Positive Bilanz für ersten Islam-Unterricht an katholischer Schule

Koran statt Bibel

Die Integration junger Muslime ist eine Herausforderung. Wie es gehen kann, zeigt das Paulinum in Münster als erste katholische Schule mit einem islamischen Unterrichtsmodell. Der Schulleiter Dr. Gerd Grave zieht bei domradio.de eine positive Bilanz.

Schüler beim Islam-Unterricht / © Oliver Berg (dpa)
Schüler beim Islam-Unterricht / © Oliver Berg ( dpa )

domradio.de: Was genau läuft bei Ihnen - in Bezug auf den Religionsunterricht - anders als an einer durchschnittlichen katholischen Schule?

Dr. Gerd Grave (Schulleiter des Paulinum Gymnasiums in Münster): Wir haben seit nunmehr anderthalb Jahren auch für die muslimischen Schülerinnen und Schüler unserer Schule in drei Jahrgangsstufen islamischen Religionsunterricht angeboten.

domradio.de: Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Dr. Gerd Grave: Wir haben den Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler und die Eltern das überaus positiv wahrgenommen haben, und das nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen dieser Konfession selbst, sondern auch bei den anderen Eltern unserer Schule, die das als sehr positive Entwicklung verstanden haben.

domradio.de: Gab es denn zu Beginn des Projekts Vorbehalte von Eltern nicht-muslimischen Glaubens oder auch von denen muslimischen Glaubens?

Dr. Gerd Grave: Die Vorbehalte waren sogar bei den Eltern muslimischen Glaubens noch größer. Auf der einen Seite haben wir an unserer Schule viele Familien, denen die Integration in unser Gesellschafts- und Weltbild sehr wichtig ist. Die Kinder, die in der Vergangenheit als Gäste am christlichen Religionsunterricht teilgenommen haben, haben das auch als Teil ihres Integrationsprozesses verstanden. Bei diesen Eltern gab es die Sorge, dass das Angebot des islamischen Religionsunterrichts einen Rückschritt darstellen könnte. Da bedurfte es ein wenig Überzeugungsarbeit, um diesen Eltern auch das Signal zu geben, dass das, was vermittelt wird, ein reflektierter, aufgeklärter Islam ist. Ein Islam, der gleichzeitig die Tradition und familiäre Religionserfahrung der Kinder und Jugendlichen aufgreift, positiv bestätigt und den Schülerinnen und Schülern daraus Wege vermittelt, wie man sich als Muslim in einer aufgeklärte westliche Gesellschaft integrieren kann. Das hat bei diesen Eltern dann auch sehr schnell für Akzeptanz gesorgt.

domradio.de: Was berichten denn diejenigen, die das Fach lehren? Und wie haben die Jugendlichen darauf reagiert, was dort gelehrt wurde?

Dr. Gerd Grave: Eine symptomatische Rückmeldung war, dass eine Mutter gesagt hat, ihr Junge sei nach Hause gekommen und berichtete, dass es erstens richtiger Unterricht sei und ihnen etwas beigebracht werden würde. Zweitens decke sich das, was ihnen vermittelt werde, mit dem aufgeklärten Denken in der Familie. Das empfinde ich als wichtige Bestätigung und hat mich auch darin bestärkt, das Projekt weiter zu verfolgen.

domradio.de: Ist dieser Unterricht ausreichend oder müsste im Hinblick auf die momentanen Diskussionen um Integration gerade männlicher muslimischer Jugendliche noch mehr Förderung geschehen.

Dr. Gerd Grave: Für mich ist dieser Religionsunterricht nur ein Baustein unter ganz vielen anderen. Die Erwartungen an diesen Unterricht werden völlig überzogen, wenn man davon ausgehen sollte, dass zwei Stunden Unterricht in der Woche Menschen verändere oder Sicherheit gegenüber Radikalisierung im Denken schaffe. Das wäre naiv und es ist auch nicht vom christlichen Religionsunterricht zu erwarten, dort grundlegende Verhaltensmaßnahmen zu erzeugen. Das muss in ein Gemeinschaftsleben eingebettet sein, in dem muslimische Schüler sich nicht als Fremde oder Ausgegrenzte wahrnehmen.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel.


Quelle:
DR