Synagoge in Köln
Synagoge in Köln

02.03.2015

Das Leben einer Jüdin in Köln Nur hinter verschlossener Tür

Gaby Wolff ist Jüdin, aber nur ihre Freunde dürfen es wissen. Sie lebt mitten in Köln, das doch als liberal und weltoffen gilt. Aber sie würde ihre Söhne niemals mit Kippa auf die Straße lassen.

Sie trägt die jüdische Identität ihrer Familie überhaupt nicht nach außen. "Niemals", sagt sie. "Niemals würde ich das tun. Und ich überlege mir ganz genau, wem ich es erzähle." Es sei wohl eine Mischung aus Feigheit und Resignation.

Sie kennt Juden, die offener damit umgehen. "Und die werden durchaus angegangen. Die Kinder zum Beispiel werden auf Facebook übel beschimpft." Dem will sie sich nicht aussetzen. Sie ist da lieber vorsichtig. Deshalb ist Gaby Wolff auch nicht ihr richtiger Name. Und deshalb will sie nicht mit Foto in die Zeitung.

Bewusstsein über eigene Identiät

Man darf sich Gaby Wolff nicht als schüchtern oder gar ängstlich vorstellen. Sie ist eher extrovertiert. Eine Frau von 41 Jahren, lange braune Haare, dunkle Augen. Sie kann gut erzählen. Sie kann sehr witzig sein. Und sie hat viele Freunde, von denen die meisten keine Juden sind. Das ist ihr wichtig, sagt sie, denn sie möchte nicht, dass dieser Teil ihrer Identität ihr Leben bestimmt. Sie will ihn nicht vor sich hertragen.

So ist es auch zu erklären, dass sie nur an Feiertagen in die Synagoge geht und nicht wirklich aktiv am Gemeindeleben teilnimmt. Sie findet es sehr gut, dass es die Gemeinden gibt, weil diese dafür sorgen, dass sich Juden in Deutschland überhaupt in einem geschützten Raum bewegen können. "Solche wie ich führen die Religion nicht weiter", sagt sie selbstkritisch. Aber die meisten Katholiken gingen ja auch nicht jeden Sonntag zur Kirche.

Soweit alles ganz normal. Doch der Vergleich mit den Katholiken hinkt natürlich. Denn sie hat ständig im Hinterkopf, dass sie jüdisch ist. "Ich sitze in einem gewissen Sinn immer wie auf gepackten Koffern, ich bin immer in Hab-Acht-Stellung", sagt sie. "Nicht rational, aber gefühlsmäßig." Gaby Wolff ist in Amerika geboren. Dahin hatte sich ihre Familie gerettet. Ein großer Teil ist im KZ umgekommen, viele davon sehr vermögende, ehemals hoch angesehene Bürger, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten und alle nicht glauben wollten, dass ihnen etwas Schlimmes passieren würde. "Wir waren wirklich mega-deutsch."

So ist Gaby Wolff mit der Erinnerung an den Holocaust aufgewachsen. "Man saugt mit der Muttermilch auf, dass die halbe Familie nicht mehr da ist, der ganze Besitz nicht mehr - und dass alles, was diese Menschen ausgemacht hat, zu Asche und Staub zerfallen ist." Im Alter von zehn Jahren kam sie mit ihrer Mutter nach Deutschland zurück, wurde dort erwachsen und heiratete einen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion.

Komik als verbindendes Element

Wenn sich die beiden heute mit Freunden treffen, ist ihr Judentum selten ein Thema. Und wenn doch, dann hat es beileibe nicht immer mit dem Holocaust oder mit Terroranschlägen zu tun. Einmal zum Beispiel war gerade "Jewrovision", eine Art Eurovision Song Contest für jüdische Jugendliche aus unterschiedlichen deutschen Städten. Den haben sie gemeinsam im Internet verfolgt. Ein anderes Mal erzählte Gabys Mann in einem fort jüdische Witze - Witze von Juden über Juden. Anfangs wussten ihre nicht-jüdischen Freunde nicht, ob sie da mitlachen durften. Inzwischen haben sie sich daran gewöhnt. Sie lachen. Aber nacherzählen würden sie die Witze nie.

Gaby Wolff sagt, dass sie und ihr Mann "Feiertagsjuden" sind. Sie feiern alle jüdischen Feste wie Jom Kippur, Chanukka oder Pessach. Dann wird auch ganz selbstverständlich die Kippa getragen. Aber eben nur hinter verschlossenen Türen. Die Mezuzah, ein kleiner Behälter mit einem Schriftstück aus der Tora, hängt bei ihnen nicht vorn an der Tür, so wie es eigentlich üblich ist, sondern dahinter am Türrahmen. Man soll von draußen nicht sehen können, dass sie Juden sind.

Leben mit Judenfeindlichkeit

"Es ist mir bewusst, dass 20 Prozent der Bevölkerung antisemitisch sind." Wenn sie hört, dass ein Mitglied der rechtsextremen Partei Die Rechte im Dortmunder Stadtrat schriftlich angefragt hat, wieviele Juden in der Stadt wohnen und ob sich ihre Zahl nach Stadtbezirken aufschlüsseln lasse - dann trifft sie das sehr direkt. "Es drückt natürlich eine Panik-Taste, der ich mich aber eigentlich verwehre, weil ich letztlich an unser System hier ganz fest glaube. Das haben natürlich unsere Vorfahren auch gedacht, aber ich glaube eben, dass die meisten heute begriffen haben, dass wir unsere Minderheiten schützen müssen, weil es sonst in der Katastrophe endet."

Auch bei islamistischen Terroranschlägen so wie auf den jüdischen Supermarkt in Paris oder auf die Synagoge in Kopenhagen ergreift sie im ersten Moment immer panische Angst. Im nächsten Augenblick sagt sie sich: "Aber mich erkennt ja keiner!"

Eben weil sie so vorsichtig ist, ist sie noch nie offen diskriminiert worden. Aber manchmal spürt sie den Antisemitismus unter der Oberfläche. Immer mal wieder wird sie zum Beispiel für die israelische Politik mitverantwortlich gemacht. "Da bin ich dann immer sprachlos, weil ich die erste bin, die gegen diese rechte Regierung mehr als negativ eingestellt ist. Ich habe ganz klar den Eindruck, dass das antisemitische Einstellungen sind, die da ein Ventil kriegen. Wenn es um die dänische Regierung ginge, würde das die Gemüter wohl kaum so erhitzen."

Gerade aufgrund ihrer Biografie hat Gaby Wolff ein feines Gespür dafür, wenn andere Minderheiten diskriminiert werden. "Ich bin genauso empört über diese anti-muslimische Haltung im Moment. Diese Gleichstellung von Islam und Terrorismus."

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat an die Juden appelliert, nach Israel auszuwandern. Natürlich ist auch Israel alles andere als sicher, aber wäre es nicht schön, ganz unbesorgt mit Kippa über die Straße gehen zu können? Für Gaby Wolff stellt sich die Frage nicht: "Israel ist für mich ein fremdes Land", sagt sie. "Außerdem möchte ich gar nicht aus Deutschland weg. Ich glaube an Deutschland. Und daran, dass wir gemeinsam für Freiheit und Demokratie einstehen."

Christoph Driessen

(dpa)

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