Restauratorenwerkstatt in Auschwitz
Restauratorenwerkstatt in Auschwitz
Vor 70 Jahren befreit: KZ Auschwitz
Eingang KZ Auschwitz-Birkenau

13.01.2018

Ein Besuch bei den Restauratoren des Museums Auschwitz-Birkenau Für die Nachwelt bewahren

73 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wird der Holocaust immer mehr zu einem Kapitel im Geschichtsbuch - weit weg und abstrakt. Dem wollen die Konservatoren im Museum des größten NS-Vernichtungslagers entgegenwirken.

In manchen Räumen stehen weiße Tische mit Mikroskopen, in anderen Messbecher und Flaschen mit Chemielösungen; in der Luft liegt ein strenger Chemikaliengeruch. Immer wieder laufen Menschen in weißen Kitteln und mit Gummihandschuhen über den Flur. Ein Krankenhaus ist der Arbeitsplatz aber nicht, auch wenn Margrit Bormann mit ihren kurzen Haaren und der rundlichen Brille wie eine freundliche Ärztin aussieht.

Konzentriert sitzt sie über einem Tisch und kratzt vorsichtig mit einem Skalpell an den Beschlägen eines alten Koffers. "Ich nehme die Korrosion herunter und muss aufpassen, nichts in das Metall zu schaben." Die Löcher und Quetschungen an dem Korpus des Koffers repariert sie nicht. Lediglich ein Schutzlack kommt über das Gepäckstück, ehe es noch fotografiert und danach zurück ins Magazin gebracht wird.

Authentizität des Ortes erhalten

Bormann ist Deutsche und eine von 15 Mitarbeitern der Konservatoren-Werkstatt im Museum Auschwitz-Birkenau. In den Magazinen des zum Unesco-Weltkulturerbe erklärten Vernichtungslagers der Nationalsozialisten in der südpolnischen Kleinstadt Oswiecim lagern grausige Relikte: Rund 110.000 Schuhe, fast 4.000 Koffer, über 300 Häftlingsanzüge, Regalmeter von Dokumenten und unzählige weitere Habseligkeiten wie Zahnbürsten oder Brillen von Holocaust-Opfern.

Hinzu kommen immobile Objekte wie die über 150 Gebäude auf dem Gelände - darunter die Lagerbaracken, Gaskammern und Krematorien oder kilometerlange Zäune. Möglichst alles soll konserviert und damit für die Nachwelt bewahrt bleiben, sagt Pawel Sawicki, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit im Museum. "Denn das Fundament für die Erinnerung ist der authentische Ort Auschwitz", gerade wenn die letzten Zeitzeugen sterben. "Also müssen wir die Authentizität des Ortes für die nächsten Generationen bewahren." Eine Ausnahme bilden die zwei Tonnen Menschenhaar. Als menschliche Überreste werden sie nicht konserviert.

Herausfordernde Aufgabe für die Restauratoren

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn 73 Jahre nach der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 durch die Truppen der Roten Armee sind viele Objekte in einem schlechten Zustand. Erschwerend hinzu komme auch die "mindere Qualität der Materialien" vieler Objekte, sagt Aleksandra Papis, 'die Leiterin der Konservatoren-Werkstatt. Andere Museen hätten in ihren Sammlungen Objekte von höchster Qualität, etwa von Königen und Herrschern. In den Auschwitz-Magazinen sei es gerade umgekehrt: "Papier wurde im Krieg wegen des Rohstoffmangels nur in schlechter Qualität produziert." Damit setze der Zerfall schneller ein.

Zudem seien viele Exponate stark abgenutzt. So etwa die Koffer, die nach Ankunft der Insassen durchsucht und dabei oft kaputt gemacht wurden. "Normalerweise würde man die Koffer wieder instandsetzen und wieder schön aussehen lassen", erklärt die Restauratorin. Aber hier wolle man zeigen, was mit ihnen gemacht wurde. "Dass sie oft zerstört wurden, macht die Geschichte der Koffer aus. Wir versuchen daher, nicht alle Spuren zu tilgen."

Distanz als Selbstschutz

Löcher, die aus der Zeit vor der Befreiung stammen, werden nicht geflickt, ebenso wenig werden Spuren von Blut oder Erde beseitigt. Bei solchen Verunreinigungen werde die in Köln ausgebildete Konservatorin schon nachdenklich. "Ich habe aber gelernt, gedanklich nicht zu tief in die Geschichte einzusteigen, weil es dann schwer wird mit dem Gegenstand", erzählt die 37-Jährige. Gerade ein Koffer sei so ein Objekt: "Der Mensch kauft ihn, benutzt ihn auf Reisen. Und wir wissen, sein letztes Ziel war Birkenau, denn der Eigentümer wurde hier ermordet."

Mehr als 1,1 Millionen Menschen wurden hier in Auschwitz und den Nebenlagern während der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht. Nicht alle Opfer sind namentlich bekannt. Daher gleicht es einer kleinen Sensation, wenn sich etwa in einem Schuh eine Nachricht findet und dieser einer konkreten Person zugeordnet werden kann, sagt Werkstattleiterin Papis. "Das kommt aber nicht so oft vor."

Mit Schuldgefühlen umgehen

Häufiger dagegen wird Margrit Bormann gebeten, deutschsprachige Dokumente oder Baupläne des Lagers zu übersetzen. Sie arbeitet seit sieben Jahren im Museum Auschwitz. Dabei wollte sie ursprünglich Kunstdenkmäler restaurieren. Als 16-Jährige sah sie im Fernsehen, wie die Fresken der Sixtinischen Kapelle erneuert werden, und wollte seitdem den Beruf ergreifen. "Mein Wunsch war es, den Dingen nah zu sein", sagt sie heute. Dieses Motiv ist ihr im Auschwitz-Museum nicht abhandengekommen. "Das wird mir manchmal zum Verhängnis - ich muss lernen, den nötigen Abstand zu halten", etwa bei einem Ausflug in die nahen Berge oder einem Feierabendbier mit Kollegen.

Fällt es ihr als Deutscher nicht schwer, täglich auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers zu arbeiten? Sie habe gelernt, mit dem Schuldgefühl umzugehen, sagt sie nach langem Nachdenken. Und sie sieht in ihrer Arbeit auch eine große Verantwortung. "Es hilft mir, dass ich als Restauratorin selbst mit meinen Händen dazu beitragen kann, dass dieser Ort und diese Geschichte nicht in Vergessenheit geraten."

Markus Nowak

(KNA)

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