Jüdische Ladenfront nach der Zerstörung durch Nazis
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Kardinal Reinhard Marx (l.), Heinrich Bedford-Strohm und Josef Schuster (r.) während der Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome.
Kardinal Reinhard Marx (l.), Heinrich Bedford-Strohm und Josef Schuster (r.) während der Gedenkfeier anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome.
Reinhard Kardinal Marx
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Bischof Gebhard Fürst
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Bundesjustizminister Heiko Maas
Bundesaußenminister Heiko Maas
Wahlsieger: Reiner Haseloff
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08.11.2018

Novemberpogrom-Gedenken im Zeichen von zunehmendem Antisemitismus "Ein Christ ist verpflichtet, solidarisch mit Juden zu sein"

In Erinnerung an die Novemberpogrome der Nationalsozialisten vor 80 Jahren warnen Kirchenvertreter, Organisationen und Politiker vor wachsendem Zuspruch für antisemitisches Verhalten in Deutschland. Besonders deutlich wird Kardinal Marx.

"Die Reichspogromnacht markiert den Übergang von der rechtlichen Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung der Juden zur offenen Verfolgung; ein Weg, der schließlich zur Shoah geführt hat. Dass damals so viele – die meisten von ihnen waren Christen – weggeschaut oder tatenlos zugeschaut haben, erfüllt uns bis heute mit Scham."

Mit diesen Worten hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, an diesem Donnerstag bei einer Gedenkveranstaltung der Stadt Würzburg und der jüdischen Gemeinde zum 9. November am Platz der ehemaligen Synagoge auf der Domerschulstraße in Würzburg an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert.

Einer der denkwürdigsten Tage der deutschen Geschichte

Zusammen mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, dem Regierungspräsidenten Dr. Paul Beinhofer und Oberbürgermeister Christian Schuchardt würdigte er das jüdische Leben in Deutschland.

Der 9. November sei einer der denkwürdigsten Tage der deutschen Geschichte, so Kardinal Marx: Die Reichspogromnacht 1938, der 9. November 1918, an dem in Berlin die Republik ausgerufen und am Tag zuvor in München der Freistaat Bayern gegründet wurde, der 8./9. November 1923 als Tage des Hitlerputsches und der 9. November 1989, als in Berlin die Mauer geöffnet wurde.

Wenn man die Reichspogromnacht im Zusammenhang mit den anderen Ereignissen sehe, werde deutlich, dass auch heute ein Gedenken sinnvoll und notwendig sei. "Die Ereignisse des 9. November zeigen, dass Rechtsstaat und Demokratie keine Errungenschaften sind, die einmal erworben werden und dann selbstverständlich sind. Die rechtsstaatliche Demokratie war und ist eine gefährdete Staatsform", so Kardinal Marx.

Der demokratische Rechtsstaat setze voraus, dass sich die Bürger im Alltag mit Respekt, Fairness und Wohlwollen begegnen, dass sie füreinander Verantwortung übernehmen und sich auch im Streit um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemühen. "Wo diese Werte missachtet werden, gerät das friedliche Zusammenleben in Gefahr. Es sind nicht erst Taten oder offenkundige Rechtsverstöße, die den Grundkonsens angreifen und beschädigen. Die letzten Jahre der Weimarer Republik zeigen uns deutlich: Die Verrohung der Sprache führt zur Verrohung der Sitten", betonte Kardinal Marx.

Jüdisches Leben als Seismograph der deutschen Gesellschaft

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz würdigte ausdrücklich das jüdische Leben als Seismograph der deutschen Gesellschaft: "Gottlob drohen heute keine staatlich organisierten Pogrome. Heute stehen Polizeiwagen vor Synagogen, jüdischen Gemeindezentren, Kindertagesstätten und Schulen. Das ist beruhigend, aber normal ist es nicht."

Eindringlich forderte Kardinal Marx dazu auf, aus den Ereignissen von vor 80 Jahren zu lernen: "Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Juden in welcher Form auch immer angegriffen werden. Wir sind verpflichtet, antijüdischen Vorurteilen zu widersprechen und antijüdischen Angriffen zu widerstehen. Das ist nicht nur eine Bürgerpflicht, es ist auch eine Christenpflicht." Wenn Papst Franziskus sage, dass ein Christ nicht Antisemit sein könne, füge er, Kardinal Marx, hinzu: "Ein Christ ist verpflichtet, solidarisch mit Juden zu sein."

Bischof Fürst warnt vor Ausgrenzung

Auch weitere Vertreter aus Kirche und Politik erinnerten an diesem Donnerstag an die Novemberpogrome der Nationalsozialisten vor 80 Jahren. Der katholische Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst verwies auf aktuelle Ausgrenzung und Antisemitismus. Ausländerfeindliche Parolen, Vorurteile und Intoleranz seien wieder auf dem Vormarsch. "Dagegen müssen wir mit aller Kraft ankämpfen und dürfen nicht wegschauen." Schwache müssten geschützt und für die Demokratie eingetreten werden.

Bereits am Donnerstag begingen die beiden großen Kirchen in Berlin anlässlich des Jahrestags der Novemberpogrome einen "Gedenkweg". Der katholische Berliner Erzbischof Heiner Koch sagte, so etwas dürfe "nicht wieder passieren". Wert und Würde eines jeden Menschen müssten "klar verteidigt" werden. Der evangelische Bischof Markus Dröge kritisierte, Rechtspopulisten und Rechtsextremisten testeten mit immer neuen Provokationen, "wie weit sie heute gehen können".

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gab mit Blick auf den Anschlag im US-amerikanischen Pittsburgh und Übergriffe auf Juden in Deutschland zu bedenken: "Antisemitismus ist kein Phänomen von gestern." Die Bilder von zerstörten Synagogen und verwüsteten jüdischen Geschäften aus dem November 1938 seien Teil der deutschen Erinnerungskultur. Auch heute müsse allen Formen von Judenfeindschaft und Antisemitismus entschieden entgegen getreten werden.

Mahnungen aus der Politik

Außenminister Heiko Maas (SPD) betonte am Donnerstagabend in Berlin, es sei ein "kostbares Geschenk", dass Deutschland heute wieder eine Heimat für Juden sei. Antisemitischen und rassistischen Ressentiments dürfe kein Platz geboten werden. "Denn erst sind es Worte, dann folgen die Taten", warnte Maas. Populisten und Nationalisten wollten spalten, indem sie Vorurteile schürten, sagte der Außenminister. Hass spalte, hetzte auf und töte.

Er forderte dazu auf, klar "auf der anderen Seite" zu stehen und für Toleranz, Respekt und Mitgefühl einzutreten. "Als im November 1938 die Synagogen brannten, war es bereits zu spät. Der Weg zur systematischen Vernichtung der Juden Europas war eingeschlagen."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) erklärte: "Alle in Deutschland lebenden Menschen müssen wissen: Rechtsextremistische und antisemitische Parolen werden nicht geduldet und konsequent bekämpft." In der Gesellschaft müsse ein Klima der Toleranz und des Respekts herrschen. Nur dann könnten Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen in Frieden miteinander leben.

Die Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Beate Rudolf, bezeichnete die Novemberpogrome als "fundamentales Ereignis in der deutschen Geschichte". Sie mahnte dazu, die Würde und die Rechte jedes einzelnen Menschen zu verteidigen. Wer andere ausgrenze, spalte die Gesellschaft und untergrabe die Grundlagen der freien und friedlichen Gesellschaft. (KNA)

(DBK, KNA)

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