Israel 70 Jahre nach seiner Gründung

Vom Schmelztiegel zur gespaltenen Gesellschaft

Sieben Jahrzehnte nach der Staatsgründung ist Israel von Einigkeit weit entfernt. Die israelische Gesellschaft droht in immer kleinere ethnisch-religiöse Gruppen zu zerfallen. Und feiert dennoch seinen Unabhängigkeitstag.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Altstadt von Jerusalem mit Tempelberg (KNA)
Altstadt von Jerusalem mit Tempelberg / ( KNA )

Mehrere Religionen, verschiedene Völker und Einwanderer von allen Kontinenten machen den einzigartigen ethnisch-religiös-kulturellen Mix des jungen Staates Israel aus. Statt jedoch einen Schmelztiegel der Kulturen herauszubilden, zerfällt die Gesellschaft 70 Jahre nach der Staatsgründung in immer kleinere Gruppen.

Europäisch gegen orientalisch, religiös gegen säkular, links gegen rechts: Dem Traum Theodor Herzls und der zionistischen Bewegung vom "neuen Hebräer" und einer einheitlichen jüdischen Nation steht heute ein extrem heterogenes Israel gegenüber. Die Christen etwa genießen demokratischen Schutz, ihre Minderheitenrolle bedeutet zugleich eine Herausforderungen.

Heimstätte für Juden aus aller Welt

Sowohl Integration als auch Abgrenzung sind in gewisser Weise bereits in der Entstehung des Staates angelegt: Explizit definiert die Unabhängigkeitserklärung von 1948 Israel als jüdischen Staat. Vor der Staatsgründung auf dem Gebiet lebende Muslime, Christen, Drusen und Bahai wurden eingegliedert.

Als Staatsbürger mit gleichen Rechten gehören sie einerseits dazu. Andererseits bleiben sie als nichtjüdische Minderheiten im jüdisch geprägten Establishment außen vor, das zunehmend religiös-nationale Züge trägt. Von seiner ersten Minute an hatte der neue Staat den Anspruch, Heimstätte für Juden aus aller Welt zu sein.

Mehrere Einwanderungswellen

Lebten bei Staatsgründung 650.000 Juden im Land, verdoppelte sich ihre Zahl durch Einwanderung bereits in den ersten drei Jahren. Inzwischen ist sie auf 6,5 Millionen gestiegen - rund dreiviertel der Staatsbürger. Von diesen wiederum sind die meisten im Land geborene Israelis.

Die heutige Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung Israels ist das Ergebnis mehrerer Einwanderungswellen, die mit der wechselhaften weltpolitischen Entwicklung zusammenhingen. Die ersten Immigranten, die nach Staatsgründung ins Land kamen, waren europäische Juden, Überlebende der Schoah. Es folgten Juden aus Asien und Afrika, darunter ganze Gemeinden wie etwa aus dem Jemen oder dem Libanon. Die bisher letzten größeren Gruppen stammen aus Äthiopien und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Land ohne Verfassung

Die Idee Israels als jüdischer Staat spricht noch immer die allermeisten jüdischen Israelis an, doch damit endet heute vielfach die politische Einigkeit. Was genau bedeutet "jüdisch"? Schon an dieser Frage scheiden sich die Geister. Eine kodifizierte Verfassung hat das Land bis heute nicht - unter anderem, um eine solch heikle Definition zu umgehen.

Von einer Gesellschaft mit einer klaren Mehrheit habe sich Israel in eine Gesellschaft verwandelt, in der es weder klare Mehrheiten noch Minderheiten gebe, lautet einer der regelmäßigen Sätze von Präsident Reuven Rivlin. Damit beklagt er einen Zerfall der Gesellschaft in Parallelwelten: Jede Gruppe fühle sich gleichermaßen diskriminiert und in ihrer Identität durch die anderen Gruppen gefährdet.

Gemeinschaften bleiben am liebsten unter sich

Der Gräben verlaufen dabei nicht nur zwischen Juden, Muslimen und Christen. Allein die jüdische Community zerfällt in strengreligiöse, moderne, traditionelle und säkulare Gruppen. Austausch und Interaktion zwischen ihnen gibt es kaum. Ähnliches gilt für die anderen religiösen Gemeinschaften: Christen, Drusen und Muslime bleiben jeweils am liebsten unter sich.

Die Christen sind eine der kleinsten israelischen Minderheiten. Seit es das Christentum gibt, gehören sie zum gesellschaftlich-religiösen Flickenteppich der Region - und stehen doch zwischen allen Stühlen. Obwohl sie mehrheitlich Araber mit israelischem Pass sind, fühlen sie sich kulturell eher als Palästinenser, was sie im israelisch-palästinensischen Konflikt zu Gegnern der Mehrheit ihrer Mitbürger macht.

Dennoch gehört das Christentum zusammen mit dem Islam, dem drusischen Glauben und dem Glauben der Bahai zu den anerkannten Religionen. Und der Staat garantiert seinen Bürgern Religionsfreiheit. Christenverfolgung wie in manchen arabischen Staaten der Region gibt es in Israel nicht.


Israels Staatspräsident Reuven Rivlin / © Andrea Krogmann (KNA)
Israels Staatspräsident Reuven Rivlin / © Andrea Krogmann ( KNA )

Israelische Polizisten am Rande des Freitagsgebets / © Louise Wateridge (dpa)
Israelische Polizisten am Rande des Freitagsgebets / © Louise Wateridge ( dpa )

Tiefreligiöse Juden in Israel / © Oliver Weiken (dpa)
Tiefreligiöse Juden in Israel / © Oliver Weiken ( dpa )
Quelle:
KNA