Michel Friedman
Michel Friedman

20.05.2019

Michel Friedman fürchtet Angriffe auf die Menschenwürde in Europa "Alle werden am Ende darunter leiden"

Europa erlebe derzeit "die nackte Fratze von Menschenhass", meint Michel Friedman. Die Wahl werde daher richtungsweisend für die Demokratie. Lobenswert im Umgang mit Populismus empfindet er das Verhalten der Kirchen in der Flüchtlingskrise.

DOMRADIO.DE: Sie haben 2016 in einem Gespräch gesagt: Europa befinde sich auf einem gefährlichen Weg, auf dem Weg der Renationalisierung. Die Spannungen mit dem Populismus werden stärker. Sie sagten: "Wenn das so weitergeht, bin ich hier weg." Seitdem ist einiges passiert, aber Sie sind noch da. Ist das ein gutes Zeichen?

Michel Friedman (Publizist, früherer stellv. Vorsitzender des Zentralrats der Juden): Festzustellen ist, dass sich seit 2016 die Situation der Mitgliedsländer in der Europäischen Union verschlechtert hat. Wir haben mit Italien ein sehr großes Land, in dem – vielleicht muss man das so sagen – Demokratiestandards abgebaut werden. Wir können über Details reden. Aber dort, wo Populisten regieren, werden Demokratiestandards abgebaut. Wir haben mit Österreich jetzt aktuell ein Land in der Krise, das mit der FPÖ ebenfalls eine solche politische Haltung in die Regierung aufgenommen hat. Wir haben Länder, wie Ungarn und Polen. Aber wir haben mittlerweile auch in Nordeuropa Länder, die das tun.

Die Grundvoraussetzung für einen Menschen wie mich, in einer Gemeinschaft leben zu können, ist die Anerkennung von Demokratie und demokratischen Grundstandards. Das Grundwesen der Demokratie ist zusammengefasst in dem Artikel 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Diese Leute sind der Meinung, dass für einige die Würde des Menschen antastbar wird. Da habe ich natürlich mit meiner jüdischen Biografie erst recht ein Problem. Aber ich würde es für jeden Menschen, der lebt, sagen: die Würde des Menschen ist unantastbar und unverhandelbar. Sobald diese Würde des ersten Menschen oder der ersten Gruppe zur Disposition steht, ist bereits das Prinzip gebrochen und alle werden am Ende darunter leiden. Die Europawahlen werden richtungsweisend sein und die nächste Legislaturperiode wird die Auseinandersetzung an diesem Thema sein.

DOMRADIO.DE: Wie fühlen Sie sich damit, dass das anscheinend einhergeht mit einem Anstieg des Antisemitismus?

Friedman: Der Antisemitismus ist nicht angestiegen, sondern angestiegen sind die Schamlosigkeit, die Gesellschaftsfähigkeit und die Gewalt. Wir erleben, dass Menschen aus der sogenannten Mitte sich so verhalten, wie die Springerstiefel und die schlagenden Nazis, nur dass deren Gewalt über geistige Brandstiftung stattfindet. Wir erleben, dass diejenigen, die als Wölfe einen Schafspelz trugen, also die, die hinter verschlossenen Türen gesagt haben, was man schon immer mal sagen musste, dass sie ihren Schafspelz ausgezogen haben.

Wir erleben die nackte Fratze von Menschenhass. Ich will das nochmal deutlich sagen: Ja, es betrifft in diesem Fall Juden. Aber Vorsicht bei denen, die Nichtjuden sind, zu glauben, sie seien davon nicht betroffen. Judenhass ist Menschenhass. Wenn man dann in Anführungsstrichen "das Problem der Juden" hinter sich gebracht hat, sind die Menschenhasser voller Blutrausch und suchen sich die nächsten Gruppen.

Der Antisemitismus ist aber auch deswegen immer enthemmter, weil die Reaktionen nicht bei den Anfängen der Gewalt stattfinden. Sie wissen, dass bei Sonntagsreden sehr gerne seit Jahrzehnten immer von "Wehret den Anfängen" gesprochen wird. Aber das bedeutet: Ob in der Schule, im Verein, in der Familie, im Job oder wo auch immer: Das Problem liegt dort, wo man aufhört, auf menschenverachtende Bemerkungen zu reagieren – und zwar am Anfang der Gewalt.

DOMRADIO.DE: Wer soll etwas dagegen unternehmen? Die Gesellschaft?

Michel Friedman: Ja, Sie und ich! Erst einmal fängt es in der Tat im eigenen Einsatz an. Wir sensibilisieren uns oder desensibilisieren uns, je nachdem wie wir reagieren. Dann gibt es solche exkulpierenden Bemerkungen, nicht so zu übertreiben oder es nicht so gemeint zu haben. Kann ich mich wirklich jetzt mit meinem Chef streiten und riskiere meinen Job, wenn ich ihm sage: "Hey Chef, das war eben rassistisch oder judenfeindlich". Ja! Tue ich es nicht, verstricke ich mich.

Je mehr ich mich verstricke, desto weniger werde ich es irgendwann mal tun. Das sage ich jetzt nicht nur in Bezug auf Judenhass. Es beginnt im Ich und muss dann natürlich in das Politische übergehen. Wir fragen uns ja auch oft, warum reagieren die Parteien darauf so zögerlich? Warum gibt es da nicht mehr Repräsentanten, die reagieren? Ja, weil wir es auch als Individuen weniger tun.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit den Religionsgemeinschaften aus? Müssen sie vielleicht lauter Widerstand leisten?

Friedman: Erstens ist der Begriff Widerstand so hoch gegriffen, wie wenn man sagt, man muss aber ganz schön mutig sein. Beides ist falsch. Zweitens ist festzustellen, dass die Kirchen, sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche, sich während der Debatte, als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, außerordentlich engagiert und eindeutig positioniert haben. Ich glaube, dass das ein Prozess war, den man dann auch lobend erzählen muss. Ich war davon sehr beeindruckt, weil natürlich auch viele Menschen, die Mitglieder der Kirchen sind, ihre Vorurteile und ihre Bedenken hatten, um was es da geht.

Aber die Kirchen haben immer wieder gesagt, alle Bedenken können dahingestellt bleiben, wenn man den Grundsatz nicht mehr respektiert, dass das Menschen sind. Und wir sind verpflichtet, erst einmal und immer darüber, unsere Antworten zu formulieren. Währenddessen haben AfDler und andere ja genau das in Frage gestellt: Sind das Menschen wie ich? Da haben die Kirchen, glaube ich, ein großes Signal gesetzt.

DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie zum Engagement von Papst Franziskus?

Friedman: Erstens maße ich mich nicht an den Repräsentanten einer anderen Religion zu beurteilen. Denn diese Beurteilung hat zwei Ebenen. Es gibt eine Beurteilung innerhalb des Systems. Das heißt, man müsste Katholik sein, um zu sehen, ob die Auseinandersetzung und die Signale, die dieser Papst gibt – in welche Richtung auch immer – dann zu bewerten sind.

Dann gibt es natürlich auch die Bewertung von außen, wo man sich die Frage stellt: Welche Konsequenzen hat eine, in dem Fall katholische Kirche, so wie sie sich jetzt präsentiert? Es ist wichtig, finde ich, das Positive zu erwähnen, wenn man von außen kommt. Der Papst hat ein großes Engagement und ein glaubwürdiges und sehr konsistentes Prioritäres, uns deutlich zu machen, jeder von uns ist ein Flüchtling – irgendwann und irgendwo. Daraus entstehen Handlungszwänge. Zweitens: Der Dialog ist die einzige Möglichkeit einer Zukunft. Wie schmerzhaft und auch kontrovers es auch ist.

So mancher Dialog endet ja in "We agree to disagree". Das ist der allernötigste Moment, um zu sagen, wir müssen wieder in den Dialog treten. Wie weit dieser Papst Reformen innerhalb seiner Kirche durchführt, bin ich wiederum der Meinung, ist eine Bewertung der Innerkirchlichkeit.

Aber es gilt für uns alle: Dort, wo Kinder missbraucht werden, und Menschen im Namen der Religion oder Institutionen das schützen, tritt wieder das Übergeordnete, das über den Religionen Stehende in den Mittelpunkt. Das ist nicht akzeptabel. Es gibt weder eine Religion noch eine Ideologie, die rechtfertigt, dass Menschen misshandelt oder vergewaltigt werden, dass Macht missbraucht wird. An dem Punkt gibt es viel Arbeit.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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