Familie beim Spaziergang
Vertritt "Placuit Deo" ein Menschenbild, das dem Judentum widerspricht?

12.03.2018 - 00:00

Rabbiner Homolka über den Vatikan-Brief "Placuit Deo" "Menschenbild entspricht nicht dem Judentum"

Bei der "Woche der Brüderlichkeit" könnte es stirnrunzelnde Blicke gen Rom geben. Ursache ist das Schreiben "Placuit Deo". Rabbiner Walter Homolka erklärt im Interview, warum es Sprengstoff enthält.

KNA: Herr Rabbiner, manche Kommentatoren vertreten die Ansicht, das Vatikan-Dokument "Placuit Deo" (Es hat Gott gefallen) richte den Fokus auf innerkirchliche Abweichler. Wie sehen Sie das?

Rabbiner Walter Homolka (Rektor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs und Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland): Ich kann mich als Außenstehender nur zur Wirkung dieses Schreibens auf das interreligiöse Gespräch äußern. Da es sich um eine allgemeine Verlautbarung handelt, ist der Anspruch der Aussagen ja auch nach außen gerichtet und dient nicht nur der innerkirchlichen Auseinandersetzung.

"Placuit Deo" vertritt ein Menschenbild, das nicht dem Judentum entspricht. Das Judentum lehrt auf Grundlage der hebräischen Bibel: Der Mensch kann in seinem Leben frei zwischen Gut und Böse entscheiden. Irrt er, so kann er umkehren. Und weil er es kann, daher soll er es. Dieser Anschauung steht die Gnadenlehre des Christentums mit dem Postulat der Erbsünde und der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen klar entgegen. "Placuit Deo" arbeitet diesen klassischen Gegensatz heraus.

KNA: Was bedeutet das aus Ihrer Perspektive?

Homolka: "Placuit Deo" macht zwei grundlegende Aussagen: Es gibt kein Heil ohne Jesus, und nur in der (katholischen) Kirche werden die Menschen selig. Würde man diesen Text zur Grundlage des Gesprächs mit den anderen Religionen machen, würfe uns das nach meinem Ermessen um Lichtjahre zurück.

KNA: Wie ist Ihre Lesart?

Homolka: Mit "Placuit Deo" entfernt sich die katholische Kirche vom Glauben des Juden Jesus, den sie als ihren Religionsgründer betrachtet. Jesus selbst hat sicher daran geglaubt, dass der Mensch im Gleichnis Gottes geschaffen ist und ihm damit eine schöpferische Kraft innewohnt, eine Fähigkeit zu freier Entscheidung für ethisches Handeln, zu dem Gott uns alle berufen hat.

Jahrzehnte des jüdisch-christlichen Gesprächs hatten scheinbar gesichert, dass Gottes Bund mit dem Judentum ungebrochen und gültig ist. Wenn Jesus aber der einzige Retter für alle Menschen sein soll, wird die besondere Rolle Israels als der "ersten Liebe Gottes" links liegen gelassen.

KNA: Das Vatikan-Schreiben wendet sich gegen einen sogenannten Neu-Pelagianismus. Viele Menschen meinten, ihre Verwirklichung hänge allein von den eigenen Kräften ab, heißt es in dem Brief.

Homolka: Pelagius (350-420) war ein britischer Mönch, der den freien Willen des Menschen lehrte, vor den Gott das Gute und Böse gestellt habe. Der pelagianische Begriff der Gnade hat einen zutiefst ethischen Charakter. Außerdem war Pelagius der Auffassung, dass auch Nichtchristen das Gute tun könnten und es auch für Nichtgetaufte eine Erlösung geben könne.

In all dem hat Pelagius das jüdische Element im Christentum gut vertreten und verteidigt. Rabbiner Leo Baeck sah es als historische Leistung der Päpste, dass sie zwar Augustinus heilig sprachen, in der Praxis aber den Ideen des Pelagius Platz eingeräumt haben.

KNA: Wie verhält sich "Placuit Deo" denn zu den jüdischen Wurzeln der Kirche?

Homolka: Mit "Placuit Deo" wankt der Kompromiss zwischen Glauben und Werken, das befremdet das Judentum. In seinem Aufsatz "Judentum in der Kirche" von 1925 lobt Leo Baeck, wie die große katholische Lehre auf dem Fundament dieses geschichtlichen Kompromisses mit dem Judentum ruhe.

Deshalb sei der Brief des Jakobus in das Neue Testament aufgenommen und an die Spitze der katholischen Briefe gestellt worden. Im Jakobusbrief wird ausdrücklich erklärt, dass der Mensch gerechtfertigt wird aus den Werken und nicht aus dem Glauben allein. Sogar Paulus hat festgehalten, "er wird einem jeden vergelten nach seinen Werken".

KNA: Sind Juden also Pelagianer?

Homolka: Juden ist vor allen Dingen einmal Juden. Und wir glauben, dass auch Nicht-Juden erlöst werden können, wenn sie Gutes anstreben und den Willen Gottes auf Erden zur Wirkung bringen. Auf dieser entspannten Grundlage ruht unsere Position im christlich-jüdischen Gespräch.

KNA: Sehen Sie diesen Dialog durch "Placuit Deo" gefährdet?

Homolka: Dem Judentum ist vor allem wichtig, sich mit anderen Menschen auf dem Gebiet der Ethik zu treffen. Dass Juden, Protestanten und Katholiken sich in ihren religiösen Auffassungen unterscheiden, überrascht ja nicht. Treffen können wir uns im gemeinsamen Handeln zur Heilung der Welt. Deshalb bleibt die "Woche der Brüderlichkeit" wichtig.

Norbert Zonker und Karin Wollschläger

(KNA)

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