Hagia Sophia
Hagia Sophia

11.07.2020

Scharfe Kritik von Weltkirchenrat an Hagia Sophia-Entscheidung Zeichen der Ausgrenzung und Spaltung

Die Kritik an der Entscheidung des türkischen Verfassungsgerichts, die Hagia Sophia dürfe in eine Moschee umgewandelt werden, nimmt an Schärfe zu. Der Ökumenische Kirchenrat bedauert, dass Erdogan Zeichen der Spaltung setze.

Der Ökumenische Weltkirchenrat (ÖRK) hat scharfe Kritik an der Entscheidung zur Umwandlung der Hagia Sophia vom Museum in eine Moschee geübt. Damit habe der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan das "positive Zeichen der Offenheit der Türkei umgekehrt und es in ein Zeichen der Ausgrenzung und Spaltung verwandelt", heißt es in einem am Samstag in Genf veröffentlichten Brief von ÖRK-Interims-Generalsekretär Ioan Sauca an Erdogan. Ähnlich äußerte sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).

Das weltberühmte Gebäude, im sechsten Jahrhundert als Kirche erbaut, wurde nach der Eroberung des damaligen Konstantinopel durch das Osmanische Reich 1453 zur Moschee. Republikgründer Mustafa Kemal "Atatürk" machte sie 1934 zum Museum.

Konflikte überwinden

Damit sei die heutige Unesco-Welterbestätte "ein Ort der Offenheit, der Begegnung und der Inspiration für Menschen aller Nationen und Religionen und ein kraftvoller Ausdruck des Engagements der Republik Türkei für Säkularismus und Inklusion und ihres Wunsches, die Konflikte der Vergangenheit hinter sich zu lassen", schreibt ÖRK-Chef Sauca. "Bedauerlicherweise" sei die Entscheidung ohne Ankündigung oder Diskussion mit der Unesco über Konsequenzen erfolgt.

Trauer und Bestürzung

Beim ÖRK und seinen 350 Mitgliedskirchen mit mehr als einer halben Milliarde evangelischer, anglikanischer, orthodoxer und altkatholischer Christen in 110 Ländern herrsche "Trauer und Bestürzung". Traditionell setze sich der ÖRK für die Achtung der Rechte anderer Religionen wie auch der muslimischen ein, gab der Generalsekretär zu bedenken.

Die Entscheidung, einen so symbolträchtigen Ort wie die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umzuwandeln, werde unweigerlich "Unsicherheiten, Misstrauen und Verdächtigungen hervorrufen" und Bemühungen zum interreligiösen Dialog untergraben. Ebenso befürchte der Weltkirchenrat, dass dadurch die Ambitionen anderer Gruppen anderswo gefördert werden, "den bestehenden Status quo umzukehren und eine erneute Spaltung zwischen den Religionsgemeinschaften zu fördern". Gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios hege man die "inbrünstige Hoffnung", dass die Hagia Sophia nicht wieder zum Brennpunkt der Konfrontation und des Konflikts wird.

Gemeinsames Erbe der Menschheit

"Herr Präsident, Sie haben wiederholt die Identität der modernen Türkei als säkularer Staat bekräftigt, aber gestern haben Sie eine Verpflichtung aufgehoben, die dieses historische Denkmal seit 1934 als gemeinsames Erbe der Menschheit bewahrt hat", so Sauca wörtlich. "Im Interesse der Förderung des gegenseitigen Verständnisses, des Respekts, des Dialogs und der Zusammenarbeit und zur Vermeidung der Kultivierung alter Feindseligkeiten und Spaltungen appellieren wir dringend an Sie, Ihre Entscheidung zu überdenken und rückgängig zu machen."

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) nannte es insbesondere "enttäuschend, dass die meisten Muslime in Deutschland offenbar keine Solidarität für christliche Minderheiten in der Türkei aufbringen können". Einem GfbV-Appell an alle größeren Islam- und Moscheenverbände für ein Symbol der Unterstützung für die bedrängten Minderheiten in der Türkei hätten sich die größeren muslimischen Gemeinden in Deutschland nicht angeschlossen.

(KNA)

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