28.12.2020

Jüdische Blicke auf das Leben in Deutschland "Wir haben nach wie vor einen Exotenstatus"

Mit zahlreichen Veranstaltungen wird 2021 an 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnert. Im Jahr 321 hatte der römische Kaiser Konstantin Juden den Zugang zu Ämtern in der Kurie und der Stadtverwaltung Köln erlaubt. Wie ist die Lage derzeit?

Das Edikt Kaiser Konstantins gilt als die früheste erhaltene schriftliche Quelle für jüdisches Leben nördlich der Alpen. Der Evangelische Pressedienst (epd) hat jüdische Frauen und Männer unterschiedlicher Generationen nach ihrer persönlichen Sicht auf das Leben von Juden in Deutschland und das Jubiläumsjahr gefragt.

ANNA STAROSELSKI (geb. 1996), Präsidentin Jüdische Studierendenunion Deutschland (JSUD): "Jüdinnen und Juden in Deutschland prägten die deutsche Gesellschaft über Jahrhunderte und trieben sie mit voran. Jüdisches Leben in Deutschland bedeutet mehr
als die Jahre zwischen 1933 und 1945. Wir haben genug vom Opfernarrativ und wollen nicht bloß mit der Schoah und dem Antisemitismus assoziiert werden. Dabei war der Judenhass jedoch nie besiegt. Er gehört nachweislich bei 20 Prozent der Deutschen zu ihrem Gedankengut."

CHARLOTTE KNOBLOCH (geb. 1932), Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden: "Jüdisches Leben in Deutschland, das sind Jahrhunderte des Miteinanders, ein unendlich tiefer Bruch und ein sehr langsames Wieder-Zusammenfinden. Für mich persönlich ist es vor allem die Geschichte des Ankommens und davon, in der eigenen Heimat wieder zu Hause zu sein. Jüdische Menschen waren Teil dieses Landes, und sie sind es heute wieder. Damit das so bleibt, bleibt noch viel zu tun. Aber: 1700 Jahre gemeinsame Tradition darf man feiern - ebenso wie die gemeinsame Gegenwart und Zukunft!"

ANETTA KAHANE (geb. 1954), Vorsitzende des Vorstands der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin: "Zuletzt saß ich in einem Online-Meeting mit lauter jungen, jüdischen Leuten, verteilt in ganz Deutschland. Ursprünglich kommen die meisten aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus Rumänien. Beim Anblick dieser Menschen, die allesamt ein selbstbewusstes und vitales Judentum repräsentieren, habe ich mich sehr gefreut. Gleichzeitig habe ich mich erinnert an die Zeit, als ich jung war. Als junge Jüdin in der DDR aufzuwachsen, brachte ein ganz anderes Lebensgefühl mit sich: Es war beklemmend und eng. Jüdisches Leben wurde zwar nicht geächtet, aber auch tabuisiert, man hat einfach nicht darüber gesprochen. Heute können Juden und Jüdinnen zwar offen mit ihrer Identität umgehen, müssen sich dann aber auch oft rechtfertigen: für zum Beispiel die israelische Politik. Insgesamt beobachte ich noch immer eine große Hemmung von Nicht-Juden im Umgang mit Juden. Wir haben nach wie vor einen Exotenstatus."

BEN SALOMO (JONATHAN KALMANOVICH), (geb. 1977), Rapper und Autor: "Wenn ich an jüdisches Leben in Deutschland denke, fallen mir sofort diese Zeilen aus meinem neuen Song 'Deduschka' ein: 'Wie viele Mahnmale braucht es noch, bis uns die letzte Träne aus den Augen tropft? Jüdisches Leben? Genau genommen, Synagogen, Museen, wie
ausgestopft. Oder hinter schusssicherem Panzerglas, bereit für den Nächsten, der einen Anschlag plant! Warten auf das nächste Massaker, als Israelkritik getarnt, das darf man ja ...'."

ARKADIJ KHAET (geb. 1991), Regisseur und Drehbuchautor ("Masel Tov Cocktail"): "Nach dem Lutherjahr jetzt das Judenjahr. Was für ein Viertel der antisemitisch denkenden Deutschen wie eine Drohung klingen mag, ist eine gut gemeinte Initiative. Aber während jüdische Einwanderinnen und Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion noch immer im Rentenrecht benachteiligt werden und geradewegs in die Altersarmut steuern, klopft Deutschland sich auf die Schulter: für Artenschutz und die stabile Eichentür. Danke Kaiser Konstantin."

Elisa Makowski
(epd)

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