Kardinal Meisner singt mit dem Domchor an seinem 80. Geburtstag
Kardinal Meisner singt mit dem Domchor an seinem 80. Geburtstag
Elke Böhme-Barz hatte die Idee zur Gründung der Kardinal Meisner-Stiftung.
Elke Böhme-Barz hatte die Idee zur Gründung der Kardinal Meisner-Stiftung.
Am Ende waren es beim Flohmarkt mehr Liebhaberstücke, die noch zur Auswahl standen.
Am Ende waren es beim Flohmarkt mehr Liebhaberstücke, die noch zur Auswahl standen.
Kardinal Meisner bedankt sich beim Domchor nach der Weihnachtsmesse für das Ständchen zu seinem 80. Geburtstag auf der Domplatte.
Kardinal Meisner bedankt sich beim Domchor nach der Weihnachtsmesse für das Ständchen zu seinem 80. Geburtstag auf der Domplatte.
Die Art der Feier - ohne offiziellen Reden - war ganz im Sinne von Kardinal Meisner.
Die Art der Feier - ohne offiziellen Reden - war ganz im Sinne von Kardinal Meisner.
Zu Tausenden wollten die Menschen die Gelegenheit zum Abschiednehmen nutzen.
Zu Tausenden wollten die Menschen die Gelegenheit zum Abschiednehmen nutzen.
Kardinal Meisner bei seiner letzten Predigt als Erzbischof von Köln.
Kardinal Meisner bei seiner letzten Predigt als Erzbischof von Köln.
Beisetzung von Kardinal Meisner im Kölner Dom
Beisetzung von Kardinal Meisner im Kölner Dom
Kardinal Meisner nimmt eine Ikone entgegen (ARCHIV)
Ein kunstsinniger Kardinal
Kardinal Rainer Maria Woelki leitet den Gottesdienst zu Ehren des verstorbenen Kardinals Joachim Meisner
Kardinal Rainer Maria Woelki leitet den Gottesdienst zu Ehren des verstorbenen Kardinals Joachim Meisner
Nonnen mit einem Portrait Meisners
Nonnen mit einem Portrait Meisners
Ein Porträt, das Kardinal Joachim Meisner zeigt, vor St. Gereon in Köln zu sehen
Ein Porträt, das Kardinal Joachim Meisner zeigt, vor St. Gereon in Köln zu sehen

25.12.2018

Am 25. Dezember wäre Kardinal Meisner 85 Jahre alt geworden "Über den Tod hinaus berührt seine Menschensorge"

Was bleibt von einem Menschen, der 25 Jahre lang die Kölner Diözese als Erzbischof geprägt hat? In der nach ihm benannten Stiftung lebt Kardinal Meisners Herzensanliegen, die Sorge um eine missionarische Pastoral, weiter.

DOMRADIO.DE: Frau Böhme-Barz, am Weihnachtstag 2013 hat Joachim Kardinal Meisner sein 80. Lebensjahr vollendet. Wenige Wochen später wurde er im Kölner Gürzenich mit einer offiziellen Verabschiedung, bei der bewusst keine steifen Reden gehalten werden sollten, geehrt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass bei diesem Anlass zum ersten Mal auf seine Stiftung aufmerksam gemacht wurde. An der Idee dazu waren Sie nicht ganz unbeteiligt...

Elke Böhme-Barz (Leiterin des Stiftungszentrums im Erzbistum): In der Tat hatte das Erzbistum kurz vor Kardinal Meisners 80. Geburtstag die Kardinal-Meisner-Stiftung gegründet. Ziel war, damit sein Lebenswerk zu würdigen. Denn eine Stiftung ist ein lebendiger Organismus – und keine rein verwaltungstechnische Angelegenheit. Mit einer Stiftung wird die Lebensgeschichte eines Menschen erzählt. Jedenfalls ist das meine Vorstellung von einer Stiftung, aus dem Nachlass oder Vermächtnis eines Menschen über seinen Tod hinaus etwas Lebendes, ihn Überlebendes zu machen. Mittlerweile erzählen wir in unserem in der Kölner Marzellenstraße beheimateten Stiftungszentrum 36 solcher Geschichten.

DOMRADIO.DE: Und wie kam es nun konkret zur Gründung der Kardinal-Meisner-Stiftung?

Böhme-Barz: Angesichts des bevorstehenden runden Geburtstages damals und der damit verbundenen Verabschiedung war klar, dass viele Menschen zu beiden Anlässen wieder nach einem passenden Geschenk für den Kölner Erzbischof oder zumindest doch einem geeigneten Spendenzweck suchen würden. Da kam mir die Idee, ihm die Gründung einer Stiftung vorzuschlagen, um darin die Förderung von Projekten, die ihm zeitlebens am Herzen lagen, zu bündeln. Und das waren nun mal die Sorge um Priesterberufungen und die Stärkung von Pastoral- und Glaubensentwicklung im Erzbistum, aber auch darüber hinaus in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Der Gedanke, über eine Stiftung mit den Menschen in diesem Teil Europas verbunden zu bleiben, was dem Kardinal schon zu Lebzeiten wichtig war, hat ihm gefallen. Und auch die Tatsache, dass eine konkrete Unterstützung der dortigen Pastoral mit seinem Namen verknüpft sein würde. Uns als Bistum wiederum war wichtig, etwas zu schaffen, das sein Engagement als Seelsorger in den vergangenen Jahrzehnten wertschätzt. Von unserem Konzept, das im Vorfeld viele Absprachen notwendig machte, ließ sich Kardinal Meisner dann recht schnell überzeugen. Und ich glaube, am Ende war er sogar ein bisschen stolz auf diese Stiftung, die seinen Namen trägt.

DOMRADIO.DE: Und öffentlich vorgestellt wurde diese Stiftung dann zum ersten Mal anlässlich seiner Verabschiedung?

Böhme-Barz: Die Rechtskonstruktion für diese Treuhandstiftung war ja bereits vorhanden, so dass zu Meisners Verabschiedung bereits Spenden eingehen konnten. Und so haben alle, die ihn an diesem Tag mit einem Geschenk bedenken wollten, auch gleich regen Gebrauch von diesem neuen Angebot gemacht. Der Kardinal selbst wusste es sehr zu schätzen, dass das Bistum eine Stiftung für ihn eingerichtet hatte. Da er  in seinem ersten Beruf ja Banker gewesen war, musste man ihm auch nicht viel dazu erklären. Er wusste, wie eine Stiftung funktioniert, und hatte sofort deren Nachhaltigkeit verstanden – über seinen Tod hinaus. Wir haben zum Beispiel damals im Gürzenich jedem Gast zur Erinnerung an diesen Abschied ein Tütchen mit Mohnblumensamen mitgegeben statt einer Visitenkarte mit den Stiftungsdaten. Denn Mohnblumen waren Meisners Lieblingsblumen. Letztlich verfolgte dieses kleine Samenpäckchen dasselbe Prinzip: etwas in die Welt hineinzupflanzen, was blühen wird. Jedenfalls stieß diese Aktion auf große Resonanz.

DOMRADIO.DE: Mit welchem Stiftungsvolumen konnte die Kardinal Meisner-Stiftung denn starten?

Böhme-Barz: Zunächst hat das Bistum eine Million Euro Kapital zur Verfügung gestellt. Aber noch einmal fast genau dieselbe Summe ist aus dem materiellen Erbe des Kardinals – nach den beiden Auktionen im Kunsthaus Lempertz und dem Benefizflohmarkt in St. Mariä Himmelfahrt mit den letzten Liebhaberstücken – zusammengekommen. Natürlich haben sich viele nach dem Tod von Kardinal Meisner gefragt: Warum besitzt ein Bischof so viel Kunst? Schließlich gab es wirklich einen sehr umfänglichen Nachlass, dessen Ausmaß erst bei der systematischen Katalogisierung aller Kunstgegenstände und der auch weniger bedeutsamen Objekte festgestellt wurde. Zum einen liebte er Kunst und hat manches Stück selbst erworben. Andererseits bekam er aber ja auch bei jeder Pastoralreise ins Ausland oder jeder Visitation in seinem eigenen Bistum Geschenke. Was ihm davon gefiel, hat er im Erzbischöflichen Haus aufgehangen, wobei es ihm nie um den Wert eines Kunstwerkes ging. Schön oder nicht schön – das war das, was für ihn zählte.

Aber der weitaus größere Teil verschwand eben auch in einem Depot. Wie viel sich da im Verlauf der letzten 25 Jahre angesammelt hatte, hat dann erst sein Testamentsvollstrecker, Monsignore Markus Bosbach, entdeckt und öffentlich gemacht: Von selbstgehäkelten Deckchen und Nippes über zahlreiche Bilder, Ikonen und Skulpturen bis hin zu einem richtig kostbaren Klappaltar gab es ein breites Spektrum. Wir wussten, dass der Erzbischof ein großer Kunstliebhaber war, aber die Größe seiner Sammlung hat uns dann doch überrascht. Zum Glück stand uns mit den Experten von Lempertz hoher Sachverstand zur Seite. Sonst hätten wir es alleine niemals geschafft, diesen Nachlass so professionell und effektiv abzuwickeln, dass daraus letztlich noch einmal 1,1 Millionen Euro der Stiftung zugeführt werden konnten.

DOMRADIO.DE: Wissen Sie, in welchen Wohnzimmern sich heute die kleinen und großen Andenken aus dem Besitz Meisners befinden?

Böhme-Barz: Manche Käufer wollten bewusst anonym bleiben und waren den Auktionen über Fernleitung zugeschaltet. Andere haben vor Ort mitgeboten. Aber auch Priester oder Domschweitzer waren unter den Interessenten, die gesagt haben: Ich habe 25 Jahre mit ihm gearbeitet. Nun ist mir ein Andenken an den Kardinal wichtig. Ehrlich gesagt, hat mich das Echo auf diese Verkaufs- und Spendenaktionen überwältigt.

DOMRADIO.DE: Wer sich mit dem Nachlass eines Verstorbenen beschäftigt, dringt ja oft – wenn auch ungewollt – posthum in seine Privatsphäre ein…

Böhme-Barz: Uns ist der sensible und respektvolle Umgang mit dem, was ein Mensch zurücklässt, sehr wichtig. Gerade auch wenn wir uns dazu in seinen privaten Räumen aufhalten. Im Sinne von Kardinal Meisner und einer von uns favorisierten Nachhaltigkeit war uns außerdem wichtig, dass Neuwertiges, Kleidung, Handtücher, Geschirr oder Besteck einem guten Zweck zugeführt werden und wir dafür ebenfalls Abnehmer finden: entweder Obdachlose oder aber ein Sozialkaufhaus und Kleiderkammern. Denn Nachhaltigkeit ist ein großes Thema für uns. Und natürlich ist auch Öffentlichkeitsarbeit in diesem Kontext unverzichtbar. Die Menschen sollen erfahren, wie viel Gutes man – im Sinne des Verstorbenen – mit dessen Besitz nach seinem Tod noch tun kann. Eine Stiftung zu gründen ist eine ganz außergewöhnliche Idee und – verbunden mit Sinnhaftigkeit – meines Erachtens etwas wirklich Großartiges.

DOMRADIO.DE: Können Sie das näher erklären?

Böhme-Barz: Das Besondere daran besteht schon allein darin, über den eigenen Tod hinaus der Welt eine Geschichte zu hinterlassen, die einmalig ist und nur in dieser Einzigartigkeit erzählt werden kann. Und dann geht es ja ausschließlich darum, anderen etwas Gutes damit zu tun. Wer eine Stiftung gründet, ist erfüllt davon, dass er mit seiner Idee weiter in die Zukunft gehen kann. Das schafft eine tiefe Befriedigung.

DOMRADIO.DE: Wie eng haben Sie denn mit Monsignore Bosbach zusammengearbeitet, dem nun aufgetragen war, den letzten Willen des Kardinals zu erfüllen?

Böhme-Barz: Wir waren das "Back-office" für ihn als Testamentsvollstrecker, das die Formalitäten erledigt und alle juristisch relevanten Feinheiten kennt. Er selbst hat es als einen großen Vertrauensvorschuss empfunden, das Testament seines verstorbenen Bischofs zu erfüllen. Schließlich musste er dazu in seiner Wohnung jede Schublade öffnen. Das schafft eine große Nähe, aber auch Verantwortung dem Verstorbenen gegenüber. Dieser Aufgabe hat sich Monsignore Bosbach mit großem Einsatz gewidmet und festgestellt, dass Kardinal Meisner im Hinblick auf sein eigenes Ableben sehr realitätsbezogen und extrem ordentlich war. Wir waren uns beide darin einig, dass es eine große Ehre ist, mit der Auflösung seines Haushaltes betraut zu sein.

DOMRADIO.DE: Kardinal Meisners Anteilnahme an den kirchenpolitischen Entwicklungen in Osteuropa war eng mit seiner eigenen Herkunftsgeschichte verknüpft. Welche Projekte werden nun dort mit seiner Stiftung gefördert?

Böhme-Barz: Dazu muss man wissen, dass er beispielsweise zu einem Land wie Polen und den polnischen Bischöfen eine enge Beziehung pflegte. Dort wurde er gewissermaßen wie ein Popstar verehrt und galt als ausgesprochen bekannter Kirchenvertreter, der gut in Osteuropa vernetzt war. Auch wegen seines Mutes, während des Kalten Krieges als Bischof von Erfurt und später Berlin im Verborgenen tschechische Priester zu weihen, wurde er überaus geschätzt. Nicht umsonst hat ihn dieser Teil seiner Biografie sehr geprägt. Er war der Überzeugung, dass der lebendige christliche Glaube der beste Garant für die Freiheit des Einzelnen ist und wach macht gegen jede Form staatlicher Tyrannei oder Diktatur. Von dieser Hoffnung lebte er.

Die Stiftung teilt ihre Zuwendungen jeweils hälftig auf: zugunsten von Projekten im Erzbistum Köln und in osteuropäischen Gemeinden. Bei der Prüfung der entsprechenden Anträge auf Förderung, die bei uns eingehen, ist uns die Diözesanstelle Weltkirche ein hilfreicher Netzwerkpartner, der die Nöte aller dieser Länder genau kennt. Wir sind froh, dass wir schon vielen Gemeinden – in der eigenen Diözese, aber wie gesagt auch in Polen, der Ukraine, in Rumänien oder Bosnien – mit finanzieller Unterstützung helfen konnten. Beispielsweise haben wir die Renovierung einer Kirche in Zimce bei Visoko in Bosnien und Herzegowina mit 22.500 Euro unterstützt. Die Katholiken bilden dort eine kleine Minderheit und sind wirtschaftlich wie politisch benachteiligt, so dass viele Familien auswandern. Ziel der dort seelsorglich tätigen Franziskaner ist es, die Gläubigen davon abzuhalten, Zimce zu verlassen. Die Renovierung der Kirche ist ein starkes Zeichen und soll als Anreiz zum Bleiben dienen.

DOMRADIO.DE: Sie sagten es schon: Kardinal Meisners Lebensprinzip war die christliche Hoffnung. Nicht umsonst lautete sein Wappenspruch: "Unsere Hoffnung steht fest!" Wie haben Sie ihn erlebt?

Böhme-Barz: Er war sehr lebensbejahend und ein toller Botschafter seiner eigenen Stiftung. Er war erfüllt davon, dass er mit ihr etwas nach vorne bringen kann. Je mehr die Stiftung laufen lernte, desto bewusster wurde ihm, welche wunderbaren Möglichkeiten sich mit diesem Medium eröffneten. Auch wenn er darum nicht unbedingt viele Worte machte – Eitelkeit war nun gar nicht seine Sache –, habe ich doch jedes Mal gespürt, wie sehr er sich freute, wenn ich ihm den Jahresbericht vorgelegt habe. Die Art und Weise, wie er darin las, hat seine innere Bewegung gezeigt.

DOMRADIO.DE: Kardinal Meisner starb am 5. Juli 2017 völlig überraschend. Diese Stiftung wird, solange sie existiert, an den ehemaligen Erzbischof von Köln erinnern. Was glauben Sie, bleibt in den Herzen und Köpfen der Menschen darüber hinaus lebendig von ihm?

Böhme-Barz: Stiftungen sind zunächst etwas Abstraktes, aber sie verbinden mit der Ewigkeit. Die Kardinal Meisner-Stiftung erzählt viel über den Menschen Joachim Meisner: von dem, was er jenseits der Kanzel auch noch war und was er nicht immer zeigen konnte. Und so wirft eine Stiftung noch einmal einen ganz anderen Blick auf einen Menschen und bringt etwas nahe, was man zu Lebzeiten nicht unbedingt wahrnehmen konnte und was über den Tod hinaus weiterwirken wird. Kardinal Meisner war ganz sicher eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, an der man sich mitunter auch reiben konnte. In dieser Stiftung aber offenbart sich seine ganze zugewandte und tief berührende Menschensorge.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti (DR)