Flugakrobaten am 70. Unabhängigkeitstag
Flugakrobaten am 70. Unabhängigkeitstag
Propst Wolfgang Schmidt
Propst Wolfgang Schmidt

14.05.2018

Israel seit 70 Jahren unabhängig "Gefühl von Bedrohung ist noch da"

Auch 70 Jahre nach Gründung ist Israel noch nicht überall als eigener Staat anerkannt. Das macht sich im Alltag bemerkbar, findet der evangelische Propst Wolfgang Schmidt in Jerusalem.

DOMRADIO.DE: Unterscheidet sich der heutige 70. Jahrestag der Staatsgründung von anderen Tagen in Israel?

Propst Wolfgang Schmidt (evangelischer Propst von Jerusalem und Repräsentant der EKD im Heiligen Land):  Es ist ein Tag, der natürlich mit vielen Veranstaltungen begangen wird, an dem man überall im Land Fahnen sieht, mehr als sonst noch. Natürlich unterscheidet sich dieser Tag ganz besonders, weil eben unmittelbar die Eröffnung der US-Botschaft in West-Jerusalem ansteht. Das ist natürlich etwas, das diesem Tag ein besonderes Gewicht gibt und ihn auch durchaus bei manchen umstritten macht.

DOMRADIO.DE: Jubeln werden vermutlich nicht alle. Wie begehen die Palästinenser den 14. Mai?

Schmidt: Für die Palästinenser ist dieser Tag, der für Israel ja der Unabhängigkeitstag ist, der Nakbatag – Nakba heißt  "Katastrophe". Während also die einen ihre Unabhängigkeit feiern, beklagen die anderen, dass sie ihr Land verlassen mussten, bzw. heute auch noch unter den Folgen der Staatsgründung leiden. Im Grunde ist es eine große Tragik, dass die Gründung des Staates Israel so auch noch eine dunkle Kehrseite hat; eben die Situation der Palästinenser, die bis zum heutigen Tag, 50 Jahre unter Besatzung leben und mit dem Siedlungsbau konfrontiert sind.

DOMRADIO.DE: Deutschland hat ja aufgrund seiner Geschichte einen ganz besonderen Bezug zu Israel. Ist das für Sie als deutscher Staatsbürger zu spüren?

Schmidt: In Israel erlebe ich eine große Wertschätzung gegenüber Deutschen. Das überrascht mich immer wieder, beschämt mich manchmal aber auch aufgrund der Vergangenheit, die wir mit Juden haben. Es gibt hier ein Interesse an deutscher Kultur, auch mit Blick auf die Vergangenheit, die zurückreicht vor die Schoah. Man spürt diesen unmittelbaren Bezug zu Deutschland stark. Ich kann sagen, dass ich in diesen sechs Jahren keineswegs in einer negativen Weise auf diese doch belastete Beziehung der Vergangenheit hier angesprochen wurde.

DOMRADIO.DE: Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn schrieb in den neunziger Jahren mal einen provokanten Text mit der Frage "Ohne Hitler kein Israel?". Wie existenziell ist diese Erfahrung für das Selbstverständnis des Staates?

Schmidt: Natürlich ist der Holocaust ein zentraler Bezugspunkt hier. Das erleben Sie bei jeder Delegation und jeder Gruppe, die kommt. Ich glaube, dass im tiefsten Inneren doch auch noch ein Gefühl von Bedrohung präsent ist, das sich so über die Generationen hin vererbt hat.

DOMRADIO.DE: Israel lebt praktisch immer unter Bedrohung durch seine Nachbarn. Wie gehen die Einwohner in ihrem Alltag damit um?

Schmidt: Es ist eine gewisse Gewöhnung da. Man vertraut schon auf das Sicherheitssystem. Im Norden werden die Bunker geöffnet, weil man zum Unabhängigkeitstag möglicherweise Angriffe auf den Golanhöhen oder im Norden Israels erwartet. Sicherheit ist hier ein ganz großes Thema. Für einen wie mich, der von außen kommt, erscheint das manchmal übertrieben und übersteigert.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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