Kopftuchverbot gekippt
Auch junge Frauen sind anfällig für Radikalisierung

22.08.2016

Dokumentation über islamistische Radikalisierung junger Frauen Parallelwelt mitten in Deutschland

Rund 300 Mädchen sollen Deutschland in Richtung Syrien verlassen haben - im Bann der Terrormiliz "Islamischer Staat". Eine Spurensuche auf Vox zeigt: Die Extremisten können nahezu jedes Kinderzimmer erreichen.

Das Baby lacht. Der Familienvater berichtet, wie kalt es in dem Zelt ist, in dem die Jesiden in einem Flüchtlingslager im Nordirak leben, vertrieben von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Trotz dieser trostlosen Umgebung strahlt das Baby über das ganze Gesicht - und dem Zuschauer bricht das Herz, wenn er hört, dass dieses scheinbar so unerschütterliche Kind aus einer Vergewaltigung durch einen Terroristen entstanden ist.

Wie kann eine so brutale Miliz junge Menschen in Europa in ihren Bann ziehen - auch immer mehr Frauen? Ein Filmteam hat sich mit dieser Frage befasst. Vox zeigt "Die verlorenen Töchter - Geködert vom IS" am Samstag um 20.15 Uhr.

Radikalisierung im Kinderzimmmer

300 Mädchen sollen Deutschland verlassen haben, um sich dem IS anzuschließen. Durch das Internet hätten Terrorgruppen ihre Reichweite deutlich erhöht, sagt Salafismus-Forscher Brahim Ben Slama. Theoretisch, so seine Warnung, könne eine Radikalisierung "in jedem Kinderzimmer passieren".

Frauen wurden dabei bislang wenig beachtet - den "typischen" Terroristen stellen sich viele weiterhin als jung, männlich, perspektivlos vor. Dabei ist jeder fünfte Ausreiser weiblich, sagt Uwe Kemmesies, Extremismusexperte beim Bundeskriminalamt. Seit der Ausrufung des "Kalifats" durch den IS vor zwei Jahren ist der Frauenanteil auf 40 Prozent gestiegen. Jeder einzelne Fall, so zeigt es die Doku, ist für das Umfeld ein Schock: Eltern weinen, Lehrer fragen sich, was sie hätten tun können, Freunde sind fassungslos.

Alarmsignale wahrnehmen

Warnzeichen können sich nach Worten Kemmesies' in einer "Experimentierphase" zeigen: etwa, wenn jemand plötzlich Kritik an Ungläubigen äußere, verpackt als Scherz, aber mit ernstem Kern. Je nach Reaktion des Umfelds, so der Experte, "kann es zu einem stärkeren Hineingleiten in Radikalisierungsprozesse kommen". Dabei, ergänzt Slama, radikalisiere sich "kein Mensch" innerhalb von einer Woche.

Psychologe Ahmad Mansour sieht die Wurzeln für eine solche Entwicklung in patriarchalischen Strukturen. Die Salafisten versprächen jungen Frauen Gleichberechtigung: Durften sie bisher etwa nur mit einer Begleitperson das Haus verlassen, dürften sie für den IS nach Rakka reisen. Hat der Bruder bislang den Kontakt zu Jungs verboten, heiße es von den Salafisten, der Bruder dürfe selbst keinen Sex vor der Ehe haben.

Doch diese vermeintliche Freiheit endet schnell, weiß die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi. Verheiratete Frauen müssten im IS-Herrschaftsgebiet die Wünsche ihres Ehemanns erfüllen - und laut einem Manifest der weiblichen IS-Brigade Khanssaa sollte eine Frau bereits mit neun Jahren heiraten. Die Frau habe den Wert eines Gegenstandes, sagt auch Psychotherapeut Salah Ahmad - und das, betont er, habe "nicht mit Gott, mit keiner Religion zu tun".

Schüler diskutieren über Salafismus

Interessant ist, wie engagiert die Schüler einer deutschen Islamkunde-Klasse das Thema diskutieren: Diejenigen, die viel Zeit mit Salafisten verbrächten, wüssten nicht viel über den Islam, sagt ein Schülerin. Ein anderer Jugendlicher erklärt: "Wenn ich jetzt auch nichts über Islam wissen würde und keine Freunde hätte und allein wäre, würde ich mich trotzdem nicht darauf einlassen - weil ich denken kann. Wenn ich höre, es geht ums Töten und Gewalt - ich halte mich direkt aus sowas raus."

Um so beklemmender sind im Kontrast dazu die Szenen mit den verzweifelten Eltern der Ausreiserinnen. Schade ist, dass in der Doku immer wieder der scheinbare Gegensatz zwischen "Deutschen" und "Muslimen" hergestellt wird. Auch manche Kommentare der Filmemacher scheinen zu kurz gegriffen - etwa, wenn es pauschal heißt, hip sei für Jugendliche "Alkohol, Sex, Party machen, einfach keine Religion haben". Dramatische Hintergrundmusik und Formulierungen wie "die Bräute Allahs" hätte es ebenfalls nicht gebraucht, um die Brisanz der Lage zu verdeutlichen.

Erschreckende Einblicke

Die zahlreichen Experten liefern jedoch spannende Denkanstöße - und der Film erschreckende Einblicke. So heißt es, viele Familien hätten nach dem Verschwinden der Töchter zunächst Interviews gegeben, seien jedoch aus Scham oder wegen Drohungen des IS im Laufe der Dreharbeiten verstummt. Eine wertvolle Spurensuche - gerade weil sie den Zuschauer mit vielen Fragen zurücklässt.

Paula Konersmann
(KNA)

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