Erste deutsche Rabbinerin nach dem Krieg: Antje Yael Deusel
Erste deutsche Rabbinerin nach dem Krieg: Antje Yael Deusel

24.03.2015

Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde wirft die erste deutsche Nachkriegsrabbinerin raus Bamberger Tohuwabohu

Ihre Amtseinführung im November 2011 wurde europaweit beachtet: Antje Yael Deusel war die erste deutsche Rabbinerin nach dem Holocaust, doch nun ist sie ihren Job in der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg los. Zumindest vorerst.

Hinter den Kulissen lief es schon seit Monaten nicht mehr wirklich rund in der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg. Mitte Februar kam dann der Brief des Vorstands, sagt Rabbinerin Antje Yael Deusel. "Das Vertrauen in eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Ihnen ist unheilbar erschüttert", steht darin, sie könne die "Bedürfnisse zahlreicher Gemeindemitglieder" nicht erfüllen.

Unterzeichnet ist die Kündigung vom Vorsitzenden Martin Arieh Rudolph sowie den vier übrigen Vorstandsmitgliedern. Ende März soll das Arbeitsverhältnis enden - doch die Rabbinerin klagt dagegen.

Während Rudolph für Stellungnahmen zu dem Vorgang wahlweise nicht erreichbar ist oder sich mit Verweisen auf das laufende Verfahren nicht äußern will, erhebt Deusel Vorwürfe: Rudolph habe in den vergangenen Monaten nur noch schriftlich mit ihr kommuniziert, oft per Einschreiben. Deusel, vom früheren, inzwischen verstorbenen Gemeindevorsitzenden Heinrich Olmer gefördert, fühlt sich von Rudolph seit dessen Wahl Ende 2014 zunehmend gegängelt. Er habe sie mit etlichen Dienstanweisungen "in meinem Aufgabenbereich als Rabbinerin vollkommen eingeschränkt".

Verhandlung vor dem Schiedsgericht des Zentralrates der Juden

Deusel spricht von einer "reinen Machtsache", Rudolph habe als Mann an der politischen Spitze der Gemeinde keine Frau als geistliche Leiterin neben sich haben wollen. Während man das als Geplänkel innerhalb einer Gemeinde abtun könnte, ist der Hauptvorwurf Deusels viel gewichtiger: Sie spricht dem jetzigen Vorstand der Gemeinde jede Handlungsbefugnis ab. Aufgrund von Unregelmäßigkeiten bei der Vorstandswahl sei inzwischen Widerspruch dagegen eingelegt worden. Dieser werde nun vor dem Schiedsgericht des Zentralrates der Juden verhandelt.

Von den einst mehr als 900 Bamberger Gemeindemitgliedern seien nur weniger als 200 überhaupt zur Wahl zugelassen worden, zudem sei die Frist zur Kandidatur für den Vorstand zu kurz gewesen. Rudolph hätte laut Deusel ohnehin nicht kandidieren dürfen, da er ein Angestellter der Kultusgemeinde sei. "Das ist nicht satzungsgemäß", sagt Deusel.

Sie sei nicht auf das Gehalt als Rabbinerin angewiesen, sagt die Ärztin: "Ich will nicht so mit mir umgehen lassen. Vor der Kündigung hat Rudolph nicht mit mir geredet - auch danach wurden alle Gesprächsversuche abgeblockt."

Der Bamberger Einheitsgemeinde droht nun die Spaltung. Deusel, die für einen liberalen, reformierten jüdischen Gottesdienst-Ritus steht, hat durchaus viele Fürsprecher und Anhänger. Diese treffen sich freitags als Gebetskreis im Gemeindesaal der evangelischen Bamberger St. Stephanskirche, während vorerst Rudolph die Gottesdienste selbst nach litauisch-polnischem Ritus in der Synagoge halten wolle. Auf der Internetseite der Gemeinde wird die Stelle des Rabbiners bereits als vakant geführt, man suche einen orthodoxen Nachfolger, heißt es.

An diesem Mittwoch findet vor dem Arbeitsgericht Bamberg ein Gütetermin zur Kündigung Deusels statt. "Ich gehe nicht von einer Einigung aus", sagte Deusel. Mit Rudolph an der Gemeindespitze sehe sie derzeit keine Chance auf eine Rückkehr für sich dorthin. Mit Deusels Ordination waren mehrere Premieren verbunden: Die gebürtige Nürnbergerin war die erste Rabbinerin Bayerns und die erste in Deutschland geborene Jüdin, die nach dem Holocaust in Deutschland zur Rabbinerin ausgebildet wurde.

Zentralrat will Spaltung vermeiden

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bedauerte die Eskalation in der Bamberger Gemeinde. Dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte er: "Eine Spaltung der Bamberger in je eine liberale und orthodoxe Gemeinde ist schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar." Der Kuchen an Finanzmitteln werde durch solche Spaltungen ja nicht größer. Zudem müsse es "in einer Gemeinde dieser Größenordnung möglich sein, eine gemeinsame Linie zu finden".

Deusel betont, eine Spaltung sei nicht ihre Absicht. "Wir haben es als Gemeinde zuvor jahrelang geschafft, mehrere jüdische Strömungen unter einem Dach zu vereinen, abwechselnd nach verschiedenen Riten Gottesdienste zu feiern", sagte die Rabbinerin: "Ich verstehe nicht, warum das plötzlich nicht mehr geklappt hat." Es werde künftig nur noch wenige große jüdische Gemeinden geben, die sich "diese Fixierung auf nur eine Strömung des Judentums leisten können".

Hinweis der Redaktion

Zu diesem Artikel hat die Israelitische Kultusgemeinde Bamberg K.d.ö.R. eine Gegendarstellung erwirkt.

Daniel Staffen-Quandt
(epd)

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