Jüdische Gemeinden in Sachsen-Anhalt zu Wahlergebnis

"Diese fast 21 Prozent nicht überdramatisieren"

20,8 Prozent der Wähler haben in Sachsen-Anhalt für die AfD gestimmt, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geführt wird. Wie fühlen sich jüdische Menschen in dem Bundesland angesichts dieses Ergebnisses?

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, spricht in der Synagoge / © Sebastian Willnow (dpa)
Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, spricht in der Synagoge / © Sebastian Willnow ( dpa )

DOMRADIO.DE: Was denken Sie, warum hat Sachsen-Anhalt wieder so stark AfD gewählt?

Max Privorozki (Vorsitzender Landesverband der jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt): Ich möchte sagen, dass ich gestern, genauso wie viele andere hier in Halle, in Magdeburg, in Sachsen-Anhalt insgesamt, auf die Wahlergebnisse gewartet habe und auch den ganzen Abend immer wieder geprüft habe, wie es aussieht.

Ich muss sagen, ich bin sehr froh. Die Ergebnisse sind nach meiner Auffassung sehr gut, obwohl, wie Sie richtig angemerkt haben, jeder fünfte Wähler AfD gewählt hat. Ja, das stimmt. Ich würde das aber nicht überdramatisieren, weil sehr viele Stimmen, die diese Partei bekommt und zwar nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern überall, wo diese Partei gewählt wird, nach meiner Auffassung nicht Stimmen für die AfD sind, sondern Stimmen gegen irgendetwas.

Manche Menschen zeigen ihren Frust, indem sie aus Protest AfD wählen, nicht alle selbstverständlich, aber viele. Deswegen würde ich diese fast 21 Prozent nicht überdramatisieren, obwohl selbstverständlich der zweite Platz im Bundesland Sachsen-Anhalt auf jeden Fall beunruhigend ist.

DOMRADIO.DE: Ein Erklärungsmuster von Politikwissenschaftlern, warum die Menschen in Sachsen-Anhalt AfD wählen, ist ihre Angst vor der Zukunft. Nehmen diese Menschen Ihrer Meinung nach billigend in Kauf, dass der Hass auf Juden, Muslime oder Andersdenkende weiter fortschreitet?

Privorozki: Ich denke, es gibt unterschiedliche Beweggründe, warum Menschen die AfD wählen. Nicht immer ist Hass ein Grund. Es gibt selbstverständlich diejenigen, die diesen Hass auch teilen. Aber sehr viele Wähler der AfD überlegen nicht, ob die AfD diesen Hass mit sich führt und versucht, ihn überall zu installieren.

Sie wählen sie nur, weil sie der Meinung sind, dass etwas falsch läuft. Ich nenne nur ein Beispiel der Situation kurz vor den Wahlen bei uns in Sachsen-Anhalt. Da haben fast alle Parteien, anstatt auf sich selber aufmerksam zu machen und eigene Programme vorzustellen, nur beworben, man solle zum Beispiel Herrn Haseloff wählen oder SPD wählen oder gdie Grünen wählen, damit die AfD weniger Stimmen bekommt.

Es war also keine Wahlkampagne für sich, sondern eine Wahlkampagne gegen die AfD. Somit hat man der AfD mehr Aufmerksamkeit geschenkt, was diese Partei auf jeden Fall nicht verdient hat.

Ich denke, dass sehr viele Stimmen, die Richtung AfD kamen, wirklich das Ergebnis dieser Anti-AfD-Kampagne sind. Ich finde es wesentlich, wenn man diese Partei einfach weniger erwähnt und weniger über diese Partei spricht. Dann würde auch das Ergebnis nicht so groß sein. Das ist meine absolute Überzeugung.

DOMRADIO.DE: Es ist jetzt fast zwei Jahre her, dass Rechtsterrorist Stefan B. am höchsten jüdischen Feiertag Yom Kippur Ihre Gemeinde stürmen wollte, um dort ein Massaker anzurichten. Wie hat das Ihre Gemeinde, aber auch Ihr Leben verändert?

Privorozki: Selbstverständlich ist hier vieles anders. Unsere Sicherheit wird jetzt anders organisiert als vor dem Anschlag. In der mehr als 325-jährigen Geschichte der Jüdischen Gemeinde Halle wird der 9. Oktober 2019 für immer eine Zäsur bleiben – genauso wie der 9. November 1938, als die Synagoge dieser Gemeinde im Stadtzentrum von den Nazis in Brand gesteckt wurde.

Auch der 9. Oktober 2019 wird als ein negatives Ereignis in die Geschichte eingehen, zum einen weil zwei Menschen erschossen wurden, aber auch, weil es wirklich ein Versuch war, ein Massaker in der Synagoge anzurichten und dies nur durch ein Wunder gescheitert ist.

Allerdings gibt es auch Ereignisse an diesem Tag und gleich danach, durch die man diesen Tag auch in einem anderen Licht sehen kann. Wir haben eine enorm große Welle von Solidarität erfahren, die ich persönlich nicht erwartet habe.

Bis heute in Erinnerung bleiben bestimmte Ereignisse, wie etwa der erste Schabbatabend nach dem Terroranschlag am 9. Oktober, das war der 11. Oktober, als etwa 2.000 Menschen, Hallenser und Gäste der Stadt, zu uns gekommen sind, um eine Menschenkette rund um die Synagoge als symbolisches Schutzschild zu bauen. Das war wirklich etwas, was man nie vergessen wird.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das Wahlergebnis jetzt für Ihre Gemeindemitglieder?

Privorozki: Zunächst ist die Tatsache zu erwähnen, dass die Partei von Herrn Haseloff 37 Prozent bekommen hat, was keiner erwartet hat. Man hat erwartet, dass die CDU die Wahlen gewinnen wird, aber nicht mit so einem Vorsprung. Das hat wahrscheinlich auch die CDU selber nicht erwartet. Das ist sehr positiv.

Herr Haseloff hat in diesen zwei Jahren nach dem Anschlag gezeigt, dass er nicht nur ein sehr guter Ministerpräsident ist, sondern auch als Mensch für uns die ganze Zeit wichtig war und am gleichen Tag, am 9. Oktober, als der Terroranschlag passiert ist, war er in Halle. Er kam extra aus Brüssel, hat seine Dienstreise abgebrochen und uns die ganze Zeit unterstützt.

Seine Rolle in dem neuen Staatsvertrag, in der neuen Regelung, die die Sicherheit der jüdischen Gemeinden im Land Sachsen-Anhalt regelt, kann man kaum hoch genug schätzen. Deswegen erwarten wir, dass die neue Regierung, die von Haseloff geleitet wird, ihre Arbeit fortsetzen wird und möglicherweise noch bessere Arbeit leisten wird, weil Herr Haseloff wesentlich mehr Optionen bei der Koalitionswahl hat als in der vorherigen Wahlperiode. 

Das Interview führte Dagmar Peters.


Die durch Beschuss beschädigte Tür der Synagoge Halle / © Hendrik Schmidt (dpa)
Die durch Beschuss beschädigte Tür der Synagoge Halle / © Hendrik Schmidt ( dpa )
Quelle:
DR