Tiefreligiöse Juden in Israel
Tiefreligiöse Juden in Israel

01.09.2017

Immer wieder Streit um Arbeit am jüdischen Ruhetag "Sabbat-Krieg"

Am jüdischen Ruhetag Sabbat bleiben in Israel die meisten Geschäfte geschlossen. Der öffentliche Verkehr kommt praktisch zum Erliegen. Das ist ziemlich umstritten. Mitunter ist sogar von einem "Sabbat-Krieg" die Rede.

"Prinzessin Sabbat" - so nannte der Dichter Heinrich Heine den jüdischen Ruhetag in einer Ballade. Weniger poetisch ist jedoch der immer wieder ausbrechende Streit im modernen Israel um die Frage, ob Geschäfte auch am Samstag geöffnet sein dürfen.

Die Arbeitswoche beginnt in Israel regulär am Sonntag. Der Ruhetag Sabbat wird am Freitag mit Sonnenuntergang eingeläutet, er endet 25 Stunden später. Die meisten Geschäfte bleiben in der Zeit geschlossen, weil das jüdische Religionsgesetz am Sabbat jegliche Arbeit verbietet.

Keine öffentlichen Verkehrmittel im Einsatz

"Die Ladenschlussvorschriften werden in Israel weitgehend, aber nicht total umgesetzt", sagt der Wirtschaftsexperte Paul Rivlin von der Tel Aviver Universität. Dort in der israelischen Küstenmetropole zum Beispiel dürfen rund 160 Einkaufsläden am Sabbat geöffnet bleiben.

Der Unterschied etwa zu Deutschland sei, dass am deutschen Ruhetag, dem Sonntag, "die öffentlichen Verkehrsmittel im Einsatz sind - anders als in Israel".

Das Erliegen des öffentlichen Verkehrs am Sabbat sei ein "heiß umstrittenes Thema, weil es zu einer Diskriminierung jener führt, die sich kein Privatauto leisten können", sagt Rivlin. Israelis ohne Auto und Minderjährige aus dem Umland könnten am Wochenende kaum eigenständig etwas unternehmen. "Die Sabbat-Gesetze hindern säkulare Juden daran, den jüdischen Ruhetag so zu verbringen, wie sie es gerne möchten", schreibt auch ein Kommentator der Zeitung "Haaretz".

Die Bewegung "Freies Israel" setzt sich mit einer breiten Kampagne dafür ein, dass auch am Sabbat Busse fahren. "Mit dem Bus zur Oma am Wochenende - das Logischste auf der Welt", lautet einer der Slogans der Organisation.

Der 24-jährige Roy Schwarz-Tichon hat die Organisation Noa Tanua (In Anspielung auf das dem Astronomen Galileo Galilei zugeschriebene Zitat: Und sie bewegt sich doch!) gegründet. Sie hat mithilfe von Crowdfunding bisher fünf Buslinien eingerichtet, die am Sabbat fahren. Eine davon fährt etwa von der Wüstenstadt Beerscheva zum Mittelmeerstrand.

"Wenn mehr Menschen am Sabbat öffentliche Verkehrsmittel nutzen können, dann brauchen weniger Leute ein Auto, und es gibt weniger Staus und Umweltverschmutzung auch unter der Woche", sagt Schwarz-Tichon. Für Alleinerziehende sei eine Taxifahrt zum Strand am Sabbat etwa ein "unerschwinglicher Luxus".

Geschäfte öffnen?

Knapp acht von zehn jüdischen Israelis sind laut einer Befragung dafür, Tel Aviver Geschäfte auch am Sabbat öffnen zu lassen - das ergab eine Umfrage der israelischen Organisation Chiddusch zu Jahresbeginn. Nach einer Befragung des Pew-Instituts sehen knapp die Hälfte der jüdischen Israelis sich als nicht religiös (49 Prozent), 22 Prozent als religiös oder streng religiös und 29 Prozent als "traditionell".

Sobald es aber Versuche gibt, den Status quo beim Thema Sabbat zu ändern, führt dies zu starkem Druck der strengreligiösen jüdischen Parteien im Parlament auf die Regierung. Bauarbeiten am Bahnsystem am Sabbat lösten im vergangenen Jahr sogar eine Regierungskrise aus.

Die Koalitionsparteien Schas und Vereinigtes Tora-Judentum machen mit insgesamt 13 Abgeordneten nur etwas mehr als zehn Prozent im Parlament aus. Dennoch sind sie sehr einflussreich, unter anderem, weil sie bei Regierungsbildungen oft Zünglein an der Waage waren.

Alleinstellungsmerkmal

Druck gegen Arbeit am Sabbat kommt jedoch nicht nur von religiösen Israelis, sondern auch von Besitzern kleiner Läden, die sich von großen Ketten bedroht sehen. Kobi Bremer, der auf der Schenkin-Straße in Tel Aviv ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt, arbeitet von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Er ist nicht religiös, kann aber nur am Samstag Zeit mit seinen Töchtern verbringen. "Wir gehen meistens ans Meer", erzählt er der Zeitung "Jediot Achronot". Sein Vater gehört zu einer Gruppe von Ladenbesitzern, die sich vor dem Höchsten Gericht für eine Schließung der großen Ketten in Tel Aviv am Sabbat einsetzt.

Auch Joav Ben-Zur, Abgeordneter der streng religiösen Schas, kämpft entschlossen gegen Arbeit und öffentlichen Verkehr am Sabbat. "Der Staat Israel ist ein jüdischer Staat, und selbst seine Gründer haben das verstanden und den Sabbat als Ruhetag festgelegt", sagt er. "Wenn wir jetzt eine Nation wie alle Nichtjuden werden, was ist dann der Unterschied zwischen uns und dem Rest der Welt?"

Sara Lemel
(dpa)

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