18.09.2012

Cibedo-Leiter Güzelmansur zur Debatte um den Mohammed-Film "Ein Vorführverbot hilft nur kurzfristig"

"Die Unschuld der Moslems" heißt das Hass-Video, das seit Tagen schon für Aufruhr in der arabischen Welt sorgt. Jetzt wollen rechtspopulistische Splitterparteien den islamfeindlichen Streifen auch in Deutschland zeigen. Im domradio.de Interview fordert Dr. Timo Güzelmansur, Geschäftsführer der Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle der Deutschen Bischofskonferenz (Cibedo), einen gelassenen Umgang mit Provokationen.

domradio.de: Herr Güzelmansur, was meinen Sie: Wäre ein Vorführverbot des Videos in Deutschland die geeignete Lösung?
Dr. Güzelmansur: Zunächst muss man feststellen, dass der Film "Unschuld des Islam" eine sehr skurrile Produktion ist und darauf aus ist, zu provozieren. Der Bundesinnenminister hat ja angekündigt, mit allen zulässigen Rechtsmitteln gegen den Film vorzugehen. Sicherlich gilt die Meinungs- und Religionsfreiheit nicht schrankenlos. Daher würde man schauen, ob es da Möglichkeiten und Gesetze gibt, den Film zu verbieten. Der Film ist ganz klar anti-islamisch. Wenn in diesem Film keine Straftatbestände zu finden sind, wird es wahrscheinlich schwierig sein, eine Vorführung zu verbieten. Ich denke aber, dass ein Vorführverbot nur kurzfristig hilft.

domradio.de: Teilen Sie denn die Befürchtungen mancher Politiker,  dass es tatsächlich zu Krawallen kommen könnte, wenn der Film wirklich gezeigt wird?
Dr. Güzelmansur: Falls der Film gezeigt werden sollte und begleitend zum Beispiel, wie angekündigt, ein US-Prediger wie Terry Jones auftreten sollte, dann ist eine Gefahr für eine Gewaltausschreitung vorprogrammiert. Erst jüngst waren wir alle Zeugen, wie gewaltbereit die Islamisten auf offener Straße die Polizei attackierten. Es reicht eine winzige kleine Provokation, dass diese gewaltbereiten Extremisten zuschlagen.

domradio.de: Man kann sich ja jetzt schon fragen, wie eigentlich so ein wirklich schlecht gemachter Film  eine Gewaltwelle dieses Ausmaßes auslösen kann. Geht es wirklich um den Film - oder bietet er nicht viel eher gewaltbereite Islamisten einen willkommenen Anlass, den Hass zu schüren?
Dr. Güzelmansur: Zunächst muss man wissen, dass im Islam der islamische Prophet Mohammed als bestes Beispiel für die gläubigen Muslime gilt - und zwar in allen Bereichen, in moralischen, sittlichen und religiösen Bereichen. Womit wir aber hier zu tun haben, ist meines Erachtens eine gezielte Provokation auf beiden Seiten. Die Filmausschnitte sind schon seit zwei Monaten im Internet abrufbar, erst jetzt aber hat man in den Moscheen und auf den Straßen gegen diesen Film gepredigt und ihn dadurch bekanntgemacht. Viele, die auf die Straße gegangen sind und gegen diesen Film demonstrieren, kennen gar nicht den Inhalt. Ich denke schon, dass dort dieser Film gezielt instrumentalisiert wird und dieser Hass gegen den Westen - und da fließen auch anti-christliche Stimmungen hinein - benutzt wird.

domradio.de: Inwieweit kann man den Vorfall jetzt - also die Polemiken rund um den islamfeindlichen Film - mit den Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen vergleichen?
Dr. Güzelmansur: Sie sehen bei der Reaktion auf die Karikaturen und diesen Film im Endeffekt, dass beide von radikalen Kräften instrumentalisiert werden. Es mag sein, dass wir vieles geschmacklos und unpassend finden, aber wir müssen eine Kultur der Toleranz entwickeln, die mit solchen Provokationen gelassener umgeht.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Hintergrund: Verbot für Anti-Islam-Video auch unter Muslimen umstritten
Ein mögliches Aufführungsverbot für das islamfeindliche Video "Die Unschuld der Muslime" ist auch unter Muslimen in Deutschland umstritten. Der Osnabrücker Islamexperte Rauf Ceylan hält ein solches Verbot für das Schmähvideo über den Propheten Mohammed für überzogen. Die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, Lamya Kaddor, sprach sich klar gegen ein Vorführungsverbot für das in den USA produzierte Amateurvideo aus.

Der Koordinationsrat der Muslime fordert hingegen, Rechtsmittel gegen das Video zu prüfen. Ali Kizilkaya, Sprecher des Koordinationsrats, sprach sich für ein Verbot des Films aus. "Es handelt sich um eine tiefgreifende Beleidigung", sagte er der Berliner "tageszeitung" (Dienstagsausgabe). Auch Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland plädierte für ein Verbot. "Ich denke, dass alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden sollten, um ein Verbot der Vorführung zu erreichen", sagte er der Zeitung. Es gebe verschiedene Tatbestände, die nun zu prüfen seien, "beispielsweise auch den der Volksverhetzung".

Der in den USA produzierte islamfeindliche Film war in den vergangenen Tagen weltweit im Internet verbreitet worden und hatte gewalttätige Proteste in mehreren islamischen Ländern ausgelöst. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben. "Pro Deutschland" hatte angekündigt, das Video im November in einem Berliner Kino aufzuführen.

Der Islamexperte Ceylan sagte der "Saarbrücker Zeitung", mit einem Verbot "würde man den Film wichtiger machen, als er ist". Der Osnabrücker Professor für islamische Religionswissenschaften hält es nicht für ausgeschlossen, dass es auch in Deutschland zu Gewaltausbrüchen wegen des Films kommt. Der Religionssoziologe appellierte an die Medien und die muslimischen Gemeinden, sensibel mit dem Thema umzugehen.

Die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, Kaddor, sprach sich klar gegen ein Vorführungsverbot aus. "Je mehr man über ein Verbot redet und die Tabuisierung solcher Inhalte vorantreibt, desto mehr Schaden richtet man an", sagte sie der "tageszeitung".
Diskussionen über Verbote und Sonderregelungen für Muslime schürten die bestehende Islamfeindlichkeit in Deutschland. Aktionen wie die Vorführung des Films seien vom Demonstrationsrecht gedeckt.

Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Rudolf Seiters, sprach sich unterdessen sich gegen die Vorführung des Schmähfilms in Deutschland aus. Die Arbeit des DRK würde mit Sicherheit beeinträchtigt, wenn dieser "unsägliche und unverantwortliche Film" in Deutschland gezeigt würde, sagte Seiters der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstagsausgabe). "Alles, was in der gegenwärtigen Situation Unruhen anheizt, sollte und muss unterlassen werden", betonte der CDU-Politiker.

Das DRK sei die Hilfsorganisation in Deutschland, die über seine Partnerorganisationen des Roten Halbmondes über den besten Zugang zu den islamischen Ländern verfüge. "Wir wollen dort auch weiterhin humanitäre Hilfe leisten", erklärte Seiters.

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