seite Jerusalem, in der Religion ebenso überpräsent ist, aber in der Politik sich im Grunde "religionisiert" und Politiker sich religiöser Argumentationsmuster bedienen. Rom und Jerusalem bringen beide das Thema Religion und Politik auf den Tisch. Deswegen sehe ich das aktuelle Studienjahr als Chance, weil unsere Studierenden hoffentlich beide spannenden Städte erleben können.

KNA: Von welchen Faktoren hängt es ab, ob die Studierenden doch noch nach Jerusalem umziehen können?

Schnabel: Vernunft und Gesundheit gehen vor. Für uns gelten die Standards der Bundesrepublik Deutschland und des Robert-Koch-Instituts schon allein deshalb, weil unsere Finanzierung vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und somit indirekt auch vom Auswärtigen Amt und der Deutschen Bischofskonferenz abhängt.

Das Interview führte Annika Schmitz.

(KNA)

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