Die Woche der Brüderlichkeit beginnt
Nach Kippa-Attacke: Mutmaßlicher Täter vor Gericht

19.06.2018

Prozessbeginn nach Kippa-Attacke Angeklagter will kein Judenhasser sein

Das Tatvideo löste Empörung aus: Nach einem mutmaßlich antisemitischen Angriff muss sich jetzt ein 19-Jähriger vor Gericht verantworten. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung erhofft sich eine Signalwirkung.

Im Prozess um eine mutmaßlich antisemitische Attacke auf zwei junge Männer im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg hat der Angeklagte die Tat eingeräumt. Zugleich wies der 19-jährige Syrer vor dem Amtsgericht Tiergarten am Dienstag aber den Vorwurf zurück, dass diese einen antisemitischen Hintergrund gehabt habe. Er sei zuvor von einem der Männer auf Arabisch beschimpft und provoziert worden, sagte Knaan Al S. vor dem Jugendschöffengericht.

Kein Judenhasser?

Unter anderem habe das spätere Opfer seine Mutter beleidigt. Deshalb habe er ihn mit dem Gürtel geschlagen. Gegen Juden habe er nichts, auch sei er unpolitisch und kein strenger Muslim, sagte Knaan Al S. Die Tat tue ihm leid. Jedoch habe er sich durch die Provokationen der Gegenseite bei seinem Handeln im Recht gefühlt.

Der Angriff von Mitte April hatte bundesweit für Empörung gesorgt und eine Debatte über muslimischen Antisemitismus ausgelöst. Dem 19-jährigen Angeklagten werden gefährliche Körperverletzung und Beleidigung vorgeworfen. Das Amtsgericht Tiergarten hatte zunächst einen Verhandlungstag angesetzt.

Ein Video des Angriffs war in den sozialen Netzwerken verbreitet worden. Bei den Angegriffenen handelte es sich um einen in Deutschland lebenden arabischen Israeli und einen Deutsch-Marokkaner. Der Angeklagte soll den Israeli mindestens zehn Mal mit einem Gürtel geschlagen und dabei mehrmals auf Arabisch "Jude" geschrien haben.

"Signal für das Umfeld"

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung erwartet beim Prozess "große öffentliche Aufmerksamkeit". Das Verfahren müsse "auch ein Signal für das Umfeld des mutmaßlichen Täters sein", sagte Felix Klein der in Oldenburg erscheinenden Nordwest-Zeitung (Dienstag). "Wer sich antisemitisch äußert oder betätigt, steht außerhalb unserer Gesellschaft", so der Beauftragte.

Klein sagte weiter, es müsse uns "absolut alarmieren, wenn sich Juden nicht mehr an jedem Ort sicher fühlen können". Im Fall eines jüdischen Schülers in Berlin-Friedenau sprach er von "einem kollektiven Versagen der Schule, da am Ende das Opfer wegen mangelnder Unterstützung durch die Schulleitung die Einrichtung verlassen hat". Der damals 14-jährige Junge hatte 2017 die Schule gewechselt, nachdem er wiederholt bedroht und rassistisch beschimpft worden war.

Aufruf zur Zivilcourage

Klein rief die Bürger zur Zivilcourage gegen Judenfeindlichkeit auf. Im Gegensatz zu heute sei "Jude" früher kein Schimpfwort auf dem Schulhof gewesen, das müsse die Gesellschaft alarmieren, sagte Klein am Dienstag im SWR-"Tagesgespräch". Die Menschen sollten bei anti-jüdischen Vorfällen aufstehen, dagegenhalten und sie nicht einfach hinnehmen.

Antisemitismus ist nach den Worten Kleins sichtbarer geworden. Dies habe auch mit den sozialen Medien zu tun. Entsprechende Inhalte fänden dort inzwischen viel mehr Verbreitung, beklagte der Bundesbeauftragte. Dagegen helfe eine "Kultur des Hinschauens und des beherzten Eingreifens". Vorbildlich sei das mutige Eingreifen einer Frau gewesen, die beim antisemitischen Angriff auf Kippaträger in Berlin-Prenzlauer Berg dafür gesorgt habe, dass die Situation nicht eskaliere. "Solche Beispiele brauchen wir mehr", so Klein.

(KNA, epd)

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