Joachim Kardinal Meisner
Joachim Kardinal Meisner

25.12.2013

Das Geburtstags-Interview mit Joachim Kardinal Meisner Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner wird heute 80 Jahre alt. Im domradio.de-Interview mit Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen blickt er zurück auf die Kindheit, seinen Werdegang und seine Kölner Jahre.

domradio.de: Wir sind hier zu Gast im Erzbischöflichen Haus bei Joachim Kardinal Meisner, dem Erzbischof von Köln. Herr Kardinal, jedes Jahr Weihnachten haben Sie großen Grund zur Freude, denn Sie dürfen zusammen mit dem Christkind Geburtstag feiern. Im Jahr 2013 ist es Ihr 80. Geburtstag, Grund genug, ein wenig zurückzuschauen. Wenn Sie ganz spontan sagen würden: Was war denn die schönste Zeit in all diesen Lebensjahren?

Kardinal Meisner: Ich habe mich an den Geburtstag zu Weihnachten gewöhnt. Das überrascht mich gar nicht mehr. Ich muss den ganzen Aufwand vor Weihnachten in Kauf nehmen. Es freut mich sehr, dass mein Geburtstag damit eine größere Bedeutung hat. Darum lade ich alle, die zum Geburtstag kommen, vorher oder hinterher ein. Weihnachten geht jeder in seine eigene Familie. Eigentlich hat jede Zeit, jeder Lebensabschnitt Positives und Negatives gehabt, aber Summa sumarum hat das Positive immer das Negative überwogen, selbst wenn ich an die schreckliche Zeit der Flucht denke und die Ungewissheit, ob der Vater wieder aus Krieg heimkehrt, denn wir haben ja erst acht Jahre später – 1953 – erfahren, dass der Vater 1945 gefallen ist.

domradio.de: An welche Zeit erinnern Sie sich denn besonders gern?

Kardinal Meisner: Das kann ich schwer im Einzelnen sagen. Natürlich war die Zeit im Priesterseminar sehr, sehr schön. Und dann auch die Ferien in dieser Zeit – wir konnten ja keine großen Reisen machen, weder nach dem Osten noch nach dem Westen, aber wir haben es uns im Land schön gemacht. Ich habe das nie als bedrückend empfunden. Wissen Sie, der Himmel ist auch über dem miesesten Land weit.

domradio.de: Sie sind ein großer Mann des Glaubens. Wer hat Sie denn in Ihrem Glauben am meisten geprägt?

Kardinal Meisner: Also sicher das Elternhaus. Wir hatten ein großes Geschäft, die Mutter war meistens im Geschäft, aber sie gab auch in der Familie den Ton an. Wir hatten etwa 12 Mitarbeiterinnen, die, wie das damals üblich war, bei uns mitgegessen haben. Da gab es so gleitende Arbeitszeiten, weil das Geschäft durchgehend geöffnet war. Aber Vater und Mutter sorgten immer dafür, dass wir Kinder zusammen mit den Eltern essen konnten. Das war nicht immer leicht, doch die Eltern haben immer darauf gepocht. Das war der Grundtenor bei uns zuhause, da wurde gar nicht groß diskutiert, es wurde einfach praktiziert. Und das hat man so in sich aufgenommen wie das Leben überhaupt. Und ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie der Vater wie damals üblich nur einmal im Monat zur Heiligen Kommunion ging, und da schickte uns die Mutter am Samstagnachmittag hinaus zum Spielen, denn der Vater bereitete sich auf die Heilige Beichte vor. Und dann ging der Vater am Sonntag im Frack und mit Zylinder zur Kommunion. Und wir Kinder waren so dazwischen, rechts der Vater, links die Mutter. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Da habe ich gesagt, es wäre eigentlich schön, wenn der Vater jeden Sonntag zur Kommunion ginge, denn da war er immer besonders lieb zu uns Kindern.

domradio.de: Das Elternhaus hat Sie also in Ihrem Glauben stark gemacht. Gibt es eigentlich für einen Kardinal trotzdem einmal Glaubenszweifel?

Kardinal Meisner: Ich habe nie Berufungszweifel gehabt habe. Das ist etwas anderes als Glaubenszweifel. Aber wenn man keinen Zweifel an seiner Berufung hat, hat man auch keinen Zweifel in seinem Glauben. Ich kann noch genau den Ort angeben und fast das Jahr, als ich das zum ersten Mal nach außen geäußert habe. Die Straße existiert heute gar nicht mehr. Wenn ich in Breslau bin und da vorbeigehe, denke ich immer noch daran: Da sind wir an einem Sonntagabend nach Hause gegangen, das müsste im Juni 1939 gewesen sein, und im Juni fallen ja viele Sternschnuppen vom Himmel. Da sagte die Mutter zu uns: Wünscht Euch etwas, das geht in Erfüllung. Und als dann eine große Sternschnuppe fiel, da fragte der Vater: Habt Ihr Euch etwas gewünscht? Und da sagte ich: Ich will Priester werden. Die Frage nach dem Glaubenszweifel, die ist mir eigentlich in meiner Existenz noch nie gekommen. Mir fallen manche Glaubensgeheimnisse schwerer zu glauben als andere. Z.B. hatte ich nie Glaubenszweifel in der Eucharistie, dass das wirklich der Leib Christi ist. Aber bei mancher Beerdigung fällt es mir schwer zu glauben, dass der Leib, der da der Erde übergeben wird und der zerfallen wird, dass der bei der Auferstehung der Toten wieder präsent sein wird. Das heißt: Keine Glaubenszweifel zu haben bedeutet nicht, dass ich die Fülle des Glaubens in allen Punkten in der gleichen Intensität bejahen kann.

domradio.de: Wenn Sie auf Ihr Glaubensleben schauen: Wann sind Sie Ihrem Herrgott besonders nahe? Können Sie uns davon berichten?

Kardinal Meisner: Eigentlich soll man über diese Dinge gar nicht sprechen. Es gibt Dinge, die müssen ein Geheimnis bleiben zwischen dem Herrn und dem armen Sünder, den er mit seiner Gnade beschenkt. Aber wenn Sie das wissen wollen: Am 3. Adventsonntag fahre ich jedes Jahr nach Hause nach Thüringen, um dort die Heilige Messe zu halten. Wenn ich dann die alten Kameraden und Kameradinnen sehe – die jungen hübschen Mädchen von damals sind inzwischen Großmütter oder sogar Urgroßmütter – und an meine Geschwister denke, dann bin ich doch sehr glücklich und sage: Mein Gott, wie hast Du das gut mit mir gemeint, dass ich so gute Eltern und Geschwister gehabt habe und dass wir uns gegenseitig gestützt und gestärkt haben. Da bekommt man so eine Magnifica-Stimung.

domradio.de: Lassen Sie uns auf Ihr Vierteljahrhundert in Köln schauen, auch wenn es noch nicht ganz 25 Jahre sind. Das war sicher zu Anfang kein leichter Weg, oder?

Kardinal Meisner: Vielleicht leichter, als Sie denken. Ich hatte ja gar nicht die Zeit, den ganzen Quatsch, den man Monate vorher durchdiskutiert hatte, wahrzunehmen. Ich habe nur gestaunt, was die alles von mir wussten, die kannten mich ja eigentlich gar nicht. Da habe ich schon die erste Warnung vor der Presse bekommen: Nimm das nicht so wichtig, was die da alles schreiben, das stimmt gar nicht. Ich habe dann die gesammelten Zeitungsausschnitte gelesen: Es kannte mich keiner und da hat der eine vom anderen falsche Dinge abgeschrieben. Ich habe hier immer viel, viel mehr Bejahung gefunden als Ablehnung, und zwar von Anfang an. Der damalige Generalvikar und heutige Domprobst sagte zu mir: Du, die, die Dir das Leben schwer machen, sind dieselben, die auch dem Kardinal Höffner das Leben schwer gemacht haben. Da hieß es damals: Da kommt der Westerwälder hier her und will uns was sagen. Jetzt kam halt ein Berliner nach Köln. Ich habe mich da schnell dran gewöhnt. Eine gewisse Geschwätzigkeit gehört halt zu manchen Menschen, das fand ich gar nicht so tragisch. Ich muss sagen, damit kann man gut leben. Und man soll sich auch nicht über die Leute ärgern. Wenn man dann einmal mit ihnen redet, dann sagen die: Mein Gott, das habe ich gar nicht gewusst. Was die alles über mich geredet und geschrieben haben – warum haben die nicht einmal mit mir gesprochen?

domradio.de: Was schätzen Sie denn an den Rheinländern ganz besonders?

Kardinal Meisner: Ins Auge fällt natürlich der Karneval. Die Rheinländer haben eine gewisse Bandbreite, eine gewisse Toleranz und man akzeptiert den Einzelnen in seiner Eigenart – ohne Fanatismus. Die haben so eine lockere Art, miteinander umzugehen, das heißt man hat immer den Eindruck, man ist grundsätzlich akzeptiert. Und auf diesem Grundsatz kann es dann auch Differenzen geben. Aber das artet nicht in einer Katastrophe aus.

domradio.de: Was haben Sie von den Rheinländern gelernt?

Kardinal Meisner: Wahrscheinlich eben das.

domradio.de: War der Weltjugendtag 2005 der Höhepunkt in diesen 25 Jahren?

Kardinal Meisner: Nein, es war einer der Höhepunkte. Es gab ja vorher schon das 750-jährige Domjubiläum und auch den Eucharistischen Kongress. Das ist diese Trinität, die ich als Höhepunkt sehe. Natürlich ist unter den dreien der Weltjugendtag außer Konkurrenz. Und der Kölner Weltjugendtag hat auch in der Kirche und im System der Weltjugendtage Akzente gesetzt, die nicht mehr wegzudenken sind, z.B. die Zentrierung auf die reine Eucharistie. Der Weltjugendtag 2005 stand ja unter dem Motto: Wir sind gekommen, um ihn anzubeten. Die Heiligen drei Könige haben uns dieses Motto geliefert. Und als ich dann die Vigil draußen auf dem Marienfeld mit dem Päpstlichen Ehrenkaplan besprach, da sagte ich: Monsignore, ich habe mir das so gedacht, dass wir mit dem Allerheiligsten beginnen. Da sagte der Monsignore: Nein, das ist unliturgisch, das machen wir nicht. Da meinte ich: Was in Köln liturgisch oder unliturgisch ist, bestimmt der Erzbischof von Köln und nicht der Zeremonienmeister von Rom. Und das hat einen Akzent gebracht auf dem Kölner Weltjugendtag und überhaupt in der Weltjugendtagsgeschichte, der nicht mehr wegzudenken ist. Eine Million Jugendliche kniet eine ganze Nacht vor der Monstranz, vor dem Herrn in der Eucharistie. Eine Woche später hat mir eine junge Frau geschrieben, sie würde diese selige Nacht nie vergessen, aber sie hätte irgendwie ein schlechtes Gewissen, weil sich der Herr ja nur mit ihr beschäftigt hätte. Und neben ihr wären doch noch so viele junge Menschen gewesen, die von viel weiter her gekommen waren als sie, und die wären wahrscheinlich leer ausgegangen. Und da habe ich ihr geantwortet, sie bräuchte sich gar keine Gedanken machen, die Präsenz Christi in der Eucharistie ist so dicht und groß, dass jeder einzelne von einer Million für Ihn die Hauptperson ist. Der Papst selbst sagte mir: Das habe er noch nie erfahren, diese Dichte Christi in der Eucharistie, als er vor der Monstranz kniete und eine Million Jugendliche im Rücken hatte. Acht Wochen später fand die reguläre römische Bischofssynode statt, die alle drei Jahre stattfindet, und da war das Thema; Eucharistie. Und fast jeder Synodenvater hat angefangen mit einem Erlebnis, das er bei unserem Weltjugendtag erlebt hat. Dann wurde auch gesagt, wir sollten doch jede Woche nach St. Peter gehen und eine Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten machen. Das hat uns die Jugend in Köln vorgemacht, das steht uns Bischöfen gut zu Gesichte, wenn wir uns ein bisschen nach unseren Jugendlichen richten. Und das ist bei allen Weltjugendtagen danach so geblieben. Und ich freue mich immer, dass Bischöfe auf den Weltjugendtagen immer wieder sagen: Eigentlich war es bei Euch in Köln unerreichbar, das stimmt ja auch, mit dem Rhein und dem Papst auf dem Schiff und dem Dom. Es gibt immer innerhalb des Weltjugendtreffens für die vielen anwesenden Bischöfe ein Mittag- oder Abendessen des gastgebenden Bischofs. Das hatten wir hier auch und das war so schön. Wir hatten keinen zu großen Zeitdruck und konnte zu Fuß zum Weltjugendtagplatz gehen, so dass alle sagen: Köln bleibt mir unvergesslich. Ich kenne eine ganze Reihe von Leuten, von denen ich der Pate bin, weil die sich hier kennengelernt haben. Eine Italienerin mit einem Polen, die später geheiratet haben. Da gibt es eine ganze Reihe, das ist aber nicht nur typisch für Köln, sondern das ist bei allen Weltjugendtagen so. Das ist eine Möglichkeit der Begegnung, dass man einander kennenlernt und dann ein paar Jahre später beim nächsten Weltjugendtag heiratet.

domradio.de: Man merkt schon: Das Herz läuft immer noch über, wenn Sie davon berichten. Gibt es auch tieftraurige Momente in Ihren 25 Jahren in Köln?

Kardinal Meisner: Natürlich: Wenn ich höre, dass in manchen Familien die Ehe zu Bruch gegangen ist. Und welch traurige Folgen das für die Kinder hat, wenn Vater und Mutter sich verlassen. Oder wenn Priester die Kirche verlassen. Gott sei Dank habe ich das nicht allzu oft erlebt, dass Priester mir ihre Sendungsurkunde zurückgegeben haben. Da habe ich immer gesagt: Sie haben mir bei der Priesterweihe Ehrfurcht und Verantwortung in die Hand versprochen. Und jetzt erwarte ich, dass Sie mit Hilfe anderer Ihre Schwierigkeiten meistern und da bleiben. Aber manchmal war es vergeblich. Das sind die Tiefpunkte in meinem Leben als Bischof.

domradio.de: Ist Ihr Glaube im Laufe der Zeit größer und stärker geworden?

Kardinal Meisner: Das kann man nicht so sagen. Er ist geprägt durch die Aufgabe, in meiner Jugend hatte der Glaube ein anderes Gesicht als zu meinen Zeiten als Priester oder gar als Bischof. Ich habe aber immer Freude an Gott gehabt. Und die Freude an den vielen Menschen, die mir den Glauben bezeugt haben. Das waren in unserer Diaspora-Gemeinde in Köln ganz einfache Menschen. Wenn ich nur an unsere berühmte Tante Anna denke, das war eine Bauernmagd aus Ostpreußen, alleinstehend, die mit einer Stärke die schlimme Zeit des Einmarsches der Russen in Ostpreußen überlebt hat und dann die Zeit der Vertreibung etc. Mit einem starken Gottvertrauen  ‑ das war geradezu mit Händen zu greifen. Das war schon toll. Die ganze Diaspora-Situation, die wir nach 1945 erlebt haben, wo wir trotz Priestermangels unseren Glauben praktiziert haben, so gut es ging. Es gab nur alle 14 Tage eine Heilige Messe in der evangelischen Kirche. Dazwischen sind wir in den Nachbarort oder den übernächsten gelaufen, manchmal 11 km hin und 11 km zurück. Unterwegs wurde gebetet und vom Glauben erzählt. Das ist mir unvergesslich. Wenn mal ein Auto vorbeifuhr, habe ich mir gedacht: Wenn die doch mal stehenbleiben würden, um uns mitzunehmen. Heute wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, denke ich: Wenn ich doch noch einmal laufen könnte wie damals vor 60, 70 Jahren.

domradio.de: Was wünschen Sie denn als wacher Beobachter der Gesellschaft den Menschen zu Weihnachten 2013?

Kardinal Meisner: Die Freude an Gott, die unsere Stärke ist, d.h. dass sie wissen, dass sie nicht auf sich selbst gestellt sind und dass sie nicht im Nichts versinken, sondern dass sie aus der Hand Gottes kommen und in die Hand Gottes gehen. Das macht optimistisch, das vermittelt Lebensmut und das macht stark. Ich lebe trotz aller Probleme unserer Zeit aus der Gnade Gottes. Der Grundtenor ist das Vertrauen, Gott trägt, und wenn wir auf Menschen in anderen Ländern schauen, die in viel schlimmeren Situationen stecken, mit welchem Lebensmut die ihre Probleme bewältigen, das erfüllt mich oft mit großem Respekt.

(DR)