Papst Johannes Paul II. (Archiv)
Papst Johannes Paul II. (Archiv)
Dr. Thomas Lemmen
Thomas Lemmen
Scheich Ahmad Kuftaro (l.), Großmufti von Syrien, empfängt Papst Johannes Paul II. in der Omajaden-Moschee am 6. Mai 2001 in Damaskus
Scheich Ahmad Kuftaro (l.), Großmufti von Syrien, empfängt Papst Johannes Paul II. in der Omajaden-Moschee am 6. Mai 2001 in Damaskus

06.05.2021

Erster Papstbesuch vor 20 Jahren in einer Moschee "Gesten können keine Begegnungen ersetzen"

Vor genau 20 Jahren betrat mit Papst Johannes Paul II. erstmals ein Papst eine Moschee. "Eine Geste von hoher symbolischer Bedeutung", findet Theologe Thomas Lemmen. Wie bewertet er das Ereignis und die Entwicklung bis heute?

DOMRADIO.DE: Dass hohe Vertreter verschiedener Religionen heute guten Kontakt zueinander pflegen, ist mittlerweile nichts Außergewöhnliches mehr. Aber warum hat es so lange gedauert, bis ein Papst eine Moschee besucht hat? Den Islam gibt es ja schon seit vielen hundert Jahren.

Prof. Thomas Lemmen (Referent für den Islam im Referat Dialog und Verkündung im Erzbistum Köln): Das ist richtig. Aber erst das Zweite Vatikanische Konzil hat sich 1965 erstmalig positiv über Muslime und den Islam geäußert. Das ist also noch nicht so lange her. Im Vorfeld hat es seit dem Konzil tatsächlich sehr viele Begegnungen zwischen Päpsten und Muslimen gegeben. Johannes Paul II. hat da sehr viele Zeichen gesetzt. Vor dem Besuch 2001 hat er schon viele Muslime getroffen. Aber 2001 war wirklich das erste Mal, dass ein Papst eine Moschee betreten hat, weil es natürlich auch gegenseitige Berührungsängste gegeben hat auf offizieller Ebene.

DOMRADIO.DE: Das war wirklich ein beeindruckendes Bild damals, wie der Papst und der syrische Großmufti zusammen die Moschee betreten haben. Was hatte das für eine Wirkung? 

Lemmen: Die Wirkung ist immens gewesen, weil das tatsächlich eine hohe symbolische Geste war: Der Papst und der Großmufti zusammen in dieser Moschee, die einmal eine Kirche gewesen ist, in der das Grab Johannes des Täufers ist. Das ist tatsächlich für beide wichtig. Diese Geste ist von einer hohen symbolischen Bedeutung gewesen, weit über die Grenzen Syriens hinaus, tatsächlich ein Zeichen der Wertschätzung. 

DOMRADIO.DE: Johannes Paul II. hat damals Christen und Muslime zu Respekt und Toleranz aufgerufen. Er hat gesagt: Niemals darf Religion Hass und Gewalt fördern oder rechtfertigen. Das war natürlich noch vor dem 11. September. Wieviel ist jetzt, 20 Jahre später, noch zu spüren? 

Lemmen: Die Päpste haben diesen Gedanken seither fortgesetzt. Benedikt XVI. hat das immer wieder gesagt, auch bei seinem Besuch in Moscheen. Und Franziskus hat ja nun vor zwei Jahren durch die Unterzeichnung des Dokuments über die menschliche Geschwisterlichkeit ein herausragendes Zeichen gesetzt. Das ist ja im Grunde nicht nur eine Fortsetzung, sondern nochmal eine Intensivierung, dass Papst Franziskus gemeinsam mit einem hohen muslimischen Repräsentanten ein solches Dokument unterzeichnet hat, das ja auch Nachwirkungen hat. 

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus war im März erst in im Irak. Er hat viele Zeichen gesetzt, war in vier verschiedenen Moscheen zu Besuch. Wie ist sein Verhältnis zum Islam und zu muslimischen Religionsführern insgesamt? 

Lemmen: Man kann sagen, Johannes Paul II. hat starke Zeichen gesetzt. Benedikt XVI. hat das fortgesetzt. An einigen Stellen hatte man den Eindruck, er ist etwas reservierter. Aber für Papst Franziskus ist das ein ganz großes Anliegen. Er hat tatsächlich in seiner Amtszeit schon vier Moscheen besucht.

Abgesehen davon hatte er eine ganze Reihe von Treffen mit hochrangigen Vertretern des Islam, die dann nicht in Moscheen, sondern davor oder an anderen Orten stattgefunden haben. Und eben dieses gemeinsame Dokument, auf das er sich ja in seiner letzten Enzyklika "Fratelli tutti" nochmal ausdrücklich bezieht, zeigt, dass ihm das ein ganz großes Anliegen ist.

DOMRADIO.DE: Wie steht es denn zusammenfassend um den christlich-islamischen Dialog heute und jetzt in Deutschland? 

Lemmen: Diese Symbole, diese Gesten haben natürlich auch Auswirkungen auf die Ortskirchen, auf die Kirche hier in Deutschland; dass wir sagen, wir folgen diesem Beispiel und sind in den Fußstapfen des Papstes, wenn wir den Dialog mit den Musliminnen und Muslimen in Deutschland führen.

Das Erzbistum Köln engagiert sich seit langem. Wir haben sogar einen eigenen Bischofsvikar für das Thema. Es gibt jährlich einen Empfang mit muslimischen Vertretern. Ganz wichtig ist aber, dass es auch auf der Ortsebene zu Begegnungen kommt. Das versuchen wir zu fördern und zu unterstützen, durch Fortbildungen und durch Beratung. Denn die Gesten können nicht die Begegnung der Menschen vor Ort ersetzen. Die Gesten bleiben oberflächlich, wenn nicht vor Ort etwas geschieht. Und wir sind dankbar, dass viele unserer Gemeinden auf diesem Weg dem Papst folgen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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