Kinder auf dem Weg in die Schule
Kinder auf dem Weg in die Schule

29.11.2019

Antisemitismus grassiert an Schulen "Gefühlt sind Juden Exoten, vor denen man Angst haben muss"

Eine Gesamtschullehrerin jüdischen Glaubens schildert, wie sie Alltags-Antisemitismus in der Schule erlebt. Beschimpfungen wie "Du Jude!" seien an der Tagesordnung. Woher kommt dieser Antisemitismus bei Kindern und Jugendlichen?

DOMRADIO.DE: Haben Sie als Lehrerin an Ihrer Schule Antisemitismus erlebt?

Mascha Kogan (Lehrerin an der Gesamtschule Neuss): Als erstes würde ich gerne klären: Was ist überhaupt Antisemitismus? Die allgemeine Definition besagt: Antisemitismus ist eine Handlung gegen Juden, eine hasserfüllte Handlung. Für mich ist das ein bisschen zu eng gefasst. Ich finde, diese Schimpfwörter wie "Du Jude!" oder auch diese eigentlich nicht böse gemeinten Aussagen "Das sind ja jüdische Preise", sind für mich eindeutige Zeichen von Antisemitismus und von bestimmten negativen Zuschreibungen gegenüber Juden.

So etwas erlebt man regelmäßig - nicht immer böse gemeint. Ganz oft sind das unbedachte Äußerungen. Man würde es als eine sprachliche Entgleisung von Schülerinnen und Schülern bezeichnen. Ich habe ein paar Mal erlebt, dass Schüler unterschwellig Juden nicht mochten, obwohl sie noch nie Juden gesehen und mit ihnen gesprochen haben. Sie konnten auch nicht erklären, was denn an Juden nicht okay sei, und dann doch sehr überrascht waren, dass die Frau Kogan, die man eigentlich ja doch mag, jüdisch ist und kein Geheimnis daraus macht. Im Zuge der palästinensisch-israelischen Konflikte kommt es auch zu Anfeindungen, denn man ist ja als Jude immer dafür zuständig, was in Israel passiert.

DOMRADIO.DE: Es ist ja unfassbar, dass wir im Jahr 2019 wieder über Antisemitismus diskutieren müssen. Woher kommt dieser Antisemitismus von Kindern, die gar keine Juden kennen? Kommt das auch aus den Elternhäusern?

DOMRADIO.DE: Es ist - gefühlt - nichts Neues, sondern war immer da. Gefühlt sind Juden immer Exoten, etwas Unbekanntes, vor dem man scheinbar Angst haben muss. Zum Teil kommt es aus dem Elternhaus. Ein relativ kleines Kind, das noch nie Juden gesehen hat, hat noch keine Vorstellung von dem, was man nicht mögen soll.

Es gibt auch ganz unterschiedliche Arten von Antisemitismus. Natürlich gibt es den islamischen Antisemitismus, der ganz oft in den Mittelpunkt gerückt wird. Das ist aber bei Weitem nicht der einzige. Der rechte Antisemitismus ist in der Mitte unserer Gesellschaft vertreten und wahrscheinlich immer da gewesen und nie weggegangen. Aber auch der linke Antisemitismus wächst ganz stark.

DOMRADIO.DE: Wissen die Schülerinnen und Schüler überhaupt, was sie da sagen?

Kogan: Ich glaube, dass es einem schon durchaus klar ist, dass man eine Religionsgemeinschaft beleidigt und verletzt. Das wird einfach so hingenommen.

DOMRADIO.DE: Sie beklagen, dass Lehrerinnen und Lehrer Antisemitismus oft gar nicht wahrnehmen, weil sie nicht genau wissen, was unter Antisemitismus zu verstehen ist. Wie erkennt man denn Antisemitismus?

Kogan: Ganz oft nimmt man "Du Jude!" nicht als eine schwerwiegende Beleidigung wahr. Es hat in unserer Gesellschaft auch durchaus lange gedauert zu verstehen, dass "Behinderter" als Beleidigung nicht geht. Diesen Weg müssen wir mit der Beschimpfung "Du Jude!" ebenfalls gehen. Tatsächlich wird "Du Jude!" als das subtilste wahrgenommen. Wenn es dann klar Streitigkeiten im Bereich von "Du bist ein böser Jude!", "Ich mobbe dich, weil du ein Jude bist" gibt, dann wird es durchaus wahrgenommen. Die Schulen handeln in solchen Fällen nicht immer rigoros, die meisten handeln aber richtig.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle spielen soziale Medien in Bezug auf Antisemitismus?

Kogan: Als Lehrerin der Sozialwissenschaften bin ich mir durchaus bewusst, dass unser Einflußbereich als Lehrer, Eltern und Erwachsene gar nicht so groß ist wie der der sozialen Medien. Dort bewegen sich die vermeintlich "cooleren Leute". Ich empfinde den Einfluss der sozialen Medien als enorm und extrem. Der Einflußbereich der Musikszene ist auch enorm.

DOMRADIO.DE: Schüler sollten dafür sensibilisiert werden, dass Antisemitismus menschenverachtend ist. Wenn zum Beispiel ein Schüler sieht, wie hinter dem Rücken eines Lehrers jemand den Hitlergruß macht, dann sollte er das doch anzeigen, oder?

Kogan: Ich würde es erwarten. Anzeigen wäre nicht mein erster Vorschlag. An der Schule gibt es unterschiedliche Eskalationsstufen. Man sollte zu dem Klassenlehrer, Schulsozialarbeiter, der Schulleitung und zu der Ebene gehen, bei der man sich wohlfühlt und sich auf jeden Fall diesen Menschen anvertrauen.

DOMRADIO.DE: Was könnte helfen? Wäre wünschenswert, wenn es an Schulen immer einen Antidiskriminierungsexperten geben würde?

DOMRADIO.DE: Das wäre tatsächlich eine sehr überlegenswert Institution, weil es sind ja mehrere Gruppen, die diskriminiert werden können. Es sind nicht nur Juden, sondern auch Muslime, homosexuelle oder transsexuelle Schülerinnen und Schüler oder Lehrerinnen und Lehrer. Und alle könnten von dieser Institution profitieren.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle, würden Sie sagen, spielt der interreligiöse Dialog, um Vorurteile abzubauen?

Kogan: Es ist eine sehr spannende Angelegenheit, mit Menschen aus anderen Religionen zu sprechen. Aber an der Stelle sollten wir uns fragen: Wie tief geht dieser Dialog? Wen erreiche ich durch diesen Dialog? Sind das die Menschen, die eh bereit sind, mit mir zu reden, die mich sowieso spannend finden als Jude und als Mensch? Oder schaffe ich es auch, in eine Gruppe einzudringen, die skeptisch gegenüber Juden und wem auch immer gegenübersteht? Wenn wir es tatsächlich erreichen, in dem interreligiösen und interkulturellen Dialog tiefer einzusteigen und breitere Massen zu erreichen, finde ich es sehr spannend.

DOMRADIO.DE: Was wünschen Sie sich persönlich von der Politik und den Schulministerien. Was könnte wirklich helfen?

Kogan: Ich bin ein großer Freund der Bildung. Ich bin dafür, dass es möglichst viele Fortbildungen gibt, die den Lehrern einerseits zeigen: Juden sind nicht nur die Opfer aus der Schoah. Es gibt eine blühende, spannende jüdische Kultur vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt lebendige jüdische Gemeinden mit ganz vielen jungen, spannenden Menschen, die spannende Kultur machen.

Andererseits: Wie erkenne ich Antisemitismus? Wie greife ich da ein? Wie kann ich Schüler unterstützen, dass sie sich auch trauen zu sagen: "Ich bin Jude".

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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