Kirche St. Johannes, in der die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee untergebracht ist
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Seyran Ates eröffnet die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin
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Himmelklar
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21.04.2021

Moscheegründerin Ateş hofft auf Reformen im Islam Parallelen zu Maria 2.0

Seit sie in Berlin eine liberale Moschee gegründet hat, steht sie 24 Stunden unter Polizeischutz. Die liberale Muslimin Seyran Ateş setzt sich für einen weltoffenen Islam ein - und sieht viele Parallelen zu katholischen Reformbewegungen.

Himmelklar: 2017 haben Sie in Berlin-Moabit die "Ibn Rushd-Goethe Moschee" gegründet, die versucht einen liberalen Islam zu leben. Das Bild der Muslime in den deutschen Medien ist oft alles andere als liberal. Richten Sie sich an eine kleine Splittergruppe, oder gibt es mehr liberale, reformbereite Muslime, als man denkt?

Seyran Ateş (Rechtsanwältin, Frauenrechtlerin und Moscheegründerin): In meiner achtjährigen Vorbereitungszeit für die Moschee - ich habe die Idee 2009 gehabt und 2017 wurde die Moschee eröffnet - habe ich wirklich sehr intensiv und sehr viel recherchiert. Aufgrund dieser Erfahrungen würde ich behaupten, dass es sehr viel mehr säkulare Muslime, nicht nur in Deutschland und Europa, sondern auf der ganzen Welt gibt. Diese Behauptung bestätigt sich, seit wir die Moschee eröffnet haben - 2017 bis heute. Der einzige Grund, warum säkulare Muslime - Muslime, die einen sehr zeitgemäßen und liberalen, offenen und toleranten Islam leben und vor allem interreligiösen Dialog auch sehr ernst nehmen - nicht so sichtbar sind, ist das Thema Gewalt.

Es gibt eine unglaubliche Gewaltbereitschaft bei Orthodoxen, Konservativen und Radikalen. Warum erwähne ich alle diese Gruppen? Es ist ein Irrglaube zu denken, dass nur die Hamas, al-Qaida, Taliban und Boko Haram - alle diese bekannten terroristischen Vereinigungen - gewaltbereit sind. Nein, es sind auch die einfachen, sogenannten Orthodoxen und Konservativen, die sogar im Monat Ramadan uns hässlichste Nachrichten schicken, obwohl wir gehalten sind, im Monat Ramadan Menschen miteinander zu versöhnen, nicht zu fluchen, nicht zu lügen und das Gute zu tun. In diesem Monat sollen wir uns ja gerade mit schönen Dingen begegnen und das soll uns schöne Momente bescheren.

Alles zusammengefasst kann ich Ihnen sagen, dass die säkularen Muslime an Anzahl - auch in Deutschland - eine viel größere Wählerschaft bestimmen. Kommen wir zu den politischen Parteien: Sie denken ja, die Zahl der Konservativen ist viel höher und sie machen eine entsprechende Politik für die Traditionellen und für die Konservativen, weil sie ja gewählt werden wollen. Hier sage ich ausdrücklich: Das ist ein Irrglaube. Würden sie anfangen, auch die säkularen Muslime als Muslime ernst- und wahrzunehmen, würden sie ein pluraleres Bild vom Islam bekommen. Der Islam ist eine sehr plurale, sehr individualistische Religion. Sie würden auch dem Islam gerechter werden und somit auch den Muslimen. Sie würden auch von säkularen Muslimen gewählt werden. Mindestens genauso viel, vielleicht sogar mehr, als von den Traditionellen und Orthodoxen, denen man heutzutage mehr Unterstützung gibt - aus dem Irrglauben, sie wären die Mehrheit; das sind sie nicht.

Himmelklar: Die laute Minderheit und die schweigende Mehrheit?

Ateş: Absolut. Und die Menschen - das unterstreiche ich noch einmal - schweigen zu Recht, weil sie Gefahr laufen, sonst nicht nur eine Körperverletzung zu erleben, sondern getötet zu werden. Nicht nur beleidigt zu werden, sondern nicht mehr in die Türkei zum Beispiel einreisen zu können und innerhalb der Familie, innerhalb des sozialen Umfeldes ausgeschlossen zu werden.

Das heißt, alle Menschen, die sich zu einem säkularen Islam aktuell bekennen, sind extremsten Repressalien ausgesetzt. Das ist ein Thema, was meiner Ansicht nach breiter diskutiert werden muss. Und auch die Deutsche Islamkonferenz beispielsweise bietet nicht einmal wirklich den Raum dafür zu sehen, mit wie viel Gewalt, Verleumdung, Diskriminierung und übler Nachrede gearbeitet wird, um säkulare Muslime schlecht zu machen.

Himmelklar: Es gibt ja gewisse Parallelen auch im Christentum. Betrachtet man zum Beispiel den Umgang mit Homosexuellen. Da ist ja auch die Frage: Beziehen wir uns auf das, was niedergeschrieben ist in den Texten, oder schauen wir uns die ganze Situation im historisch-kritischen Kontext an? Warum gibt es im Islam bei einer ähnlichen Diskussion dieses große Gewaltpotenzial?

Ateş: Wir schauen uns die ganze Situation im historisch-kritischen Kontext an. Schließlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass die Texte von bestimmten Männern (dem Patriarchat) mit einer gewissen Tendenz niedergeschrieben wurden. Mich interessiert daher stets die Geschichte hinter der Geschichte und das drumherum. Mir fällt dazu unter anderem das aktuelle Buch von Lisa Kötter ein. Sie ist Mitbegründerin der Bewegung Maria 2.0. Als ich das Buch las, habe ich unglaublich viele Markierungen gemacht. Im Grunde genommen konnte ich das ganze Buch markieren, weil ich absolute Parallelen entdeckt habe - und sowieso kenne ich Lisa jetzt schon eine Weile.

Auch liberale Jüdinnen, Rabbinerinnen haben ähnliche Probleme, man kann sagen, es sind identische Probleme, die wir haben, innerhalb der Religion. Da sind Dinge niedergeschrieben worden und sie werden heute noch gelesen - aber was gilt davon überhaupt und wie diskutiert eine Gemeinschaft darüber? Da sind wir uns wirklich sehr nahe. Die Gewaltbereitschaft, das haben Sie angesprochen, ist tatsächlich noch ein Punkt, wo eine Unterscheidung festzustellen ist. Die Bewegung Maria 2.0 hat mit ähnlichen Hasstiraden in den sozialen Medien zu leben, wie wir auch. Und sehr liberalen Rabbinerinnen geht es nicht anders.

Nun ist die Gewaltbereitschaft bei den Jüdinnen und bei den Christinnen nicht mehr so extrem. Meine Theorie: Wegen der Reformation, auch innerhalb der katholischen Kirche sogar, auch wenn sie leider Gottes heute noch sehr homophob ist und auch sehr frauenfeindlich sich teilweise darstellt. Seit der Reformation hat doch schon eine starke Bewegung innerhalb der Religion stattgefunden. Frauen haben immer mehr Platz als Autoritäten in der Religion eingenommen und die Akzeptanz durch Männer ist auch gestiegen. Meiner Ansicht nach geht sowieso die Gleichberechtigung der Geschlechter nur darüber, dass Männer und Frauen gemeinsam daran arbeiten. Die Gewalt nimmt dann ab, wenn innerhalb des Patriarchats auch Männer sagen: Ich habe darauf keine Lust mehr. Das ist für mich genauso schlimm, wie für meine Schwester, für meine Frau oder für meine Mutter. Also begehren Männer mit auf.

Und deshalb, meine Theorie, gibt es gegenüber Maria 2.0 und auch gegenüber den liberalen Jüdinnen und Juden nicht so eine hohe Gewaltbereitschaft, wie es aktuell im Islam der Fall ist. Wir sind nun mal die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen, und es gibt so viele terroristische Vereinigungen, die im Namen des Islams gerade aktiv sind, dass dieses Gewaltpotenzial sich noch nicht aufgelöst hat. Deshalb traut sich auch so ein 10-15-jähriger kleiner Hosenscheißer, entschuldigen Sie den Ausdruck, mir über die sozialen Medien oder in einer Schulklasse, wenn ich davor stehe, Beleidigungen entgegen zu schmeißen, weil er so einen Rückhalt von Islamisten hat, teilweise. Die sind halt bereit, einem Lehrer den Kopf abzuhacken. Dann können sie plötzlich aufstehen in einer Schulklasse und einer Lehrerin sagen: Wenn du mich schlecht behandelst, geht es dir genauso wie dem Lehrer da in Paris.

Gegen diese Gewaltbereitschaft müssen wir angehen. Die ganze Zeit, wenn wir über Gewaltbereitschaft sprechen, sprechen wir über den politischen Islam. Da sind die politischen Führer der islamischen Länder verantwortlich. Und da sind die Regierungen in Europa verantwortlich, weil sie dem politischen Islam sehr viel Raum überlassen haben.

Himmelklar: In den Religionen - allgemein gesprochen - braucht es also mehr Anerkennung und mehr Respekt für die kritischen Stimmen. Kann man das so sagen?

Ateş: Das kann man auf jeden Fall so sagen. Und es sind nicht kritische Stimmen, die eine Religion verteufeln oder die Religion zerstören wollen. Das ist auch ein wichtiger Punkt, den man erwähnen muss. Sowohl Maria 2.0, als auch uns wird ja vorgeworfen, wir hätten eine neue Religion erfunden. Man sagt uns, wir sollen weggehen und unsere Religion nicht mehr Islam nennen. Wir sollen uns Sekte nennen - in abwertender Bezeichnung natürlich - oder eine politische Gruppierung. Was auch immer - wir sind pervers und wir sollten uns als perverse Menschen bezeichnen, aber nicht als Muslime.

Da ist herausgefordert, dass man wirklich den Dialog, die Debatte, das kritische Miteinander sucht. Wenn wir kritisch sind mit unserer Religion, heißt das nicht, dass wir sie abschaffen wollen. Hamdallah ('Gott sei Dank', d. Red.), wir sind Muslime. Ihr werdet das nicht verhindern. Im Islam besteht die Übereinkunft, dass jeder Mensch, der die Schahada (Glaubensbekenntnis des Islams, d. Red.) ausgesprochen hat und immer wieder spricht und sagt: "Ich bin Muslimin" – das dann auch ist. Du brauchst keine Ordination, du brauchst keine Taufe, du brauchst keine Bestätigung von einem Menschen. Es ist Allah, es ist der Gott, an den wir glauben, der uns diese Kraft gibt.

Wie kann ein Mensch, eine Kreatur, sich als Anwalt Gottes aufspielen oder meinen, für Gott zu sprechen? An der Stelle würde es wirklich allen Weltreligionen und auch allen kleineren Religionen gut stehen, wenn sie realisieren, dass wir im 21. Jahrhundert in dieser Globalisierung zu sehr offenen und toleranten Menschen geworden sind, weil wir immer mehr Kulturen und Religionen kennenlernen. Auch, weil wir immer mehr Gemeinsamkeiten entdecken und weil wir erkennen, dass Fühlen, Schmerzen, Denken weltweit gleichermaßen verbreitet sind. Jetzt in der Pandemie merken wir doch erst recht, wie weit uns Glück und Unglück verbinden, dass uns Krankheit und Empfänglichkeit für einen Virus verbinden. Wir merken, dass wir da ähnlich ticken und wie wir Hilfe suchen bei Ärzten, Wissenschaftlern, Politikern, aber auch bei Gott und in unserem Glauben, um diese Pandemie zu überstehen.

Und vergessen wir nicht unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern in dieser Welt, die nicht an Gott glauben. Auch die haben viele Gemeinsamkeiten überall auf der Welt. Ob ein Atheist in China lebt oder in Südamerika oder mitten in Hamburg. Es macht keinen Unterschied. Es ist eine Überzeugung, die dieser Mensch hat. Deshalb: Ganz zum Schluss kann ich nur sagen, wir werden den heiß begehrten Weltfrieden nur finden, wenn wir Frieden innerhalb der Religionen schaffen - mit den Weltanschauungen natürlich gemeinsam.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

Dies ist ein Auszug des Gesprächs. Das komplette Interview zum Hören gibt es in der aktuellen Folge des Podcasts Himmelklar – ein überdiözesanes Podcast-Projekt koordiniert von der MD GmbH in Zusammenarbeit mit katholisch.de und DOMRADIO.DE. Unterstützt vom Katholischen Medienhaus in Bonn und der APG mbH. Moderiert von Renardo Schlegelmilch und Katharina Geiger.

(DR)

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