Jüdisches Moregengebt am Thoratisch in der Synagoge von Bonn.
Jüdisches Moregengebt am Thoratisch in der Synagoge von Bonn.

18.09.2020

Wenn Juden das Neujahrsfest in der evangelischen Gemeinde feiern Mit Kippa in der Kirche

Not macht erfinderisch: Wegen Corona gelten auch in Gotteshäusern Abstandsregeln, weswegen es weniger Sitzplätze gibt. Eine jüdische Gemeinde in Berlin geht zum Neujahrsfest Rosch Haschana nun einen ungewöhnlichen Weg.

Das Ausweichquartier liegt gleich auf der anderen Straßenseite. Wenn am Freitagabend das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana beginnt, ist im Berliner Westen Ungewöhnliches geplant: Die Gläubigen der Synagogengemeinde Berlin Sukkat Schalom wechseln die Straßenseite und feiern den Auftakt zu Rosch Haschana in der gegenüberliegenden Kirche der evangelischen Gemeinde Am Lietzensee. Hintergrund ist, dass wegen der Corona-Abstandsregeln nicht alle Besucher an dem hohen Feiertag in die Synagoge passen würden.

Natürlich muss auch in der Kirche der Abstand gewahrt bleiben - jedoch ist dort mehr Platz. In den Bänken werden also Menschen mit Kippa auf dem Kopf sitzen. Sie werden die Thora mitgenommen haben, die fünf Bücher Mose. Sie schauen in Richtung Altar, über dem ein Kreuz hängt. Dahinter öffnen große Fenster den Raum in Richtung Lietzensee. Über allem schwebt eine Holzdecke, als säße man in einem weiten Zelt.

"Mit Kompromissen leben"

Der Rabbiner der Synagogengemeinde mit ihren etwa 300 Mitgliedern, Andreas Nachama, meint zu dem Experiment schmunzelnd: "Man muss in diesem Jahr mit Kompromissen leben." Die gastgebende Pfarrerin Caterina Freudenberg sagt heiter, dass "die lieben Nachbarn" nun einmal in einer Notlage seien, "aus der wir etwas Schönes machen".

Es ist nicht so, dass es bisher keine Berührungspunkte zwischen den beiden Gemeinden gegeben hätte. Nachama, der auch der jüdische Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ist, berichtet von gemeinsamen Predigtwettbewerben. Freudenberg erzählt von einem Erntedankfest, das beide Gemeinden zusammen auf die Beine gestellt hätten.

Nun also gibt es eine konkrete christlich-jüdische Verbindung an den hohen jüdischen Feiertagen. Denn nicht nur am Abend von Rosch Haschana wollen Nachama zufolge etwa 80 Gläubige in der Kirche beten - sondern auch zum Auftakt des höchsten jüdischen Feiertags Jom Kippur am 27. September.

Zu beiden Feiertagen sind die Abendgottesdienste am stärksten besucht, wie Nachama erläutert. Alle anderen Gottesdienste fänden dann wie gewohnt in der Synagoge statt. Auch sollten erneut Online-Angebote auf die Beine gestellt werden. Und die Sicherheitsleute bräuchten quasi nur die Straßenseiten zu wechseln.

Pfarrerin: "Sie sind unsere Nachbarn"

Die jüdische Gemeinde habe sich an sie gewandt, sagt Freudenberg. Zunächst hätten die Gemeindevertreter nach einer Besichtigung einen Saal nutzen wollen, doch dann habe sie selbst den Kirchenraum in seiner "großen Klarheit" vorgeschlagen - auch unter ästhetischen Aspekten, so Freudenberg. Warum sie der Idee gegenüber aufgeschlossen war? "Sie sind unsere Nachbarn, und wir sind doch durch den Davidsohn verbunden." Auch sei die evangelische Gemeinde unterrichtet worden.

An diesem Wochenende treten Juden mit Rosch Haschana in das Jahr 5781 ein - nach jüdischer Zählung handelt es sich um das Jahr 5781 nach Erschaffung der Welt. Rosch Haschana findet in diesem Jahr vom Abend des 18. bis zum 20. September statt. Die Tage sind geprägt von Gebeten in der Synagoge, Mahlzeiten innerhalb der Familie sowie persönlicher Einkehr, Reue und Buße. Zehn Tage später feiern Juden den Versöhnungstag Jom Kippur.

Am Lietzensee verstehen sich die Nachbarn schon jetzt offenbar ziemlich gut. In der Kirche hängt über dem Altar ein Kreuz, das erleuchtet werden kann. Das Kreuz bleibt auch an den "jüdischen" Abenden zu Rosch Haschana und Jom Kippur an seinem Platz - nur, dass die Lichter dann Freudenberg zufolge ausgeschaltet bleiben sollen.

Leticia Witte
(KNA)

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