Schüler im Unterricht
Schüler im Unterricht

23.10.2018

OECD-Studie beklagt weiterhin ungerechtes Bildungssystem Chancengleichheit in Sicht

Deutschland hat in Sachen Bildungsgerechtigkeit etwas aufgeholt – das zeigt eine Sonderauswertung des jüngsten Pisa-Tests. Doch bis zu den Top-Ländern ist es noch weit. Kritiker halten die Daten für veraltet.

Für sozial benachteiligte Schüler in Deutschland ist der Weg zu höheren Bildungsabschlüsen einer Studie zufolge weiterhin schwieriger als in vielen anderen Ländern. Im Vergleich habe Deutschland aber bei der Chancengleichheit stärker aufgeholt, bilanziert eine am Dienstag in Berlin vorgelegte Sonderauswertung des Pisa-Tests 2015 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Seinerzeit nahmen in 72 Ländern rund 540.000 Schüler im Alter von 15 Jahren teil. In Naturwissenschaften etwa haben benachteiligte Schüler in Deutschland demnach im Schnitt einen Rückstand von dreieinhalb Schuljahren auf Schüler aus sozial starken Familien (OECD-Schnitt: drei Jahre). Daneben zeigt die Auswertung aber auch, dass unter den benachteiligten Schülern in Deutschland mehr zufriedene sind als im OECD-Durchschnitt (36 Prozent zu 26 Prozent).

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, warnte, dass die guten Entwicklungen, die die Studie Deutschland bescheinige, inzwischen schon wieder überholt sein könnten. "Der massive Lehrermangel im Grundschulbereich und auch der Flüchtlingsstrom sind ja erst nach der Pisa-Erhebung 2015 aufgetreten", sagte er der "Passauer Neuen Presse" (Mittwoch).

Individuell fördern

Kultusministerkonferenz-Präsident Helmut Holter nahm den OECD-Bericht als Unterstützung für den Ausbau von Ganztagsschulen. Bildungserfolg dürfe nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen, daher habe der Ausbau ganztägiger Angebote höchste Priorität, sagte Holter (Linke), zugleich Thüringens Bildungsminister, der "Rheinischen Post" (Mittwoch). Ganztagsschulen böten das Potenzial, Schüler individuell zu fördern.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte, man lasse ohne passende Förderung zu, dass sich der soziale Status benachteiligter Kinder über Generationen festige. "Für ein so reiches Land wie Deutschland ist das ein politischer Offenbarungseid", sagte VBE-Chef Udo Beckmann. Er forderte mehr Unterstützung in frühen Kindesjahren sowie bessere Rahmenbedingungen an "Schulen in besonderen Lagen".

Maßnahmen, Zeitpläne und Finanzierungswege

Die bildungspolitische Sprecherin der Linke-Fraktion, Birke Bull-Bischoff, forderte einen "neuen Bildungsgipfel mit ganz konkreten, klaren Zielen und Maßnahmen, Zeitplänen und Finanzierungswegen". FDP-Vizefraktionschefin Katja Suding verlangte, der Bund solle einheitliche und ehrgeizige Standards durchsetzen.

Auch die Grünen-Bildungsexpertin Margit Stumpp forderte, das sogenannte Kooperationsverbot aufzuheben, das es dem Bund bislang verbietet, sich dauerhaft für Schulen zu engagieren. Das Bundeskabinett hatte eine Grundgesetzänderung zur weiteren Lockerung des Verbots bereits auf den Weg gebracht, die Zustimmung von Bundestag und Bundesrat steht aber noch aus.

Die Autoren der Studie folgern aus ihrem Ländervergleich indes, dass alle Staaten mit der richtigen Bildungspolitik den Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Chancengleichheit reduzieren könnten. Konkret nennen sie etwa Investitionen in frühe Bildung oder eine bessere soziale Durchmischung an den Schulen.

(KNA)

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