31.07.2019

Berliner Rabbiner Teichtal auf Arabisch beschimpft und bespuckt Erneut antisemitische Vorfälle in Berlin

In Berlin ist es erneut zu judenfeindlichen Vorfällen gekommen. Wie die Jüdische Gemeinde zu Berlin bekannt gab, wurde ihr Rabbiner Teichtal von zwei Männern auf Arabisch beschimpft und bespuckt. Das weitere Opfer ist ein 25-jähriger Student.

Der Angriff fand bei einer Synagoge im Stadtteil Wilmersdorf statt, in der Teichtal zuvor einen Gottesdienst geleitet hatte. Nach der Anzeige des Rabbiners, der bei der Attacke von einem seiner Kinder begleitet wurde, nahm die Polizei Ermittlungen auf. Am Samstag war auch in Potsdam ein Mann, der eine Kippa mit Davidstern trug, vermutlich von einem Syrer bespuckt und beleidigt worden.

Teichtal kritisierte, "dass die Aggressionen gegen Juden sowohl auf den Schulhöfen als auch auf den Straßen Berlins ein Eigenleben entwickelt haben". Er betonte zugleich, die meisten Berliner wollten, dass Juden ihre Religion "offen leben können, ohne Angst zu haben, beschimpft, bespuckt oder gar geschlagen zu werden".

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, hob hervor, Teichtal habe in der Jüdischen Gemeinde den Ruf eines "Liebe-Predigers" erworben. Er setze sich vorbildlich für ein durch "Liebe zur Würde des Menschen" getragenes Miteinander zwischen allen Religionen und Kulturen ein. Der Vorfall zeige die Notwendigkeit, den Kampf gegen Antisemitismus durch weitere praktische Maßnahmen zu verstärken, erklärte Joffe. Vor allem müssten jetzt auch Polizeibeamte, die ihren Dienst in Zivil versehen sollten, sicherstellen, dass Juden ungestört ihre Synagogen betreten können.

Antisemitischer Angriff auf 25-Jährigen am Potsdamer Hauptbahnhof 

Auch ein 25-jähriger Potsdamer, der eine Kippa mit Davidstern trug, ist vor dem Potsdamer Hauptbahnhof angegriffen und beleidigt worden. Beamte der Bundespolizei hätten nach dem Vorfall am Samstag als mutmaßlichen Täter einen syrischen Staatsangehörigen ermittelt, berichtete die Polizeidirektion West am Sonntag. Der 25-Jährige sei von dem 19-jährigen Syrer angespuckt worden. Ermittelt werde gegen ihn wegen Volksverhetzung. Nach ersten Erkenntnissen habe sich ein 17 Jahre alter Begleiter des Syrers nicht an der Tat beteiligt. Daher werde er als Zeuge in dem Strafverfahren geführt. Jüdische Männer tragen die kleine kreisförmige Kopfbedeckung traditionell als Zeichen ihres Glaubens.  

Der 25-jährige Student sagte der Deutschen Presse-Agentur, er trage die Kippa täglich aus persönlichen Gründen. "Als ich am Hauptbahnhof aus der Straßenbahn ausgestiegen bin, habe ich hinter mir Schatten wahrgenommen", berichtete er. Im nächsten Moment sei er schon angespuckt, antisemitisch beleidigt und mit Gebärden bedroht worden. Anschließend habe er die Bundespolizei alarmiert, die die beiden Männer nach kurzer Zeit gefasst hätten.

Kippa-Äußerung als "Weckruf" 

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, war im Mai für seine Äußerung "Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen" kritisiert worden. Später verteidigte er die umstrittene Kippa-Äußerung als "Weckruf". Der Staat tue viel gegen Antisemitismus, aber die Anstrengungen reichten noch nicht, sagte Klein beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Es brauche zudem auch mehr Zivilcourage und Einmischung, genaueres Hinsehen. "Wir müssen auch als Zivilgesellschaft aktiv werden." Das alles habe er deutlich machen wollen. 

In Dortmund betonte der Bundesbeauftragte, Juden müssten sich durchaus "jederzeit und überall" mit Kippa oder anderen religiösen Symbolen zeigen dürfen. Der Antisemitismusforscher Günther Jikeli schilderte, wachsender Judenhass gehe in Deutschland von vielen Gruppen aus - von Rechts, Links, der Mitte der Gesellschaft und von Muslimen. Vielen Studien zufolge sei dabei das "Niveau" des Antisemitismus unter Muslimen deutlich höher als bei Nicht-Muslimen.

Jikeli kritisierte, dass Polizeistatistiken ungenau seien, weil fast alle Fälle, die sich keinem Täterkreis zuordnen ließen, einfach auf das rechtsextreme Konto verbucht würden. Dagegen zeigten Umfragen unter Juden, dass Antisemitismus vor allem von Muslimen ausgehe - und das entspreche auch dem Gefühl der jüdischen Community, wie Befragungen belegten. Die Zahl antisemitischer Straftaten war 2018 bundesweit um fast 20 Prozent auf 1799 Fälle gestiegen. 

Kardinal Woelki: Schämen für solche Vorfälle

Der Kölner Kardinal Rainer Woelki, der zuvor Erzbischof von Berlin war, hatte sich ebenfalls bereits im Mai erschüttert über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland geäußert. Der neue Rabbiner der Kölner Synagogengemeinde, Yechiel Brukner, war zuvor in Bussen und Bahnen der Stadt öfters massiv beschimpft worden. "Ich schäme mich als Kölner für solche Vorfälle", sagte der Chef des größten katholischen Bistums in Deutschland. "Es macht mich zugleich fassungslos, dass es immer noch Zeitgenossen gibt, die nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt zu haben scheinen."

Der seit September amtierende Brukner hatte sich über massive antisemitische Anfeindungen in Bussen und Bahnen beklagt. Sowohl Migranten als auch Deutsche hätten sich ihm gegenüber feindlich geäußert, wenn er seine Kippa getragen habe.

Der Kölner Erzbischof wandte sich gegen jede Form von Religions- und Fremdenfeindlichkeit: "Juden, das sind doch unsere älteren Geschwister im Glauben. Und Muslime - so formuliert das auch Papst Franziskus - sind ebenfalls unsere Brüder und Schwestern." Die Religionsfreiheit dürfe nicht nur im Grundgesetz stehen, "wir müssen sie leben", sagte Woelki. "Vom deutschen Boden darf nicht nur nie wieder Krieg ausgehen. Gerade in Deutschland dürfen nie wieder Menschen auf Grund ihrer Religion beleidigt, beschimpft, benachteiligt, ausgegrenzt oder gar verfolgt werden."

Beim Thema Fremdenfeindlichkeit und bei der Religionsfreiheit kenne er keine Kompromisse, sagte der Kardinal. "Hier sage ich ganz klar: Nie wieder, und nicht mit mir!" Wer in welcher Form auch immer religions- oder fremdenfeindlichen Hass schüre und verbreite, habe weder das Gesetz noch Gott auf seiner Seite. (DOMRADIO.DE/KNA/dpa)

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