Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

17.10.2020

Rektor: Hochschule für Jüdische Studien als Begegnungsort "Mit Dialog und Wissensvermittlung gegen Antisemitismus"

Seit wenigen Tagen ist Werner Arnold neuer Rektor der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien. Gegen wachsenden Antisemitismus will er auf Dialog setzen - auch für das 2021 geplante Jubiläum "1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland".

KNA: Herr Professor Arnold, wofür steht die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien?

Werner Arnold (Rektor der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien): Wir möchten der Ort in Deutschland sein, wo man am umfassendsten die Vielfalt jüdischer Geschichte, Sprache, Kultur und Religion kennenlernen und erforschen kann. Dabei richten wir uns keineswegs nur an jüdische Menschen, die sich für ihre eigene Kultur interessieren, sondern an alle, die neugierig sind. Und vielleicht gerade heute bei neuen antisemitischen Vorurteilen und Anfeindungen mehr über jüdisches Leben erfahren wollen. Unsere Hochschule ist somit eine wichtige Begegnungsstätte für Menschen unterschiedlichster Herkunft, Prägung und Religion.

KNA: Aber Sie wollen auch für die Mitarbeit in den jüdischen Gemeinden qualifizieren.

Arnold: Ja, das ist uns sehr wichtig. Wir bilden beispielsweise künftige Religionslehrer aus. Auch zur Rabbiner-Ausbildung leisten wir einen Beitrag, allerdings sind wir kein Rabbiner-Seminar. Wer Rabbinerin oder Rabbiner werden will, muss sein Studium andernorts abschließen.

KNA: Welche Schwerpunkte möchten Sie als Rektor setzen?

Arnold: Ich bin froh über den gerade in Kooperation mit der Uni Heidelberg gestarteten neuen Master-Studiengang der Nahost-Studien. Die christlich europäischen Kulturen, aber auch die islamisch geprägten Kulturen des Vorderen Orients können ohne Berücksichtigung des jüdischen Beitrags gar nicht verstanden werden. Zugleich möchte ich dabei noch stärker den Blick auf Israel richten.

KNA: Warum?

Arnold: Es geht darum, die ungeheure kulturelle Vielfalt Israels wahrzunehmen. Das Land ist mehr als biblische Stätten, Nahost-Konflikt und Sehenswürdigkeiten. Wir bieten beispielsweise einen Kurs für palästinensisches Arabisch an. Spannend wird auch sein, wie sich die überraschende Annäherung zwischen Israel und den Staaten der Golf-Region entwickelt.

KNA: Zugleich setzt die Hochschule auch stark auf interreligiöse Zusammenarbeit...

Arnold: Aus meiner Sicht sind Jüdische Studien nur im religions- und kulturübergreifenden Zusammenhang möglich und sinnvoll. Wichtige jüdische Schriften sind nicht nur auf Hebräisch, sondern auch auf Arabisch oder Aramäisch verfasst. Zu unseren Seminaren kommen auch Studierende der Islamwissenschaft. Und ein spannendes aktuelles Projekt an unserer Hochschule ist die Hörfunk-Podcast-Reihe "Mekka und Jerusalem". Dabei geht es um jüdisches und muslimisches Leben hier in Deutschland.

KNA: Wie sieht es mit dem jüdisch-christlichen Dialog aus? Ist beispielsweise auch die katholische Theologie ein Partner Ihrer Hochschule?

Arnold: Wir haben Kontakte zu kirchlichen Gemeinden in der Region. Und im "Forum für den Vergleich der Rechtsdiskurse der Religionen" kooperiert mein Kollege Ronen Reichmann mit der Jesuitenhochschule Sankt Georgen und der Theologischen Fakultät in München.

KNA: Inwiefern fällt durch die jüngsten antisemitischen Übergriffe und Anfeindungen in Deutschland ein Schatten auf Ihre Arbeit?

Arnold: Wir schauen mit Sorge auf wachsenden Antisemitismus. Umso wichtiger ist es, für Dialog und Wissensvermittlung einzustehen. Wir werden uns auch künftig gegen Antisemitismus stark machen. Ich plane auch, unsere Kontakte zu jüdischen Gemeinden auszubauen.

KNA: Welche Erwartungen haben Sie im Blick auf das 2021 geplante Festjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland?

Arnold: Dieses Jubiläum öffentlich zu begehen, ist mir sehr wichtig. Ende November wird an unserer Hochschule die baden-württembergische Auftaktveranstaltung stattfinden. Das Jubiläumsjahr ist eine Chance, einer breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen, wie groß der jüdische Beitrag zur Kultur in Deutschland und Europa ist. Das Bild unserer Gegenwart wäre unvollständig, wenn wir nicht die 1.700 Jahre währende jüdische Präsenz in den Blick nähmen.

Das Interview führte Volker Hasenauer.

(KNA)

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