03.01.2017

Sternsinger sind Kulturerbe "Lebendig und identitätsstiftend"

Die Unesco schützt nicht nur Bauwerke wie den Kölner Dom, sondern auch Traditionen. Seit gut einem Jahr ist die Aktion Dreikönigssingen als schützenswerte Kulturform anerkannt. Tausende Kinder begeistern sich dafür.

Sie treffen Angela Merkel im Kanzleramt und bringen Bundespräsident Joachim Gauck den Segen. Selbst in der Neujahrsmesse von Papst Franziskus im Petersdom waren deutsche Sternsinger dabei. Insgesamt sind in diesen Tagen bundesweit rund 330 000 Sechs- bis 14-Jährige als Heilige Drei Könige unterwegs. In Dörfern und Städten schreiben sie den Segen an Haustüren, singen Lieder und sammeln Spenden, diesmal für Projekte in Kenia. Seit gut einem Jahr ist die laut Organisatoren weltweit größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder sogar Unesco-Kulturerbe - neben anderen typisch deutschen Traditionen wie dem Schützenwesen oder Skat spielen.

Lebendige und identitätsstiftende Tradition

Die Dreikönigstags-Tradition sei lebendig und identitätsstiftend für die Beteiligten, sagt Benjamin Hanke von der Deutschen Unesco-Kommission. Damit erfülle das Sternsingen die Kriterien als Immaterielles Kulturerbe wie mittlerweile 67 andere Kulturformen im Bundesweiten Verzeichnis. Die Aufnahme in das deutsche Register ist Voraussetzung für eine internationale Unesco-Nominierung.

Grundlage für das Sternsingen ist die biblische Erzählung der Sterndeuter, die das Jesuskind in der Krippe aufsuchen. Es gibt Belege dafür, dass Kloster- und Chorschüler den Brauch in der Mitte des 16. Jahrhunderts einführten. Sie zogen demnach bereits vor 350 Jahren umher, trugen überlieferte Sprüche und Lieder vor und sammelten Gaben. Hintergrund war auch die Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln im Jahr 1164.

Seit 1959 gibt es die Aktion Dreikönigssingen in der heutigen Form. Organisiert wird sie von den katholischen Gemeinden. "Wer einmal mitgemacht hat, bleibt oft dabei und bringt noch Freunde mit", sagt der Gemeindereferent der Kirche St. Heinrich in Hannover, Michael Habel. Die 13-jährige Elisabeth ist zum vierten Mal Sternsingerin. "Mir macht es ganz viel Spaß, zu den Leuten zu gehen. Die freuen sich sehr, besonders im Altenheim", sagt die Schülerin. "Einmal hat es doll geschneit, da wurden wir in vielen Häusern hereingebeten und bekamen Kekse, Kakao und Tee."

Sammlungen für Kinderhilfsprogramme

Toll findet Elisabeth, dass sie vorher erfährt, wohin das gesammelte Geld geht. Das Kindermissionswerk "Die Sternsinger" stellt umfangreiche Materialien bereit. Unter anderem reist der Kinderfernsehen-Reporter Willi Weitzel seit 2013 zu den Hilfsprojekten und dreht mit Kindern vor Ort einen Film. Diesmal stellt er den Alltag der Turkana in Nordkenia vor, deren nomadisches Leben aufgrund des Klimawandels bedroht ist.

In den vergangenen Jahrzehnten sammelten die Sternsinger bundesweit etwa 948 Millionen Euro für Kinderhilfsprogramme in Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien und Osteuropa. Allein 2016 kamen gut 42,4 Millionen Euro zusammen.

Den ursprünglich alpenländischen Brauch gibt es auch in Österreich, der Schweiz, Südtirol, Ostbelgien, Ungarn, Rumänien, Tschechien, der Slowakei, Polen sowie Serbien, wie der Sprecher der Aktion, Thomas Römer, erläutert. Dies könnte eine gute Voraussetzung für eine internationale Unesco-Bewerbung sein. Über den Kandidaten für die "Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit" entscheidet die Kultusministerkonferenz auf Grundlage einer Auswahlempfehlung des Expertenkomitees der Deutschen Unesco-Kommission. Als erste Tradition aus Deutschland steht seit Ende 2016 die Genossenschaftsidee in diesem weltweiten Unesco-Verzeichnis.

Christina Sticht
(dpa)

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