Josef Schuster ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Josef Schuster ist neuer Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

01.12.2014

Josef Schuster im Porträt Der fränkische Internist

Wie ist das deutsch-jüdische Verhältnis? Über solche Fragen kann sich Josef Schuster aufregen. Laut wird der 60-Jährige nicht. Doch er erklärt, die Formulierung lege nahe, dass deutsch und jüdisch zwei gegensätzliche Positionen seien. "Ich allerdings bin deutsch und jüdisch", betont der Internist aus Würzburg, der am Sonntag zum neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden gewählt wurde.

Seit 2010 war der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Würzburg bereits Vizepräsident des Gremiums, seit 2002 stand er zudem an der Spitze des Landesverbandes seiner Religionsgemeinschaft in Bayern. Er kennt die Momente, wenn Vertreter jüdischen Glaubens als Mahner gefragt sind, etwa dann, als im Sommer 2014 antisemitische Parolen bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg zu hören waren. Schuster macht sich Sorgen über solche Vorfälle. Eine Rückkehr der 1930er Jahre sieht er aber nicht. Damals sei Antisemitismus staatlich verordnet gewesen, betont er immer wieder.

Schuster möchte aber nicht nur über diese Themen sprechen. Vielmehr wünscht er sich, dass auch etwas Positives über das jüdische Leben im Deutschland des Jahres 2014 berichtet wird. Immerhin sind die Kultusgemeinden seit den 1990er Jahren durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion stark gewachsen - für Schuster ein großer Vertrauensbeweis in die deutsche Demokratie. Nach seiner Wahl betonte er, die jüdische Gemeinschaft wolle auch in Zukunft das Leben in Deutschland mitgestalten.

Schuster gehört zur Nachkriegsgeneration

In Würzburg hat er zudem bewiesen, dass die Integration der Zuwanderer funktioniert. Etwa 200 Mitglieder hatte die Gemeinde bei der Wiedervereinigung, mittlerweile sind es über 1.000. Sichtbares Zeichen für das lebendige Judentum ist das 2006 eingeweihte Gemeindezentrum "Shalom Europa", das unter anderem einen Gemeindesaal und ein Museum zum Judentum in Unterfranken beherbergt.

Schuster gehört zur Nachkriegsgeneration. 1954 in Haifa geboren, kam er im Alter von zwei Jahren nach Unterfranken. Nach Abitur und Medizinstudium absolvierte er seine Facharztausbildung im Juliusspital. Seit 1988 hat der verheiratete Vater zweier Kinder seine eigene Praxis, engagiert sich als Notarzt im Rettungsdienst und bei der Wasserwacht.

Seine Familiengeschichte lässt sich in Unterfranken mehr als 400 Jahre zurückverfolgen. Während des NS-Regimes floh die Familie jedoch aus Deutschland. Großvater und Vater kamen in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald. Die Familie wurde enteignet und hatte 1938 schließlich nur wenige Tage Zeit, der Heimat den Rücken zu kehren.

1956 wagten die Schusters die Rückkehr aus Israel. Vater David erhielt einen Lehrauftrag für Jüdische Geschichte an der Universität Würzburg, von 1958 bis 1996 war er Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken. Für die Mutter war die Heimkehr kein einfacher Schritt, kamen doch beide Eltern in Auschwitz ums Leben.

Eine bestimmte Haltung habe seinem Vater bei der Rückkehr geholfen, erzählt Schuster. "Er ist nicht auf Menschen in der Überlegung zugegangen: Was hast Du vor 15 Jahren gemacht, vor 12 Jahren gemacht?" Und Offenheit habe er sehr geschätzt. Sohn Josef nahm etwa bei einem Fahrlehrer Fahrstunden, der vorher dem Vater eine frühere Mitgliedschaft in der SA gebeichtet hatte.

Dialog mit den Kirchen

In seinem neuen Amt wird Schuster sich durchaus politisch einmischen, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Der Zentralrat werde auch künftig das Wort erheben gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, wo dies notwendig sei, sagte er nach seiner Wahl. An die muslimischen Verbände in Deutschland appellierte er, einer Radikalisierung insbesondere muslimischer Jugendlichen entgegenzuwirken.

Der Dialog mit den beiden großen Kirchen in Deutschland sei auf einem guten Weg, sagte Schuster weiter. Im christlichen-jüdischen Dialog bringt er gute Erfahrungen aus Würzburg mit. Außerdem sind für ihn der katholische Bischofskonferenz-Vorsitzende, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm durch die Zusammenarbeit in Bayern keine Unbekannten. "Man muss sich nicht erst kennenlernen."

(KNA)

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