Stefan Oster, Bischof von Passau
Bischof Stefan Oster

12.05.2017

Jugendbischof Oster fordert Dialog zwischen Kirche und Jugend "Wir brauchen junge Menschen, die uns helfen zu fliegen"

Jugendbischof Stefan Oster sieht die Zukunft der katholischen Kirche in der Jugend. Im domradio.de-Interview fordert er die Kirche dazu auf, jungen Menschen beizustehen ihren persönlichen Glauben zu vertiefen.

domradio.de: "Generation What?" war der Titel eine Jugendstudie, die kürzlich veröffentlicht wurde. Ein Ergebnis: Europaweit sagten 85 Prozent der Teilnehmer, dass sie ohne Glauben an Gott glücklich sein können, und 86 Prozent äußerten, dass sie kein oder nur wenig Vertrauen in religiöse Institutionen haben. Wie niederschmetternd empfinden Sie solch ein Ergebnis?

Bischof Stefan Oster (Bistum Passau, Vorsitzender der Jugendkommission der deutschen Bischofskonferenz): Es ist ein Zeichen der Zeit, dass wir in einer pluralen, liberalen und offenen Gesellschaft leben, in der sich der Glaube als etwas erweisen muss, das überzeugend ist, das anziehend ist und so die Menschen finden muss, die wir ansprechen können. Dass dies bei weitem nicht immer gelingt, ist keine neue Erkenntnis. Die Zahlen sind jedoch erschreckend.

domradio.de: Woran liegt das? Was wurde in den vergangenen Jahre falsch gemacht?

Oster: Es gibt keine monokausale Erklärung. Auf der einen Seite ist es – wie ich eben sagte – die plurale Gesellschaft mit einer Vielfalt von Sinnangeboten. Auf der anderen Seite merken wir als Kirche, dass es bei jungen Menschen mehrere Felder gibt. Das ist zum einen das Feld "Kirche und Sexualität" - wie schaut Kirche lehramtlich oder von der Tradition ausgehend auf Sexualität? Jugendliche finden diese Sichtweise häufig fremd. Ich denke jedoch, dass noch ein größerer Prozentsatz der jungen Menschen der Überzeugung ist, dass ein wissenschaftliches Weltbild und der Glaube der Kirche nicht kompatibel sind.

Auch dort müssen wir als Kirche Ansatzpunkte finden, wie wir neu erklären können, dass der Glaube und die Naturwissenschaft keine Gegensätze sind. Ein dritter Aspekt bei jungen Menschen ist, dass – ihrer Einsicht nach – Kirche und Ausdrucksformen von Gewalt "irgendwie" zusammenhängen. Sie sehen Kirchen als Ursachen von Kriegen. Das schreckt viele junge Menschen zurück – besonders auch, wenn sie in der Nachfolge zum 11. September Kriege erleben, die scheinbar von religiösen Dingen motiviert sind.

domradio.de: Sie waren Salesianer Don Boscos und haben viel mit Jugendlichen zusammengearbeitet. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Was haben Sie aus dieser Arbeit mitgenommen?

Oster: Das Wichtigste ist die personale Dimension beim Kontakt zu Jugendlichen. Leute, die sich für Jugendliche interessieren und gleichzeitig leidenschaftlich für ihren Glauben einstehen, sind ideal. Wir erreichen heute kaum noch Menschen über Plakate oder Prospekte. Ich glaube auch nicht, dass wir für solche Themen viele Menschen im Internet erreichen. Das Internet kann höchstens unterstützend sein. Es geht immer um den persönlichen Kontakt und um die persönliche Überzeugungskraft. Papst Benedikt hat einmal gesagt: "Christentum wächst durch Anziehung und nicht durch Propaganda". Diesem Ausspruch stimme ich voll und ganz zu.

domradio.de: Sie haben einmal gesagt, dass die Jugendlichen eine prophetische Kraft haben. Was heißt das? Und was bedeutet das für die katholische Kirche, wenn ihr die jungen Menschen abhanden kommen?

Oster: Die prophetische Kraft bezieht sich darauf, dass Jugendliche ihr Leben noch vor sich haben und uns zeigen können, welche Wünsche und welche Sehnsüchte sie haben und was für eine Welt sie sich erträumen. Das ist etwas, dass uns ansprechen kann. Wenn wir die Jugend verlieren, dann verlieren wir gewissermaßen unsere Flügel. Papst Franziskus hat einmal gesagt: "Die Kirche hat in den alten Menschen ihre Wurzeln und in den Jugendlichen ihre Flügel". Dieses Bild finde ich sehr schön. Wir brauchen junge Menschen, die uns helfen zu fliegen.

domradio.de: Die Jugendlichen sind heute nicht immer ganz zufrieden, mit dem was sie haben und mit dem, wer sie sind. Glauben Sie, dass die Jugendlichen genug Raum in Gemeinden haben? Und wird Ihre Jugendarbeit überhaupt ausreichend gewürdigt?

Oster: Die zahlreichen Vereine und Verbände in der Kirche sind Räume, wo Jugendliche kirchliche Heimat finden. Aber in vielen Pfarreien in ganz Deutschland besteht die Not, dass das pastorale Personal für viele Jugendliche nicht immer erreichbar ist. Auch ist die Willkommenskultur für Jugendliche in den Pfarreien nicht immer stark ausgeprägt. Dort gibt es deutlich Luft nach oben.

domradio.de: Das Thema der nächsten Bischofssynode 2018 soll die Jugend sein. Was muss dabei besprochen werden? Und wie kann man denn die Jugendlichen wieder für die Botschaften des Evangeliums begeistern?

Bischof Oster: Die erste Frage, die mich im Hinblick auf die Synode beschäftigt, ist: Schaffen wir es überhaupt, dieses Thema innerkirchlich wachzuhalten und die Menschen dafür zu sensibilisieren? Ein zweiter inhaltlicher Aspekt ist, dass die Synode das Thema "Jungend-Berufung-Glaube" zusammengespannt hat. Die Frage ist, wie wir jungen Menschen helfen können, ihren Weg in ihr Leben zu finden, der aber nicht von dem Weg abgekoppelt ist, den Gott ihnen vorschlägt. Meine Frage ist: Sind wir als Kirche genügend sensibilisiert und qualifiziert, um jungen Menschen in ihrem Weg und Entscheidungsprozessen zu helfen? Können wir sie qualitätsvoll begleiten und geistliche Prozesse erkennen, die zu Entscheidungen führen? An dieser Stelle haben wir großen Bedarf, dies zu vertiefen.

domradio.de: Wie kann der Bund der deutschen katholischen Jugend dazu beitragen?

Bischof Oster: Der BDKJ ist ein Dachverband, der die in Deutschland sehr starken und gut gewachsenen Jugendverbände bündelt, immer wieder zentrale Themen entwickelt und in Kirche und Gesellschaft – auch in die politische Welt – hineinwirken will. Das ist eine Aufgabe, die die Jugendverbände haben und, aus meiner Sicht, gut lösen. Ich finde das Thema, wie wir Formen finden können, unseren Glauben zu vertiefen, sehr wichtig. Das ist eine Herausforderung für uns. Manchmal neigen wir dazu, den Glauben selbstverständlich vorauszusetzen, während er uns subkutan eigentlich schon wegbricht. Der Grund dafür ist, dass der Säkularisierungsdruck so stark ist. Wir müssen schauen, wie wir jungen Menschen helfen können, Glauben inhaltlich und von der Erfahrung her zu vertiefen. Dann können sie Zeugen und Zeuginnen in der Welt werden. Dazu möchte ich alle Jugendverbände herausfordern.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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