Frank-Walter Steinmeier in Auschwitz
Frank-Walter Steinmeier in Auschwitz
Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus
Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus

29.01.2020

Holocaust-Gedenken im Schatten eines neuen Antisemitismus "Die Schoah ist Teil der deutschen Identität"

Die Gedenkfeier des Bundestags war nicht nur ein Erinnern, sondern auch eine Bekenntnis zum Kampf gegen Fremdenhass und Rassismus. Sie zeigte zudem eine "außergewöhnliche Freundschaft" zwischen Israel und Deutschland.

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus war dieses Mal nicht nur von einem besonderen Jahrestag geprägt: Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreite die Rote Armee Überlebende des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin nannte in seiner Rede bei der Gedenkstunde am Mittwoch im Bundestag den zweiten Grund: Der Geist von Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus "schwebe wieder über ganz Europa" – von der extremen Rechten bis zur extremen Linken.

"Böser Geist der Vergangenheit"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach vom "bösen Geist der Vergangenheit" in neuem Gewand.

Auf der Bundestagstribüne waren auch Holocaust-Überlebende, Angehörige von Opfern, orthodoxe Juden und Vertreter der jüngeren Generation präsent – Jugendliche, die der Einladung des Bundestags zur internationalen Jugendbegegnung gefolgt waren. Ebenso hatten sich Vertreter anderer Opfergruppen eingefunden: etwa der Sinti und Roma, der Homosexuellen oder Behinderten.

Gebet für die Opfer

Rivlin begann seine Rede mit einem jüdischen Gebet für die sechs Millionen Opfer der Schoah: "Höchster Richter dieses Landes, erinnere dich der Ströme von Blut, die wie Wasser flossen; der Bitten des Schma Jisrael (Höre Israel), das die Todgeweihten ausriefen". Rivlin zeichnete seine persönliche Wandlung nach – von einem Gegner jeder Beziehung zum Land der Täter hin zu einem Freund Deutschlands, das er als besonderen Partner im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass bezeichnete. "Ich dachte, dass der Abgrund der Vernichtung ausreicht, um den Antisemitismus auszumerzen. Aber das ist nicht der Fall", so Rivlin.

Steinmeier wiederum erinnerte an den teilweise schwierigen Weg Deutschlands, sich der eigenen Geschichte vorbehaltlos zu stellen bis zu der Einsicht, dass "die Schoah Teil der deutschen Identität" ist.

Verantwortung heute

"Die Lehren aus der Geschichte können und müssen zum Selbstverständnis aller Deutschen gehören – denn die Verantwortung im Hier und Heute tragen wir alle".

Und damit war auch der Bundespräsident bei der bedrängenden Aktualität: "Ich wünschte, ich könnte – erst recht vor unserem Gast aus Israel – heute mit Überzeugung sagen: Wir Deutsche haben verstanden. Doch wie kann ich das sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten, wenn das Gift des Nationalismus wieder in Debatten einsickert – auch bei uns? Wie kann ich das sagen, wenn das Tragen der Kippa zum persönlichen Risiko wird, oder Juden die Menora beiseite räumen, wenn der Heizungsableser kommt?"

Steinmeier erinnerte auch an den Anschlag auf die Synagoge in Halle, die Übergriffe und Bedrohungen auf Demokraten in Rathäusern, Parlamenten und Zeitungsredaktionen. "Ich fürchte, darauf waren wir nicht vorbereitet – aber genau daran prüft uns unsere Zeit! Und diese Prüfung müssen wir bestehen. Das sind wir der Verantwortung vor der Geschichte, den Opfern und auch den Überlebenden schuldig!", sagte das Staatsoberhaupt – und erntete dafür anhaltenden Applaus.

"Das Geschehene ist nicht vergangen"

Für Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble erinnert Auschwitz daran, "wie verführbar wir Menschen sind, wie zerbrechlich unsere Zivilisation ist, wie schnell unsere humanistische Substanz Schaden nimmt; wie angreifbar ihr ethisches Fundament bleibt, wenn wir es nicht verteidigen".

Angesichts von Hass und Gewalt helfe nur "ein starker, ein konsequent handelnder Staat – und eine couragierte Zivilgesellschaft, die verstanden hat, dass das Geschehene nicht vergangen ist".

Zeichen jener außergewöhnlichen Freundschaft

Vor diesem Hintergrund war die Gedenkstunde im Bundestag zugleich Zeichen jener "außergewöhnlichen Freundschaft, die sich der historischen Abgründe stets bewusst bleibt und gleichzeitig in die Zukunft gerichtet ist", wie es Schäuble bezeichnete.

Wie konkret die von Schäuble bekräftigte "historische Verantwortung für die Existenz und Sicherheit Israels" ist, verdeutlichte wiederum Rivlin. Er verwies auf die Bedrohung Israels durch den Iran und bat um Vermittlung bei der Herausgabe der Leichen von zwei gefallenen Israelis durch die Hamas.

Christoph Scholz
(KNA)

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