19.04.2012

Islam-Vertreterin begrüßt Erklärung gegen Zwangsverheiratung Kein Ursprung in der Religion

Politiker und Vertreter von Muslimen haben häusliche Gewalt und Zwangsheirat verurteilt. Beides seien Verstöße gegen fundamentale Menschen-rechte und habe nichts mit der Religion zu tun, hieß es in einer von der Islamkonferenz verabschiedeten Erklärung. Tuba Isik-Yigit, Vorsitzende des Aktionsbündnisses muslimischer Frauen e. V., begrüßt im domradio.de-Interview die Erklärung.

domradio.de: Es ist ja eine Stellungnahme gegen Zwangsverheiratung und auch häusliche Gewalt verabschiedet worden. Ein ganz wichtiger Punkt für muslimische Frauen, aber auch für Männer. Was konkret steht da drin?

Tuba Isik-Yigit: Ganz konkret steht einfach drin, dass die Mitglieder der Islamkonferenz sich noch mal positionieren gegen häusliche Gewalt und gegen die Praxis der Zwangsverheiratung. Dass sie dazu noch mal ganz klar sagen, dass Zwangsverheiratung oder häusliche Gewalt in jeglicher Form eben nicht ihren Ursprung in der Religion haben, auch nicht im Islam und dass das eher eben aus traditionell patriarchalen Strukturen hervorgeht und jegliche Gewalt gegen Frauen und Männer zu verachten ist.

domradio.de: Sie sind ja nicht als Vorsitzende ihres Aktionsbündnisses dabei, sondern als Einzelperson und auch als deutsche Staatsangehörige und auch als Universitätsmitarbeiterin der Uni Paderborn. Was erhoffen Sie sich von dieser Resolution?

Tuba Isik-Yigit: Also ich hoffe, dass die Resolution eher ein Impulsgeber ist, insbesondere für Frauen, aber auch für Männer, dass sie eher Beratungsstellen aufsuchen, wenn sie denken, dass sie zwangsverheiratet worden sind oder wenn sie eben häusliche Gewalt erleben und erfahren. Und auf der anderen Seite hoffe ich, dass gesellschaftliche Akteure, seien es eben Imame oder Sozialarbeiter in den Moscheen, in Beratungsstellen, in Cem-Häusern (alewitische Gebetshäuser), entsprechende Aufklärungsarbeit zu leisten oder geeignete Maßnahmen für betroffene Opfer anzubieten. 

domradio.de: Gerade in der Öffentlichkeit ist ja ein Bild der unterdrückten Muslime präsent. Die Baden-Württembergische Integrationsministerin Öney kritisiert, dass die Auswahl der Themen ein falsches Signal vermittele und genau das impliziere, dass es nämlich im Islam keine Gleichberechtigung gebe. Wie sehen Sie das?

Tuba Isik-Yigit: Sie hat nicht unrecht. Also wenn wir ständig Verschiedenheit oder Andersheit in ganz spezifischen Punkten ansprechen, wenn wir ständig sagen, die Frau mit Kopftuch ist unterdrückt, sie wurde zwangsverheiratet etc., dann ruft das eine gewisse Assoziation in der Mehrheitsgesellschaft ständig auf, wenn wir eine Frau mit Kopftuch sehen. Das ist eine Stigmatisierung. Und wenn wir als Islamkonferenz eben solch einen Schwerpunkt setzen, ruft die Assoziation hervor: Es gibt keine Geschlechtergerechtigkeit im Islam. Ich glaube, Muslime haben ganz andere Probleme, als dass sie über Geschlechtergerechtigkeit sprechen möchten. 

domradio.de: Dennoch geht es darum. Es geht auch um die Teilhabe von Frauen und Kindern aus dem muslimischen Kulturkreis am gesellschaftlichen Leben. Was würden Sie sich da wünschen?

Tuba Isik-Yigit: Also, die muslimische Frau darf nicht reduziert werden auf ihr Muttersein oder als die Moscheegängerin. Wir haben mittlerweile als Aktionsbündnis Muslimischer Frauen knapp 400 Mitgliederinnen und das sind zu 80 % alles Akademikerinnen, die hier an deutschen Universitäten ausgebildet worden sind. Natürlich haben sie, wenn sie Kinder haben, auch das Bedürfnis in die Moschee zu gehen und ihre Kinder dort hinzubringen und so weiter, das ist ja völlig selbstverständlich. Aber auf der anderen Seite möchten sie eher die Anerkennung auch als Individuum, als Staatsbürgerin dieses Landes und eben als ausgebildete Frau und dem entsprechend auch Zugang zum Arbeitsmarkt. Um auch dort noch mal ihre eigene Anerkennung zu bekommen.

domradio.de: Die Salafisten und deren kostenlose Verteilung von Koranausgaben - wie wichtig ist das für Sie, dass das zum Thema gemacht wird, auch bei dieser Islamkonferenz heute?

Tuba Isik-Yigit: Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Das stand nicht auf der Tagesordnung und ich finde auch, dass das nicht den Wert verdient, auf so einer Plattform überhaupt thematisiert zu werden. Jeder Mensch ist so frei in diesem Lande, dass er sagen kann: Ich nehme jetzt einen Koran mit oder ich nehme keinen mit oder ich lese mir das jetzt durch und schmeiße das dann später weg. Diese Menschen rufen ja nicht zu Gewalt auf und sie rufen auch nicht zur Gewalt gegen Frauen auf. Die Salafisten haben natürlich ein ganz bestimmtes Bild, was sie vermitteln,  speziell auf die Frau bezogen - auch auf den Mann. Sie haben natürlich dadurch, dass sie den Koran wortwörtlich verstehen, eine ganz fundamentalistische Ansicht, was auch diverse Rollenbilder anbelangt. Damit kann ich natürlich nichts anfangen, insbesondere als angehende Wissenschaftlerin, im Rahmen der islamischen Theologie und Religionspädagogik, weil diese Leseart des Korans für mich persönlich überholt erscheint.

Das Interview führte Monika Weiß.

Hintergrund

Die Deutsche Islamkonferenz hat häusliche Gewalt und Zwangsverheiratung verurteilt. Bei ihrer Plenarsitzung am Donnerstag in Berlin hätten die Mitglieder betont, dass häusliche Gewalt und die Nötigung zur Eheschließung schwere Eingriffe in das Persönlichkeits- und Selbstbestimmungsrecht sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit der betroffenen Personen darstellen, heißt es in einer Mitteilung des Bundesinnenministeriums. Dies könne weder akzeptiert noch toleriert werden.

Die Erklärung wurde von einer Arbeitsgruppe der Islamkonferenz dem Plenum zur Verabschiedung vorgelegt. Im Mittelpunkt der Plenarsitzung stand das Thema "Geschlechtergerechtigkeit als gemeinsamen Wert leben". Zur Integration von Muslimen am Arbeitsmarkt wurde zudem ein Leitfaden veröffentlicht. Außerdem wurde eine Handreichung über Rollenbilder von Mädchen und Frauen für Multiplikatoren in muslimischen Gemeinschaften vorgestellt, die bis Frühjahr 2013 in der Endfassung vorliegen soll.

An der Sitzung nahmen 17 Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen sowie sechs Vertreter muslimischer Verbände teil. Darunter waren neben der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) auch der Verband Islamischer Kulturzentren. Der Islamrat ist weiterhin suspendiert. Auch der Zentralrat der Muslime nahm nicht teil. Zusätzlich eingeladen waren zudem zehn unabhängige Muslime.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) gab bei der diesjährigen Tagung den Startschuss für einen Jugendwettbewerb zur Förderung von Chancengerechtigkeit am Arbeitsmarkt. Der Wettbewerb richtet sich vor allem an Schüler, Auszubildende und Studenten.

Begleitet wurde die Plenarsitzung am Donnerstag von der andauernden Debatte über die Koran-Verteilung radikal-islamischer Salafisten sowie Forderungen, das Thema auf die Tagesordnung zu übernehmen. Die Arbeitsgruppe "Präventionsarbeit mit Jugendlichen", die sich mit verschiedenen Extremismus-Formen beschäftigt, hat ihren zweiten Zwischenbericht vorgelegt. Extremismus soll das Hauptthema der Islamkonferenz 2013 werden. Die Arbeitsgruppe will ihren Schwerpunkt dabei vor allem auf muslimfeindliche Tendenzen legen.

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