Muslime im Gebet
Schwerer Stand für Muslime in der Slowakei

29.09.2017

Muslimischer Theologe fordert grundlegende Reformen Plädoyer für islamische Aufklärung

Frauen als Vorbeterinnen, Absage an Gewalt, eine wissenschaftliche Kritik am Koran, strikte Trennung von Staat und Religion: Die 40 Thesen des muslimischen Theologen Abdel-Hakim Ourghi zielen auf eine umfassende Islam-Reform.

Abdel-Hakim Ourghi ist muslimischer Theologe, Religionspädagoge und Mitbegründer der bundesweit für Aufsehen sorgenden liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Als Hochschullehrer in Freiburg und als Publizist erhebt er seine Stimme für einen aufgeklärten Islam und die europäischen Werte der offenen Gesellschaft als Anstöße für eine grundlegende Reform von Theologie und religiöser Praxis.

Jetzt formuliert Ourghi sein Credo in Buchform. Selbstbewusst und passend zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Wittenberger Reformprogramm in der Form von 40 Thesen: Leitsätze, die den Islam aus einer tiefgehenden "Sinnkrise" herausführen sollen.

Der Wissenschaftler nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er mit scharfen Worten den aus seiner Sicht in Deutschland und weltweit "herrschenden konservativen Islam" als im Mittelalter stehengeblieben geißelt. Ourghi ruft die Muslime auf, den Islam zu einer "Religion des Friedens" zu machen. Es müsse endlich eine offene Debatte darüber stattfinden, dass Islamisten - und islamistische Terroristen - ihre Religion als Begründung für Hass und Gewalt anführen.

Auch für die Unterdrückung von Frauen spielen aus seiner Sicht theologische Begründungen eine kaum zu überschätzende Rolle. Und gerade deshalb, so die Schlussfolgerung des Theologen, müsse eine viel breitere innerislamische Religionskritik Raum greifen. Ein "kritikunfähiger, unaufgeklärter und frauendiskriminierender Islam", so Ourghi, gehöre keineswegs zu Deutschland und Europa.

Völlig neuer Umgang mit dem Koran

Ausgangspunkt für Ourghis plakative Programmschrift ist die Forderung, den Islam und seine grundlegenden Schriften und Lehrdokumente einer historisch-kritischen Analyse und einer von Denkverboten befreiten Kritik zu unterziehen. Dazu gehört für ihn ein völlig neuer Umgang mit dem Koran, der vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit gelesen, kritisiert und interpretiert werden müsse.

"Wer den Koran respektiert, kann ihn nicht wortwörtlich nehmen", mahnt Ourghi und erläutert dies anhand zahlreicher Koransuren.

Kritik an muslimischen Verbänden

Von dieser koranexegetischen und theologischen Basis aus entfaltet der Hochschullehrer dann auch eine umfassende religiongs-, beziehungsweise gesellschaftspolitische Reformagenda: Ourghi wiederholt seine Kritik an den islamischen Verbänden wie Zentralrat der Muslime und Ditib. Diese seien für eine "Pädagogik der Unterwerfung" in vielen Koranschulen verantwortlich. Langfristig könne hier der islamische Religionsunterricht an den Schulen Auswege eröffnen.

Dabei hat für Ourghi "kein Mensch und keine Institution" das Recht, Gott auf Erden zu vertreten, sondern vielmehr sei jeder Muslim gefordert, in eine unmittelbare Beziehung zu Gott zu treten. Und seinen Glauben anhand eigener Fragen und Kritik zu prüfen.

Entscheidend ist für den Wissenschaftler eine strikte Trennung von Religion und Staat. Denn der Islam sei "in erster Linie ein Glaube voll Spiritualität" und eine "geistliche Bewegung", keine "militante, die Weltherrschaft erstrebende Gemeinschaft".

Forderung nach Ende der Unterdrückung von Frauen

Zentralen Raum in Ourghis Buch nimmt dann die Forderung nach einem Ende von Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen aus religiösen Motiven ein. Das muslimische Kopftuch ist für Ourghi ein Produkt und sichtbares Zeichen eben dieser männlichen Herrschaft.

Der Islam habe Frauen nicht zu freien Menschen, sondern zu "Knechten der Männer gemacht", formuliert der Theologe. Er selbst bildet in Freiburg Musliminnen zu Religionslehrerinnen aus - und erlebt dann häufig, dass die Absolventinnen in den konservativen Moscheegemeinden angefeindet werden.

Drohungen und Hassmails

Schon jetzt erhält der aus Algerien stammende Wissenschaftler immer wieder anonyme Drohungen und Hassmails. Er zeigt sich bislang unbeirrt. Mit seinen 40 Thesen dürfte sein Stand nicht einfacher werden. Erst recht, weil er seine Religionskritik auch auf die historische Person Mohammeds anwendet und mit der historisch-kritischen Methode begründet, warum der Koran keinen universalen Anspruch erheben könne, sondern zunächst eine an die arabische Welt adressierte Religionsschrift sei.

Volker Hasenauer
(KNA)

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