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Erzbischof Heiner Koch
Erzbischof Heiner Koch

09.03.2019

Erzbischof Koch zur Woche der Brüderlichkeit "Jude als Schimpfwort erschreckt mich sehr"

Mit dem zentralen Auftakt in Nürnberg wird an diesem Sonntag die christlich-jüdische "Woche der Brüderlichkeit" eröffnet. Veranstaltungen dazu gibt es auch in Berlin. Was Christen für den Dialog tun können, erklärt Erzbischof Heiner Koch.

Erzbistum Berlin: Welche Erwartungen haben Sie an die Woche der Brüderlichkeit?

Erzbischof Dr. Heiner Koch (Erzbischof im Erzbistum Berlin): Diese Woche der Brüderlichkeit ist der Versuch, eine Thematik sehr bewusst geistlich und auch geistig kommunikativ in die Gesellschaft hineinzubringen. Das Thema ist natürlich das ganze Jahr über hochaktuell, aber die Woche bündelt es noch einmal zusammen mit Juden und Christen.

Wie notwendig das ist, ist mir vor kurzem deutlich geworden, als ich von einem Autofahrer überholt wurde, der mir aus einem offenen Fenster zu rief: "Du Jude, du". Ich weiß nicht, aus welchem Grund heraus er mir das zugerufen hat. Mich hat das Wort furchtbar erschrocken, weil ich plötzlich gemerkt habe, dass bei einigen inzwischen das Wort "Jude" wieder ein Schimpfwort geworden ist.

All die Bilder der Vergangenheit, die ich aus Dokumentarfilmen furchtbarer Zeiten hier in Deutschland und auch gerade aus Berlin kenne, sind in mir plötzlich wieder wach geworden. Antisemitismus ist latent da und je unreflektierter er ist, umso mehr Kraft hat er.

Erzbistum Berlin: Immer wieder machen sich Juden Sorgen über den wachsenden Antisemitismus. Nehmen Sie eine verstärkte Judenfeindlichkeit wahr?

Koch: Zunächst mal glaube ich, dass sie immer aktuell war. Entwicklungen kommen nie von heute auf morgen, sondern auf längere Zeit. Wir müssen einfach diese Frage schlicht und ergreifend immer wieder wach halten – auch aus der Verantwortung der Geschichte heraus, aber vor allen Dingen auch, weil jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger als Deutsche oder als Gäste mit uns leben.

Ebenso sind wir auch in unserer Glaubwürdigkeit als Christen, aber auch als Gesellschaft gefordert. Zweifelsohne war die Woche der Brüderlichkeit jahrelang so etwas wie Routine geworden. Sie kam immer wieder und wusste auch, was zu sagen und zu bedenken war. Die Woche war immer sinnvoll. Aber es brannte nicht so sehr unter den Nägeln. Im Moment spüren wir es natürlich nicht nur in dem Bereich zwischen Christen und Juden, sondern auch in anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Das Klima ist härter und aggressiver geworden. Es sind nicht nur einzelne Konflikte, die vielleicht anstehen und die man lösen könnte, sondern es ist eine Grundstimmung geworden.

Es ist fast nicht fassbar, woher diese Welle eigentlich kommt. Es hat sich in den äußeren Bedingungen nicht dramatisch viel verschlechtert, dass man sagen müsste, hier hätten wir einen Grund diese Spannung zu sehen.

Erzbistum Berlin: "Mensch, wo bist Du? Gemeinsam gegen Judenfeindschaft" ist das Motto der Woche der Brüderlichkeit. Welche Bedeutung steckt hinter dem Leitwort?

Koch: Es ist erstens mal eine Frage an jeden Einzelnen von uns, wie auch an unsere Gesellschaft: Wo bist du?

Ich kann mich verstecken. Das sagt dieses alte Bild des Schöpfungsberichts ja, wo der Mensch sich vor Gott versteckte. Aber vor Gott bin ich da und präsent. Meine Verantwortung kann ich nie ablegen. Ich werde auf diese Frage, die Gott mir stellt, jetzt und in der Ewigkeit antworten müssen. Wo bin ich, wo setze ich mich ein? Wo verstecke ich mich? Wo schließe ich die Augen? Wo ergreife ich das Wort, auch wenn es unangenehm ist? Wo ergreife ich Partei? Wo gestalte ich mit? Ich kann mich nicht aus der Verantwortung drücken. Das ist eine Frage, die nach Antwort sucht. Für mich heißt es auch, die Verantwortung zu suchen.

Es ist zweitens ein Text und eine Frage aus der Heilige Schrift. Und gerade die Schrift des ersten Testaments verbindet uns Christen und Juden ja – und zwar als Gottes Wort. Das sind nicht irgendwelche Worte oder Dokumente, die wir mal zusammen beschlossen haben. Das sind die Quellen, aus denen beide Religionen leben. Wir leben aus ihnen. Vielleicht lässt diese Wahrnehmung, dass wir aus den gleichen Quellen leben, uns ja auch sehr ehrfürchtig und hochachtungsvoll miteinander umgehen.

Das Dritte ist, und das ist natürlich eine Frage, die sich an uns als Menschen stellt: "Mensch, wo bist du?" Was heißt das eigentlich für mich, Mensch zu sein? Was heißt es, den anderen in seiner Menschenwürde und in seiner Menschengröße zu achten. Das ist natürlich nicht nur eine Frage, die in Bezug auf die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger relevant ist, sondern die sich eigentlich jedem Menschen stellt. Wo gehen wir menschenwürdig oder menschenunwürdig miteinander um? Wo achten wir die Menschenwürde gerade der Kleinen und der Ungeschützten? Wo sind wir, dass wir diese Frage ehrlich beantworten können?

Erzbistum Berlin: Welche Verantwortung haben Christen und hat auch die Gesellschaft im Dialog mit den Juden?

Koch: Die besondere Verantwortung sehe ich allein darin, dass wir wissen, dass wir in dieser Verantwortung vor und mit Gott stehen. Gott ist Mensch geworden. Wir Christen glauben, dass er Mensch geworden ist. Eine überbietbare, eine größere Dichte zwischen Gott und Mensch kann es nicht geben. In jedem Menschen begegnet mir Gott und Gott ist in jedem Menschen nahe. Er ist selbst zu uns gekommen, weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Er hat mit uns gelebt und gelitten. Ich kenne keine Religion, in der diese Menschenherzlichkeit Gottes konkreter erlebbar wird, als in Jesus Christus.

Insofern sind wir als Christen ganz besonders herausgefordert, gerade aus unserem Glauben heraus. Das weiß ich auch aus vielen Gesprächen mit unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, dass das der positiv große Unterschied zwischen Christen und Juden in der Bedeutung Jesu Christi ist.

Aber das ist der Ausdruck der großen Menschlichkeit Gottes. Diese Menschlichkeit ist nicht nur im stillen Raum lebbar. Wir sind in einer Gesellschaft verwoben und somit verantwortlich für die Gesellschaft. Die Gesellschaft wird erst durch uns. Wir können also nicht einfach sagen, dass die Gesellschaft etwas uns Fremdes und Fernes ist. Zum anderen ist es auf jeden Fall natürlich auch so, dass wir gerade mit dieser spezifischen Botschaft auch in dieser Gesellschaft eine Hoffnung und ein Potenzial hineingeben können. Es ist aber auch ein Motivationssignal, das wir uns für die Menschen engagieren. Das ist das glaubwürdigste Zeugnis, was wir in einer Gesellschaft geben können, die so oft von dem Glauben der Christen nichts kennt.

Unsere Menschenfreundlichkeit ist nicht nur eine ethische Größe, sondern ein Stück Glaubensverkündigung dieses menschgewordenen Gottes.

Erzbistum Berlin: Wie ist das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Juden in Berlin?

Koch: Ich bin sehr froh, dass unsere Beziehung zu den Juden hier in Berlin sehr lebendig und aktiv ist. Die jüdische Gemeinschaft ist ja auch eine vielfältige, bunte Gemeinschaft. Da braucht es manchmal auch immer wieder neue Zugänge. Wir erleben gerade auch in den Überlegungen etwa, wie wir am demnächst entstehenden katholischen Institut an der Humboldt-Universität mit den jüdischen Theologen zusammenarbeiten können. Da gibt es schon sehr erfreuliche Überlegungen. Ich hoffe, dass es initiativ wird.

Aber es sind auch sehr viele persönliche Kontakte. Wenn ich von jüdischen Gemeinden eingeladen werde oder zu jüdischen Festen gehe, werde ich immer dermaßen freundlich und herzlich begrüßt und begleitet. Es ist für sie immer eine andere Art von Wertschätzung.

Ich fühle mich in ihrer Gemeinschaft wirklich auch sehr wohl. Das verpflichtet mich natürlich auch.

Das Interview führte Johannes Wilhelm.

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