Eine Israelin schwenkt die Flagge ihres Landes
Eine Israelin schwenkt die Flagge ihres Landes
Avraham "Avi" Primor, ehemaliger Botschafter Israels
Avraham "Avi" Primor, ehemaliger Botschafter Israels

14.05.2018

Ehemaliger Botschafter Primor zum Staatsjubiläum Israels "Wir finden keinen Frieden"

Ein doppelter Feiertag für Israel und ein Tag mit vielen Todesopfern an der Gaza-Grenze. Israel feiert 70 Jahre Unabhängigkeit und die Eröffnung der neuen US-Botschaft. Der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor mit einer Einschätzung.

DOMRADIO.DE: Bei der Staatsgründung 1948 waren Sie 13 Jahre alt und haben das Schicksal Ihres Staates aktiv miterlebt. Was hat sich seitdem verändert?

Avi Primor (ehemaliger israelischer Botschafter in Deutschland, Vorsitzender der Israelischen Gesellschaft für Auswärtige Politik): Damals haben wir alles anders gesehen. Damals haben wir nur an unsere Unabhängigkeit gedacht. Der Staat hat seine Unabhängigkeit 1948 ausgerufen. Aber er wurde schrittweise schon vorher gegründet – schon ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. 1948 hatten wir schon eine echte Autonomie, mit unseren eigenen Behörden, mit Streitkräften und allem – obwohl wir eine britische Kolonie waren. Dann kam eben das Ende der britischen Kolonie und unsere Unabhängigkeit. Wir haben gejubelt, gejubelt, gejubelt ohne Ende – allerdings nicht 1948 sondern schon 1947, als die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Teilung Palästinas ausgerufen hat und die Gründung von zwei Staaten: einem Palästinenserstaat und einem jüdischen Staat. Für uns war das schon die Unabhängigkeit. Damals haben wir gejubelt. Danach begann sofort der Krieg, weil die arabischen Staaten und vor allem die Palästinenser diesen Beschluss der Vereinten Nationen nicht akzeptieren wollten. 

DOMRADIO.DE: Seitdem ist viel passiert. Hätten Sie erwartet, dass der israelische Staat heute, 70 Jahre später, da ist, wo er ist?

Primor: Da gibt es verschiedene Punkte: Die Zukunft ist nie so wie sie vorher aussieht. Aber: Eines hätte ich mir nicht vorstellen können. Wir waren 1948 lediglich 600.000 Juden in diesem Lande. Das war unser Staat, das war unsere Nation. Wir sind heute 8,5 Millionen Israelis in Israel, darunter über eine Million Araber, die israelische Bürger sind. Das hätten wir uns damals nicht vorstellen können.

DOMRADIO: Wenn wir uns aber die Konflikte und die Gewalt ansehen – im Land und auch außerhalb; damit kann man nicht wirklich zufrieden sein in der aktuellen Lage, oder?

Primor: Ich bin überhaupt nicht zufrieden. Ich weiß, dass wir heute einen soliden Staat haben – was nicht immer normal und selbstverständlich war. Ben Gurion, der echte Gründer und der erste Ministerpräsident Israels, sagte immer: "Wer an Wunder nicht glaubt, ist kein Realist." Also, wenn ich mir die Geschichte des Staates Israel anschaue, mit all dem, was passiert ist, sage ich: "Es gab viele Wunder, viele Dinge, die man nicht erwarten konnte und Dinge, die auch nicht logisch waren, aber irgendwie doch durchgesetzt wurden." Dennoch haben wir Probleme. Ich hätte damals nicht glauben können, dass wir zum 70. Geburtstag der Unabhängigkeit Israels immer noch im Kriegszustand leben, dass wir immer noch in Gefahr leben, dass wir mit unseren Nachbarn nicht zum Frieden finden und vor allem, dass wir jetzt schon 50 Jahre lang Besatzer sind – Besatzer der palästinensischen Gebiete und einer palästinensischen Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: Die Lage ist ja gerade in den letzten Wochen angespannt, unter anderem dadurch, dass der Atompakt mit dem Iran von den USA aufgekündigt wurde. Israel sieht das positiv. Die Politik in Europa sagt: Der Pakt hat den Frieden im Nahen Osten gesichert. Was verstehen wir als Europäer nicht, das Israel versteht?

Primor: Ich glaube, dass die Europäer es schon ganz richtig verstehen. US-Präsident Donald Trump hat eine Wut gegen den Iran und gegen das Atomabkommen, weil das sein Vorgänger ausgehandelt hat. Ich glaube, das ist seine Hauptmotivation, und deshalb reagiert er, wie er reagiert. Israel hat drei Gründe, sich so zu verhalten, wie es das gerade tut. Zum einen hat sich Netanjahu als Ziel gesetzt, die Atomentwicklung des Iran zu verhindern, was für mich nie realistisch war. Zweitens ist Netanjahu gerade innenpolitisch in großen Schwierigkeiten und will die Bevölkerung von diesen Problemen ablenken. Das tut er auch sehr gut und wirksam. Der dritte Grund ist, dass er mit den Amerikanern sein will. Aber ich sehe das nicht als sehr wünschenswert an. Ich glaube, dass die Iraner so oder so Atomwaffen haben werden, wenn sie es wollen. Momentan wollen sie es nicht. Es ist ja auch eine große wirtschaftliche Herausforderung. Dazu sind sie heute nicht bereit und brauchen es auch nicht. Wir haben mit den Iranern andere Probleme. Die iranischen Truppen an unserer Grenze in Syrien, das ist ein Problem. Aber ich sehe vieles anders als mein Ministerpräsident.

DOMRADIO.DE: Denken Sie, es gibt eine Möglichkeit, den Konflikt in absehbarer Zeit zu lösen?

Primor: Das große Problem mit dem Iran ist, dass wir nicht mit Vernunft handeln. Ich halte, wie gesagt, die Politik meines Ministerpräsidenten nicht für vernünftig. Aber die Iraner sind noch viel weniger vernünftig. Wir hatten mit dem Iran in Zeiten des Schahs die allerbesten Beziehungen. Damals hatten wir eine Zusammenarbeit in jedem Bereich und waren so weit wie nur selten in unseren internationalen Beziehungen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Und warum wollten das der Schah und seine Regierung? Weil es dem Interesse des Irans entsprach. Nur: Heute herrschen im Iran nicht die vernünftigen Leute, sondern die Fanatiker, die nicht an das Interesse des Landes denken. Deshalb geht es hier nicht um Logik oder Vernunft. Ich glaube, wir werden mit dem Iran bestimmt wieder die besten Beziehungen haben, sobald sich dort das Regime ändert. Und das muss kommen, weil die Mehrheit der iranischen Bevölkerung sich das wünscht. 

DOMRADIO.DE: Jetzt sprechen wir heute an einem Stichtag, der nicht nur an die Staatsgründung erinnert. Am heutigen Tag verlegen die USA ihre Botschaft nach Jerusalem, und erkennen damit die geteilte Stadt, die 1967 völkerrechtswidrig annektiert wurde, als Hauptstadt an. Wie stehen sie zu diesem Schritt? Ist Jerusalem Ihre Hauptstadt?

Primor: Die Frage ist, ob das nützlich ist. Wir haben das gar nicht angestrebt. Natürlich ist das unsere offizielle Politik. Wir wollen Jerusalem als Hauptstadt anerkannt wissen, und das ist sie nicht. Die Botschaften sind alle in Tel Aviv. Aber es wird in Jerusalem gearbeitet. Die Regierung sitzt dort, das Parlament sitzt dort. Alles ist in Jerusalem und die Botschafter fahren fast täglich dorthin – es ist ja nur 60 Kilometer von Tel Aviv entfernt. Also, wozu brauchen wir diese Zeremonie heute, wo das nur den Friedensprozess behindert? Die Amerikaner haben das nicht getan, um Israel einen Gefallen zu tun. US-Präsident Trump hat das für die Fundamentalisten in Amerika getan, die es verlangen. Das war ein Versprechen in seinem Wahlkampf. Er hat sich mit uns gar nicht beraten und hat uns gar nicht gefragt. Aber natürlich müssen wir jubeln, weil wir ja offiziell wollen, dass alle Staaten Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkennen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie streben auch nicht unbedingt an, dass andere Staaten diesem Schritt folgen?

Primor: Schon, das müssen wir machen, weil das auch unsere offizielle Politik ist und letzten Endes wollen wir das auch. Nur, wir glauben, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war und dass wir andere Prioritäten haben sollten. Aber natürlich, wenn jemand Jerusalem als Hauptstadt anerkennen will, müssen wir jubeln.

DOMRADIO.DE: Wenn wir auf Deutschland blicken, ist das Thema Antisemitismus eines, was wir in den letzten Wochen wieder intensiv diskutieren – nach antisemitischen Zwischenfällen in Berlin. Inwiefern beunruhigt Sie diese Entwicklung? 

Primor: Es ist eine beunruhigende Entwicklung, aber das hat nichts mit den Deutschen zu tun. Nur die wenigsten Deutschen sind heute Antisemiten. Es gibt in Deutschland nicht mehr Antisemiten als anderswo. Das Problem sind die radikalen Muslime, die in Deutschland leben – die ihren Hass gegen Israel zum Ausdruck bringen, dadurch, dass sie Juden angreifen. Das ist allerdings nicht nur ein Problem in Deutschland. Das sehen wir in Frankreich, in England, in Belgien. Das ist natürlich ein Sicherheitsproblem für die Bundesregierung, aber ich glaube nicht, dass das ein Problem des Antisemitismus der Deutschen ist.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.    

(DR)

Mit Willibert in die Heilige Stadt

Im November 2019 ist es soweit: Erkunden Sie das ehrwürdige Rom auf dieser Pilgereise mit dem Rom-Kenner Willibert Pauels, Karnevalsfreunden und DOMRADIO.DE Besuchern auch bekannt als "ne Bergische Jung"!

Der gute Draht nach oben!

Tageskalender

Radioprogramm

  • Tageskalender
  • 15.08.
06:00 - 06:30 Uhr

DOMRADIO Morgenimpuls

06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO Der Morgen

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Programmtipps

  • Lukasevangelium
    15.08.2018 07:50
    Evangelium

    Lk 1,39–56

  • Eröffnungsgottesdienst der 36. Generalversammlung der Jesuiten
    15.08.2018 09:10
    Anno Domini

    Wie Ignatius von Loyola die Wi...

  • Touristen besuchen den Kölner Dom
    15.08.2018 09:20
    Anno Domini

    Grundsteinlegung des Kölner Do...

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Empfangsanleitung zum Ausdrucken

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag ab 8 Uhr!

Gemeinsam für das Mehr im Menschen

Berufungspastoral im Erzbistum Köln: Dein Platz in Kirche und Welt.

Das ganze Leben

Hilfsangebote der Kirche im Erzbistum Köln.

Der tägliche Impuls von Weihbischof Puff

Weihbischof Schwaderlapp beantwortet Glaubensfragen