"Judensau" an der Stadtkirche in Wittenberg
"Judensau" an der Stadtkirche in Wittenberg
Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

06.11.2019

Landesbischof Kramer zur Wittenberger "Judensau" "Sehr verkürzte Debatte"

Mit der neu aufflammenden Debatte um zunehmenden Antisemitismus in Deutschland rückt auch die "Judensau" in Wittenberg wieder in den Blick. Ein Gericht entschied, dass sie nicht entfernt werden muss. Für Landesbischof Kramer ist das eine Schande.

KNA: Herr Bischof Kramer, haben Sie sich schon ein abschließendes Urteil zur Wittenberger "Judensau" gebildet?

Friedrich Kramer (Landesbischof der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland, EKM): Meine Urteilsbildung zu der Schandplastik, die ich aus verschiedenen Gründen nicht so nenne wie Sie, begann schon in den 80er Jahren, weil ich in Wittenberg groß geworden bin, und schon die Junge Gemeinde der Stadtkirchengemeinde forderte damals die Abnahme. Diese Debatte läuft vor Ort also schon seit über 40 Jahren, und ich finde es erfreulich, dass es so eine intensive Geschichte der Auseinandersetzung damit gibt.

KNA: Und Ihr Urteil?

Kramer: Ich bin dafür, die Schandplastik von der Kirchenfassade abzunehmen und im öffentlichen Raum gleich vor Ort mit einer Erklärung auszustellen. In ein Museum gehört die Sau meiner Ansicht nach nicht, das wäre zu weit weg von der Debatte und den Menschen. Denn es ist eine Stärke, dass der jetzige Ort Debatten auslöst. Man muss die Entwicklung sehen: Die Aufarbeitung der "Saugeschichte", es gibt ja vielerorts solche antisemitischen Sau-Darstellungen, beginnt in Wittenberg. Es ist die erste Sau im ganzen europäischen Raum, die kommentiert wurde - seit 1988 gibt es eine Bodenplatte mit einem erläuternden Schriftzug. In der öffentlichen Debatte entsteht leicht der Eindruck, Wittenberg müsse "nun endlich mal" reagieren. Das ist eine falsche Darstellung.

KNA: Wie leicht oder schwer hat sich die Pfarrgemeinde damals damit getan?

Kramer: Sie hat damals nach einem langen, intensiven Diskussionsprozess über Abnehmen oder nicht, Kommentieren oder nicht ein sehr beeindruckendes Mahnmal unterhalb der Plastik geschaffen: Es besteht aus vier Platten, zwischen denen das Blut oder die Geschichte hervorquillt und einem Gedenkspruch: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem Ha Mphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen." Und dann steht noch auf Hebräisch der 130. Psalm: 'Aus der Tiefe rufen wir zu Dir.'

KNA: Kritiker sagen, das Mahnmal sei schwer verständlich und nicht erklärend genug.

Kramer: Ich finde das Mahnmal großartig. Aber es hat aus heutiger Sicht drei Schwächen. Zum Ersten weil es dialektisch ist: Oben die Sau, unten das Mahnmal und die Synthese findet in Deinem Kopf statt - aber so denkt heute leider kaum noch jemand. Zum Zweiten nimmt es den lutherischen Antisemitismus nicht auf, sondern im Fokus steht die Erschütterung durch den Holocaust. Und drittens steht auf der Bodenplatte der jüdische Gottesname - so dass jeder darüber laufen kann, was für unsere orthodoxen jüdischen Freunde schwer erträglich ist.

KNA: Das mittelalterliche Relief zeigt ein Schwein, an dessen Zitzen Menschenkinder saugen, die durch ihre Spitzhüte als Juden identifiziert werden sollen. Eine als Rabbiner zu erkennende Figur hebt mit der Hand den Schwanz der Sau und blickt ihr in den After. Das Ganze wurde 1570 ergänzt durch den Schriftzug: "Rabbini Schem Ha Mphoras" - also der für Rabbiner unaussprechliche Name Gottes. Wie ist die Ergänzung zu verstehen?

Kramer: Der Schriftzug greift eine gleichlautende antisemitische Schrift Luthers aus dem Jahr 1543 auf. Deswegen nenne ich die Wittenberger Darstellung auch immer eine "Luther-Sau", weil hier der antisemitische, der "säuische Luther", quasi positiv aufgenommen wird, indem man sich seiner antisemitischen Sichtweise anschließt. Dies ist nur bei der Wittenberger Sau der Fall.

KNA: Wie ist der Stand der Debatte über das Schandrelief unter den Wittenbergern inzwischen?

Kramer: Es gibt drei Gruppen: Diejenigen Wittenberger, die es schon in den 80er Jahren abnehmen wollten und auch bereit sind, für einen neuen Gedenkort Geld zu investieren. Dann diejenigen, die mit ganz unterschiedlichen Motiven von außen kommen und die Abnahme fordern oder jetzt auch einklagen wollen. Und dann sind da diejenigen, die sagen: 'Das muss dranbleiben, das ist der Stachel im Fleisch und wir dürfen die Geschichte nicht wegmeißeln.' Und sie verweisen zu Recht auf das bestehende Mahnmal.

Für die Entscheidung über diese Fragen ist die Kirchengemeinde zuständig, die in der Debatte eine hohe sachliche Kompetenz einzubringen hat und sehr verantwortlich mit dieser Geschichte umgeht. Ich bin gespannt, wie sich die Erinnerungskultur vor Ort weiterentwickeln wird.

KNA: Inwieweit haben Sie Verständnis für die "Geschichte nicht wegmeißeln"-Position?

Kramer: Ich habe ein großes Verständnis für diese ehrenwerte Position. Wir müssen uns unserer Geschichte stellen und unserem Umgang damit. Es gibt ja ganz viele antijudaistische Plastiken in Kirchen und die Frage ist immer: Wollen wir die jetzt alle abmeißeln? Wo ist die Grenze? Ich denke allerdings, dass die Sauen aus der steinernen Predigt der Kirchgebäude entfernt werden sollten, weil sie genau die Überschreitung von der reinen Allegorie hin zur antisemitischen Beschimpfung sind, wie das Wort "Judensau" deutlich zeigt. Es ist unerträglich, dass dieses Wort heute als Schimpfwort auf Schulhöfen gebraucht wird.

KNA: Im Sommer hatte ein Mitglied der jüdischen Gemeinde vor Gericht auf die Abnahme der Wittenberger Sau geklagt - und verloren.

Kramer: Eigentlich ist das eine Schande für uns. Denn es zeigt: Auch die kommentierte Sau "predigt" noch und Juden fühlen sich davon verletzt. Warum sind wir so unempfindlich gegen dieses Gefühl unserer jüdischen Geschwister? Anderseits ist deutlich, dass die Stadtkirchengemeinde nicht beleidigen will, da sie sich von dieser Aussage mit dem Mahnmal deutlich distanziert. Und so ist man sich ja auch in der jüdischen Community in dieser Frage nicht einig.

KNA: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat vergangene Woche eine Abnahme der Wittenberger Sau gefordert. Eigentlich in Ihrem Sinne, oder?

Kramer: Im Prinzip ja. Aber hier entsteht ganz schnell der Eindruck, als müsse man den Kirchen jetzt mal ganz schnell sagen, dass sie eine antisemitische Geschichte haben. Dabei arbeiten evangelische wie katholische Kirche das seit Jahrzehnten auf. Sicherlich ist da noch vieles im Argen, aber es ist nicht so, dass die Kirchen da jetzt geweckt werden müssten. Im Gegenteil! Die Kirchen wirken an vielen Stellen der Gesellschaft intensiv mit anderen gegen Antisemitismus.

Da ist ein echtes Freundschafts- und Vertrauensverhältnis zwischen jüdischen und christlichen Gemeinden gewachsen und ich glaube, es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die christlichen Kirchen an der Seite der Juden stehen und verlässliche Partner sind.

Von Karin Wollschläger

(KNA)

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