Treppenhaus einer Berliner Schule
Treppenhaus einer Berliner Schule

05.08.2018

Sanierungsstau an Deutschlands Schulen wird immer größer "Baracken der Bildung"

In einigen Bundesländern enden in diesen Tagen die Sommerferien. Und nicht wenige Schüler und Lehrer dürften sich angesichts maroder Klassenzimmer die Frage stellen: Ist das noch Schule oder bleibt das eine Baustelle?

Auszüge aus einer entsprechenden Google-Suche vor Beginn der Sommerferien: An einer Grundschule im Eifelort Gerolstein bricht das Turnhallendach ein, am Schadow-Gymnasium in Berlin-Zehlendorf fällt der Putz von den Wänden, und in Oldenburg diskutieren sie nach Asbest-Funden in drei Schulen, ob Neubauten anstelle von Sanierungen nicht vielleicht doch die bessere Alternative wären.

Ein ehrgeiziges Programm

Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass Bildung eine Baustelle bleibt – und das auch nach den Ferien. Seit Jahren schon bröselt und bröckelt es an Deutschlands Schulen – gleichzeitig steigt der Bedarf an Bildungseinrichtungen aufgrund der Bevölkerungsentwicklung und des Zuzugs von Flüchtlingen.

Allein Berlin wolle 70 Schulen bis 2025 neu bauen, sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe. Ein ehrgeiziges Programm, wenn man bedenkt, dass der Stadtstaat zu den Bundesländern gehört, in denen der Sanierungsstau besonders groß ist.

Bundesweit erhöhte sich laut den jüngsten Ergebnissen des KfW-Kommunalpanels der Investitionsrückstand der deutschen Kommunen bei Bildungseinrichtungen auf 47,7 Milliarden Euro. Im Vergleich zur Vorjahreserhebung bedeutet das einen Anstieg um 50 Prozent. Damals wurden die Defizite im Bereich Schulen und Erwachsenenbildung auf 32,8 Milliarden Euro beziffert.

"Baracken der Bildung"

Für den Unterhalt der meisten Schulen sind die Kommunen zuständig. "Viele Schulen sind keine Kathedralen, sondern vielmehr Baracken der Bildung", sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg.

Und sein Kollege vom Deutschen Städtetag, Helmut Dedy, fügt hinzu: "Viele wachsende Städte können gar nicht so schnell neue Kitas und Schulen bauen, wie sie das selbst gern möchten." In den Planungsbüros, den Verwaltungen und bei der Bauwirtschaft fehle es an Personal - und in vielen Gemeinden schlicht an Geld.

Bau oder Sanierung

Landsberg und Dedy fordern deswegen mehr Unterstützung von Bund und Ländern. Die NRW-Landesregierung etwa brachte im Herbst 2016 das Programm "Gute Schule 2020" auf den Weg. Dort können Städte und Gemeinden Kredite für die Sanierung und Modernisierung von Schulen abrufen.

Von den 500 Millionen Euro, die für das Jahr 2017 zur Verfügung stehen, wurden mit Stand vom 30. Juni allerdings erst 267,8 Millionen Euro abgerufen. Zuviel Bürokratie, lautet eins der Argumente.

Bei der Kultusministerkonferenz heißt es, Bau oder Sanierung von Schulen seien allein Angelegenheit des Schulträgers, also der Kommunen oder der privaten Träger. Die Frage stelle damit "kein Koordinierungsthema" dar.

Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Arbeitsbelastung

"Da beißt sich die Katze in den Schwanz", kommentiert die GEW-Vorsitzende Tepe. "Dabei bräuchte es eigentlich einen breiten Schulterschluss zwischen Bund, Ländern und Gemeinden, um zu verhindern, dass wir beim Thema Bildung in einen kompletten Notstand hineinlaufen."

Immerhin: Die Bundesregierung stellte im Frühjahr 2017 zusätzliche 3,5 Milliarden Euro für die Schulsanierung bereit. Viel zu wenig, wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, findet. Für die Mitglieder des Verbandes zähle der Sanierungsstau an den Schulen zu den größten Aufreger-Themen – neben Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Arbeitsbelastung.

Weder Planung noch Weitsicht

"Massive Investitionen" in den Neubau und die Sanierung von Schulen fordert auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE)."Ob Bildung gelingt, das heißt, ob Ganztag flächendeckend erfolgreich wird, ob wir Schule als einen Ort individueller Förderung etablieren, ob wir Inklusion leben, ob wir den digitalen Anschluss bewältigen, all das und noch mehr hängt ganz entscheidend von der Qualität der Schulgebäude ab", so der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann.

Derzeit jedoch, beklagt die GEW-Vorsitzende Tepe, fehlt es an Planung und Weitsicht. Bei Neubauten bevorzugten viele Kommunen immer noch "das alte Flurmodell mit Klassenzimmern links und rechts der Gänge".

Das werde den Anforderungen an einen modernen Unterricht kaum gerecht. Die Sanierung von Altbauten stocke oftmals, "weil die Baufirma pleite gegangen ist und sich niemand um die Fortsetzung der Arbeit kümmert. Oder ein Baugerüst einfach stehen bleibt, weil es niemand abholt."

Joachim Heinz
(KNA)

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