Antisemitismus: Juden in Deutschland sehen wachsende Bedrohung
Antisemitismus: Juden in Deutschland sehen wachsende Bedrohung
Professor Andreas Nachama
Professor Andreas Nachama
Rabbiner Andreas Nachama (r) neben Peter Maffay und Friedhelm Pieper (l)
Rabbiner Andreas Nachama (r) neben Peter Maffay und Friedhelm Pieper (l)

07.04.2018

Rabbiner setzt auf Geschichtsbewusstsein und Dialog "Gegen Antisemitismus hilft nur Aufklärung"

Professor Nachama engagiert sich seit vielen Jahren dafür, dass der Holocaust nicht vergessen wird und sich Christen, Juden und Muslime auf Gemeinsames besinnen. Was bleibt noch zu tun?

DOMRADIO.DE:  Eigentlich unfassbar - dass es im Land der Täter überhaupt wieder Antisemitismus gibt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von judenfeindlichen Übergriffen zum Beispiel an Schulen hören?

Professor Andreas Nachama (Direktor der Stiftung Topographie des Terrors und Rabbiner in Berliner): Für die Betroffenen ist das furchtbar. Selbst wenn man das nur in der Zeitung liest ist das tatsächlich etwas, womit man sich nicht abfinden kann. Antisemitismus - egal, wo er auftritt - ist eine Krankheit, die bekämpft werden muss!

DOMRADIO.DE: Bei diesen jüngsten Übergriffen handelte es sich um den Antisemitismus muslimischer Mitbürger. Für wie gefährlich halten Sie den aktuellen muslimischen Antisemitismus in Deutschland?

Nachama: Er steht in den Schlagzeilen und es gibt Fälle wie die, die jetzt öffentlich geworden sind. Andererseits schlagen diese sich in den Statistiken kaum nieder. Ich würde also anmahnen, niemanden unter Generalverdacht zu stellen, sondern die einzelnen Fälle zu betrachten und zu schauen, wie wir zusammenarbeiten können mit islamischen Verbänden, mit Lehrern, mit anderen, die im Umfeld dieser Menschen leben und wirken.

Wir sollten auch im Umgang mit ihnen etwas hinbekommen, was wir schon die letzten 70 Jahre gemacht haben: Auf Aufklärung setzen! Wir sollten also darauf setzen, dass sich etwas verändert, wenn wir mit den Leuten ins Gespräch kommen und ihnen die historischen Fakten zeigen.  

DOMRADIO.DE: Unionsfraktionschef Kauder, weitere Bundespolitiker und auch der Zentralrat der Juden in Deutschland haben gerade eine Meldepflicht für antisemitische Vorfälle an deutschen Schulen gefordert. Ein sinnvoller Vorschlag?

Nachama: Wenn er dazu führt, dass wir damit sehr gezielt Abwehrmaßnahmen einleiten können, ist er sinnvoll. Wenn wir am Ende nur eine Statistik mehr haben, würde ich sagen: "Tja, dann wissen wir das jetzt auch." Es geht tatsächlich darum, an diejenigen heranzukommen, die solche antisemitischen Vorurteile in die Welt setzen. Da kann nur Aufklärung helfen.

DOMRADIO.DE: Sie haben der Bundesregierung schon vor einiger Zeit geraten, einen Antisemitismus-Beauftragten zu ernennen. Was erhoffen Sie sich davon?

Nachama: Die Expertenkommission gegen Antisemitismus, der ich angehört habe, hat das vorgeschlagen. Wir erhoffen uns erstens davon, dass es mit einem solchen Beauftragten einen Ombudsmann gibt, der für Betroffene als Ansprechpartner dienen kann.

Zweitens sollte ein solcher Beauftragter jemand sein, der zwischen Bund, Ländern und Gemeinden die verschiedenen Programme, die es ja schon gibt, entweder optimiert, abstimmt oder sie überhaupt zum Laufen bringt. Das ist in meinen Augen etwas, was wir schon vom Staat erwarten können: Dass die Gelder, die das Parlament für solche Arbeit bewilligt hat, tatsächlich sinnvoll ausgeben werden. Dass sie nicht im nächsten Jahr zurückgegeben werden, weil wir es nicht geschafft haben, sie sinnvoll einzusetzen.  

DOMRADIO.DE: In Berlin entsteht ja gerade das "House of One" - ein Haus, in dem Judentum, Christentum und Islam unter einem Dach zusammenleben und zusammenbeten. Sie sitzen dort im Präsidium. Sehen Sie diese interreligiöse Zusammenarbeite auch als Prävention gegen Antisemitismus?

Nachama: Auf alle Fälle ist das ein Weg, den wir auch gehen sollen. Wir werden auf der einen Seite politisch-historische Bildung machen müssen. Auf der anderen müssen wir auch die Religionen zusammenbringen, damit sie Gemeinsames entdecken, damit sie über Trennendes in vernünftiger Art und Weise sprechen und darüber diskutieren.

Überhaupt müssen wir deutlich machen, dass Judentum, Christentum und Islam drei monotheistische Religionen sind, die in bestimmten historischen Perioden auch schon sehr produktiv und friedvoll miteinander gewirkt haben. Im 21. Jahrhundert sollten wir nicht nur Bewusstsein dafür schaffen, sondern das Produktive und Friedvolle wiederholen.   

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

(DR)

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