Vor dem Prozessauftakt gegen IS-Sympathisantin Safia S.
Vor dem Prozessauftakt gegen IS-Sympathisantin Safia S.

20.10.2016

Jugendliche Attentäterin mit Kopftuch und Strickjacke Vom Islamischen Staat motiviert?

Erstmals steht in Deutschland eine Jugendliche vor Gericht, die im Auftrag von islamistischen Terroristen versucht haben soll, einen Menschen zu töten. Das öffentliche Interesse ist groß, doch verhandelt wird hinter verschlossenen Türen.

Schon früh am Donnerstagmorgen drängeln sich Journalisten aus dem In- und Ausland vor dem Oberlandesgericht in Celle, um einen der wenigen Plätze im Saal zu ergattern. Erstmals wird gegen eine Minderjährige verhandelt, die versucht haben soll, im Namen und Auftrag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einen Menschen in Deutschland zu töten.

Ihr Opfer, ein Bundespolizist, überlebte den Anschlag am 26. Februar in Hannover nur knapp. Safia S. rammte ihm bei einer Personenkontrolle ein Gemüsemesser in den Hals. Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen.

Hochsicherheitstrakt Gerichtssaal

Der Gerichtssaal gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Die kleinen Fenster hoch oben an der Wand lassen kaum Tageslicht in den Saal. Die knapp 40 Zuschauer sitzen hinter einer dicken Glaswand. In der letzten Reihe haben drei verschleierte Frauen Platz genommen.

Safia S. sitzt zusammen mit ihrer Mutter in einem eigens gesicherten Kasten aus schusssicherem Glas. Die Jugendliche trägt ein beiges Kopftuch, eine dicke grau melierte Strickjacke und eine große Brille mit dunklem Rahmen. Der Teenager wirkt eingeschüchtert.

Richter Frank Rosenow fragt Safia S., wie sie es halten wolle: "Sagen wir Safia und Du oder lieber Frau S. und Sie?" - "Safia und Du genügt", antwortet die Angeklagte leise. Kurz danach müssen Zuschauer und Journalisten den Saal verlassen. Der Schutz der Privatsphäre einer Jugendlichen überwiege das öffentliche Interesse, sagt Rosenow.

Angriff auf Polizisten

Safia S. wurde von ihrer strenggläubigen marokkanischen Mutter und ihrem deutschen Vater, der zum Islam konvertierte, erzogen. Bereits als Siebenjährige rezitiert sie zusammen mit dem Salafisten-Prediger Pierre Vogel in Videos Koranverse auf Arabisch. Später radikalisiert sich die Gymnasiastin immer weiter. Sie versucht nach Syrien zu gelangen, um den Kampf des IS zu unterstützen. Ihre Mutter reist ihr aber nach und holt Safia aus Istanbul zurück. Wenige Tage später sticht die damals 15-Jährige den Polizisten im Hauptbahnhof von Hannover nieder.

Safias Anwalt Mutlu Günal glaubt nicht an einen terroristischen Hintergrund der Tat. Die Anklage stütze sich vor allem auf Chat-Protokolle mit vermeintlichen IS-Regierungsmitgliedern. Es sei kaum vorstellbar, dass sich ein hohes IS-Mitglied mit einer 15-Jährigen beschäftigt, sagte der Anwalt. Außerdem wisse niemand, wer wirklich auf Safias Chats geantwortet habe. Überhaupt stelle sich die Frage, ob Safia, die doch in einer geschlossenen islamischen Umwelt aufgewachsen sei, die Tragweite ihrer Tat überschauen konnte. Eigentlich sei sie doch noch ein Kind.

Anwalt kein Unbekannter

Günal ist in der salafistischen Szene kein Unbekannter. In Düsseldorf verteidigt er den Salafistenprediger Sven Lau, in Bonn vertritt er Marco G. Der Islamist soll 2012 im Bonner Hauptbahnhof eine Bombe gelegt haben. Bundesanwalt Simon Henrichs hält an seiner Anklage fest. Sie lautet auf versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung.

Henrichs geht davon aus, dass die Jugendliche vom IS motiviert und gelenkt wurde. Alles Weitere müsse der Prozessverlauf zeigen - jedoch hinter verschlossenen Türen.

Jörg Nielsen
(epd)

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