Eine "Lichtsphäre" des Künstlers Yvelle Gabriel im unterirdischen Friedhof in Jerusalem
Eine "Lichtsphäre" des Künstlers Yvelle Gabriel im unterirdischen Friedhof in Jerusalem
Bauarbeiten im Jerusalemer Friedhof
Bauarbeiten im Jerusalemer Friedhof
Anbringen einer "Lichtsphäre" im Jerusalemer Friedhof
Anbringen einer "Lichtsphäre" im Jerusalemer Friedhof

30.10.2019

Neuer unterirdischer jüdischer Friedhof in Jerusalem Uralte Tradition, neu aufgelegt

Eine unterirdische Stadt der besonderen Art entsteht in Jerusalem. Im November beziehen die ersten Toten 50 Meter unter der Oberfläche ihre letzte Ruhestätte. An diesem Mittwoch werden die Katakomben eingeweiht.

Als die Idee eines unterirdischen Friedhofs erstmals in Israel öffentlich wurde, tat man sie als nicht machbar und unbezahlbar ab. 35 Jahre später ist das Unmögliche Wirklichkeit geworden: An diesem Mittwoch werden nach sechs Jahren Bauzeit unter dem jüdischen Friedhof "Har HaMenuchot" (Berg der Ruhenden) in Jerusalem die weltweit ersten Katakomben der Moderne offiziell eingeweiht. Futuristisch anmutende Lichtinstallationen des deutschen Glaskünstlers Yvelle Gabriel erleuchten dann das Höhlensystem 50 Meter unter der Oberfläche.

Noch herrscht in jenem Trakt, der künftig das Backoffice des Friedhofs werden soll, im Halbdunkel geschäftiges Treiben. Im Mittelgang kann man die Raumwirkung bereits erahnen. Dunkle Enge, wie man sie von einer Grabhöhle erwarten könnte, sucht man vergebens. Stattdessen prägen hohe Decken und weite Gänge die Katakomben, die selbstverständlich rollstuhlgängig sind. Auf drei Etagen sind Felsgräber angelegt, vier ordentliche Reihen rechteckiger Öffnungen auf jeder Etage, Tausende an der Zahl. Wären sie sechseckig, man könnte sich des Eindrucks eines Bienenstocks nicht erwehren.

Bis zu 24.000 Gräber

Am Freitag, den 1. November, werden die ersten 8.000 Gräber für jüdische Bestattungen freigegeben. Wie viele es insgesamt am Ende sein werden, wird man erst nach Abschluss der Arbeiten in rund sechs Jahren sehen. "Irgendetwas zwischen 23.000 und 24.000", schätzt Chanania Schachor. Mit seinem Partner Arik Glazer vom Tunnelbauunternehmen Rolzur ist der Leiter der größten Jerusalemer Beerdigungsgesellschaft der Visionär hinter dem Projekt.

Schachor, Bestatter in siebter Generation, hat einen ganz eigenen Zugang zu seiner Arbeit: "Die Erde wurde uns gegeben, um sie zu entwickeln. Gräber aber sind tote Erde; deshalb sollten wir so wenig Grund wie möglich für Friedhöfe verwenden!" Judentum wie Islam sehen Erdbestattungen vor. Anders als etwa in Deutschland wird ein Grabplatz nicht nach einer bestimmten Frist ein weiteres Mal belegt. Bei rund 45.000 Toten im Jahr und einer voraussichtlichen Verdopplung der Bevölkerung bis 2048 wird der ohnehin umstrittene Boden im Heiligen Land knapp.

"Zurück zu den Wurzeln"

Seit 1959 wurde auf dem Har HaMenuchot 200.000 mal begraben. Stück für Stück werde so der benachbarte Jerusalemwald vom Friedhof aufgefressen, sagt Schachor. Zu Zeiten, als es nur traditionelle Erdbestattungen gab, kamen auf 1.000 Quadratmeter 320 Tote. Mit Grabtürmen stieg die Zahl auf 3.800. Künftig werden es 5.000 Gräber pro 1.000 Quadratmeter sein. Drei Hektar Wald will der Bestatter so retten.

Schachors Vision ist eigentlich ein "Zurück zu den Wurzeln". Die bedeutendsten Katakomben des Landes in Beit Schearim bei Haifa, von der Unesco seit 2015 als Weltkulturerbe anerkannt, stammen aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert. In jüngster Zeit wagten einzelne wie der Talmud-Professor Jair Furstenberg Vorschläge zum Platzsparen, wie in der Antike Gräber nach einer Weile aufzumachen und Knochen in Ossuarien zu sammeln. Die Bestattungskultur wird sich weiter verändern, glaubt auch Schachor. Feuerbestattungen jedoch seien vor dem Hintergrund des Holocaust unvorstellbar. Gegen das Bestatten im Berg hingegen habe sich kein Widerstand geregt -"im Gegenteil, die meisten staunen".

Künstlerische Beleuchtung

Als er im Januar einen Bericht über den unterirdischen Friedhof sah, dachte der in Mainz geborene Künstler Yvelle Gabriel: "Da fehlte Kunst!" Gabriel ließ seine Frau bei Schachor anrufen, bekam einen Termin. Der Funke sprang über. Die "Lichtsphären" wurden geboren: überdimensionale Lichtobjekte aus Glas und Leichtmetall. Überall dort, wo sich die wichtigsten Achsen des Tunnelsystems kreuzen. Zehn sollen es werden. "Sakramental-monumental" nennt der Künstler seine Arbeit.

Sie basiert auf der Idee des Dodekaeders, des zwölfflächigen Körpers perfekter Symmetrie, die der antike Philosoph Plato mit dem Himmel als fünftem Element in Verbindung brachte. "Wie in der jüdischen Zahlenmystik der Kabbala", sagt Gabriel und dreht die Masse aus handgemachtem Kathedralenglas.

Der rot-orangene Schein fällt auf den Kalkstein und taucht den archaisch anmutenden Raum in ein warm wohnliches Licht. Die Lichtkörper sind für den 50-jährigen Gabriel Sinnbild für die Sonne, Ur-Energie für die "heiligen Hallen des Ewigen Lebens". "Gänsehaut" bekomme er bei dem Gedanken daran, "dass die Lichtsphären auch in tausenden Jahren noch da sind".

Katakomben ausgezeichnet

In ganz so langen Zeiträumen denkt Schachor nicht; eher an Lösungen für das kommende Jahrzehnt. Dass nicht nur Einwohner der Stadt in Jerusalem bestattet werden wollen, ermöglicht erst die Finanzierung des Projekts, das kein Privatunternehmen sei. Während Bestattungen für Jerusalemer weiter kostenlos bleiben, muss zahlen, wer nicht von hier stammt oder sein Grab schon zu Lebzeiten auswählen will.

Umgerechnet 55 Millionen Euro kosten die Katakomben, die 2017 mit dem zweiten Preis der "International Tunnelling and Underground Space Association" für innovative Nutzung des Untergrunds ausgezeichnet wurden. Mit Extras wie Kunst oder zusätzlicher Beleuchtung, glaubt Schachor, werden es am Ende wohl eher 75 Millionen Euro sein.

Andrea Krogmann
(KNA)

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