10.04.2012

CIBEDO-Geschäftsführer zur Koran-Verteilaktion "Glaube nicht an den Erfolg"

Ausgerechnet am Osterwochenende starteten die islamistischen Salafisten eine Missionierungsoffensive. In 35 Städten verteilten sie kostenlos den Koran. Hinter der Aktion steht Ibrahim Abou Nagie, der beim Verfassungsschutz als einer der gefährlichsten Islamisten Deutschlands gilt. Timo Güzelmansur, Geschäftsführer der Christlich-islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle CIBEDO, einer Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz, glaubt nicht an einen Erfolg der Kampagne.

domradio.de: Was spricht denn nun überhaupt dagegen, den Koran auf der Straße zu verschenken?
Timo Güzelmansur: Im Prinzip spricht nichts dagegen, dass der Koran auf der Straße verteilt wird. Nur müssen wir uns aber darüber klar werden, wer den Koran verteilt und mit wem wir da ins Gespräch kommen. Wie Sie bereits angemerkt haben, gilt Abou-Nagie für den Verfassungsschutz als einer der gefährlichsten Prediger in Deutschland. Er gehört zu den Salafisten in Deutschland, diese Gruppe vertritt ein radikal-islamisches Verständnis. Vereinfacht gesagt: Diese Menschen unterteilen die Welt in Gut und Böse und malen in Schwarz und Weiß. Sie haben für den Dialog der Religionen und für die Integration nichts übrig.

Der Organisator dieses Koranprojekts selbst sagt in einer Videobotschaft z.B.: Der Dialog und die Integration stellen nur Dein Verderben dar. Also jeder, der nicht die gleichen Ansichten teilt, der ist ein Gegner für die Salafisten. Davon sind nicht nur die Muslime betroffenen, sondern auch die Christen und Juden, also jeder, der nicht die gleiche Sicht des Korans und der Suna hat, ist ein Gegner dieser Richtung.

domradio.de: Jetzt wurde der Koran ja auch kostenlos an Schulen verteilt. Was glauben Sie denn: Sind junge Menschen anfällig für diese Botschaft?
Güzelmansur: Die Beobachter der Szene sagen uns, dass gerade Jugendliche, die sich in der Persönlichkeitsbildung befinden und eine labile Persönlichkeit haben, anfällig für diese Richtung sind. Aber ich glaube nicht, dass diese Werbeaktion so erfolgreich sein wird. Denn der Koran ist nicht so einfach zu verstehen, wie diese Gruppe behauptet. Ich glaube nicht an einen Erfolg dieser Aktion.

domradio.de: Wir sprechen da jetzt von 25 Millionen Exemplaren, die verteilt werden sollen. Wie wird das ganze denn überhaupt finanziert und wie ist es organisiert?
Güzelmansur: Ich denke, dass die Finanzierung über die arabischen Staaten bzw. höchstwahrscheinlich Saudi-Arabien oder die Golfstaaten kommt. Das kann ein einfacher Prediger nicht allein bewerkstelligen, er braucht dazu Helfer. Dafür haben sich ja auch alle salafistischen Gruppen in Deutschland zusammengetan, auch wenn sie sich nicht verstehen bzw. verschiedene Ansichten haben. Sie haben sich für diese Werbeaktion vereint, und sie möchten das gemeinsam im 3-Ländereck Österreich, Deutschland und Schweiz verwirklichen.

domradio.de: Braucht es eine Genehmigung, den Koran zu verteilen? Also könnten Städte sich jetzt dagegen zur Wehr setzen?
Güzelmansur: Ich denke nicht. Das läuft alles im Rahmen der Religionsfreiheit, wie z.B. evangelikale Christen oder Zeugen Jehovas in den Fußgängerzonen stehen und die Bibel verteilen bzw. als Ansprechpartner da stehen, so können das auch Muslime, das steht ihnen zu. Ich glaube, eine Aufklärung genügt, um solchen Strömungen entgegenzutreten, damit die Bevölkerung weiß, mit wem sie es zu tun hat. Das sind keine toleranten Muslime, sondern wir haben es mit einer radikalen Strömung des Islams zu tun, die auch für unseren freiheitlich-demokratischen Staat gefährlich sein kann. Dessen müssen wir uns bewusst sein, wenn uns jemand in der Fußgängerzone so einen Koran in die Hand drückt.    

domradio.de: Beunruhigt Sie diese ganze Aktion der Koranverteilung? Glauben Sie, das ist jetzt eine neue Stufe, oder muss man nur richtig damit umgehen und dann hat es keine große Bedeutung?
Güzelmansur: Es beunruhigt mich insofern nicht, aber wir sehen, dass die Salafisten jetzt offensiver werden. Und der Erfolg dieser ganzen Kampagne wird es wahrscheinlich sein, dass man über die Salafisten spricht und sie Anhänger gewinnen, und zwar unter den vorher angesprochenen jungen Menschen, die vielleicht in der Persönlichkeit labil sind.    

Das Interview führte Verena Tröster.

Hintergrund
Islamisten wollen in Deutschland 25 Millionen kostenlose Korane auf Deutsch verteilen. Nie zuvor habe ihr Missionierungseifer derartige Dimensionen angenommen, berichtet "Welt online" am Wochenende. Die Sicherheitsbehörden seien in Sorge. Urheber der Aktion ist laut Zeitung der Kölner Geschäftsmann mit palästinensischen Wurzeln Ibrahim Abou Nagie, der den Salafisten nahe stehen soll. Er rief im Oktober 2011 das Projekt "Lies!" ins Leben, das den Koran in deutscher Übersetzung kostenlos in jeden deutschen Haushalt bringen soll. Mehr als 100 Info-Stände sollen die Salafisten laut "Welt online" in den vergangenen Wochen in deutschen Städten, vor allem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Hamburg, organisiert haben; allein an Ostern soll es Aktionen in 35 Städten gegeben haben. Bereits seien über 300.000 deutsche Koran-Übersetzungen verteilt worden, darunter auch in Gefängnissen, Schulen und Kindergärten.

Laut "Welt online" wird eine "überraschend gemäßigte" Koran-Übersetzung verteilt. Die deutsche Version nach der Übersetzung von Mohammed Ibn Ahmad Rassoul mit Kommentierung vom deutschen Konvertiten Frank von Bubenheim sei laut Verfassungsschutz eher "unkritisch" zu sehen, so der Bericht. Ziel der Kampagne sei es jedoch, Interessierte in Kontakt mit der salafistischen Szene zu bringen und sie im Sinn einer extremistischen Ideologie zu beeinflussen, zitiert die Zeitung eine Sprecherin des Berliner Verfassungsschutzes. Hinter der Kampagne stünden radikale Muslime mit einem extremistischen Weltbild und einer teils militanten Ideologie.

Ziel der Aktion ist es laut Bericht auch, die zersplitterte salafistische Szene in Deutschland zu einigen. Das Koran-Projekt sei als Versuch Abou Nagies zu werten, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen.

Der Salafismus ist eine islamisch-fundamentalistische Strömung. Ihr Vorbild sind die "Vorfahren", arabisch "salaf", der ersten drei Generationen von Muslimen. Sie lebten nach Meinung der Salafisten den "reinen Islam" der Frühzeit während und kurz nach den Offenbarungen Mohammeds. Der salafistische Islam ist geprägt von einem buchstabengetreuen Koranverständnis und Intoleranz gegenüber anderen Denkweisen. Ein Teil der Salafisten ist zwar gegen Gewalt zur Durchsetzung eines Gottesstaates, allerdings existiert ein dschihadistischer Flügel mit Verbindungen zur islamistischen Terrorszene.

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